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Jeschurun · 1886-08-19 · Heft 33 (19.8.1886) · p. 518

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 33 (19.8.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-08-19
Page
518 (sequence 2)
Language
German
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518 zerriß und die Uhr, die daran befestigt war, zur Erde fiel. ״O, wie ungeschickt!" rief sie, indem sie sich danach bückte. Albertine war ihr jedoch schon zuvor gekommen. ״Das war ein glücklicher Fall," sagte sie, ״nicht einmal daö GlaS ist zerbrochen, und sie geht munter weiter. Aber ich höre meines Vaters Stimme, er hat nicht lange geruht. Kommen Sie, Bella, lassen Sie uns hinübcrgehcn." ״Ich bin bereit," cntgcgncte daö junge Mädchen, aber eine plötzliche Zaghaftigkeit hatte sich ihrer wieder bemächtigt, sie wäre am liebsten in ihrem Zimmer geblieben, doch sie fand im Moment keinen passenden Borwand. Eine erzwungene Schcrzrede an ihre Wirthin richtend, folgte sie dieser in das, Speisezimmer, wo, wie Albcrtine richtig vermuthetc, die Herren bereits ihrer warteten. Der SanitätSrath nickte ihnen freundlich zu, Steinthal erkundigte sich angelegentlich nach Bellas Befinden, ob sie sich bereits genügend ansgeruht. ״Nun, Friedrich." wandte sich Albertine an ihren Bruder, ״willst Du beim unfern lieben Gast nicht begrüßen? Herr Doktor Friedrich Walther," fügte sie scherzend hinzu, ״Fräulein von Merten." ״Ich hatte bereits das Vergnügen," erwiderte Bella lächelnd. Walther verneigte sich in gemessener Höflichkeit, ohne ein Wort zu reden, und wandte sich dann sofort wieder an seinen Schwager, mit dem er vorhin sich unterhalten. ״Entschuldige, lieber Friedrich, wenn ich mir erlande, Deine gelehrten Auseinandersetzungen zu unterbrechen. Aber unser lieber Vater und Fräulein von Merten dürften hungrig sein." Man ging zu Tische, die Unterhaltung war lebhaft und allgemein. Bella, bis in das Innerste ihres Herzens verletzt durch die sichtliche Kälte, mit der ihr ehemaliger Verlobter ihre Anwesenheit so viel als möglich zu ignorircn schien, zwaitg sich zur Heiterkeit, und, gewohnt in Gcgcinvari Anderer sich zu beherrschen, gelang ihr dieses auch so vollständig, daß Walther leine Ahttnng hatte von dem wildem Pochen ihres Herzens, das in glühender Sehnsucht nach einem warmen Blick von ihm verlangte. Träumerisch blickte er vor sich nieder, auch er zwang sich hin und wieder zur Theilnahme an der Unterhaltung; zur Heiterkeit sich zu zwingen, das vermochte er nicht. ״Wie steht es denn mit der Angelegenheit, um derentwillen Du hier bist," wandte sich der SanitätSrath im Laufe des Gespräches an seinen Sohn. Dieser zuckte die Achseln. ״Leider ist cS mir trotz j meiner unablässigen Bemühungen noch nicht gelungen, j die Sache vollständig anfzuktären. Ende nächster ׳Woche ist zwar die Gerichtsverhandlung anberaumt, aber —" ״Bist Du denn von der Schuldlosigkeit Deines Klienten überzeugt?" ״Vollkommen, der Mann scheint ein durch und durch rechtschaffener, achtungSwerther Charakter. — ES war ein Feuer in seiner Wohnung auSgebrochen, da hat der Wackere, nachdem er seine Kinder gerettet, vor Allem seine Scforim in Sicherheit gebracht, und als er daun seine übrige Habe retten wollte,׳ da war eS zu spät und so ist er um sein ganzes Hab und Gut gekommen. — Und bei diesem Brande soll er eine alte Frau, die in einem Seitenflügel seines HanscS wohnte, erschlagen haben, um sich ihrer Habscligkeitcn zu bemächtigen. Ist das denkbar?" ״Welche Frage!"" ״Freilich ist daö keine Frage. Und dennoch dürfte es unendlich schwer sein, die Richter von seiner Unschuld zu überzeugen, denn die Umstände sprechen leider gegen ihn. — Doch ich muß sehr um Entschuldigung bitten, ich habe noch heute eine Besprechung mit einem Kollegen. Dürfte ich Dich bitten," wandte er sich an seinen Schwager, ״das Tischgebet verrichten zu lassen?" Stcinthal entsprach seiner Aufforderung, er ersuchte den SanitätSrath, das Tischgebet vorzutragen, und sobald dasselbe beendet, erhob sich Walther, drückte seinem Vater die Hand, verneigte sich grüßend gegen die Ucb!!gen und verließ hastigen Schrittes das Zimmer und gleich darauf das HanS. Er rannte dahin, als ob in Wirklichkeit die größte Eile von Nöthen, und doch hatte er bis zu der erwähnten Besprechung noch eine volle Stunde Zeit. Aber eS war ihm allmählich nahezu unerträglich gcworden, jenem liebreizenden Mädchen gegenüber zu sitzen, das ihn so schnöde von sich gewiesen und an dem er dennoch mit verzehrender Leidenschaft hing. Sie erschien ihn schöner, reizender als je, seine kühle, beinahe abweisende Haltung ihr gegenüber hatte ihn unerträglichen Zwang gekostet, darum hatte er jene Besprechung vorgeschützt, um sich eiligst entfernen zu können. Als er jedoch die Promenade erreicht hatte, die zur Stadt hinsührte. da mäßigte er seine Schritte und schleuderte langsam einher. Es war gegen Abend, die Schwüle des TageS war vorüber, ein erfrischender Luftzug streifte durch daö Laub der Bäume, die sich säuselnd auf und nieder neigten. Die Promenade war in dieser Gegend wenig besucht, nur eine hochgcwachscne, schlanke Dame, von einem schönen, kaum sechsjährigen Knaben begleitet, hatte seit einigen Minuten WalthcrS Aufmerksamkeit erregt; unwillkürlich lauschte er den gescheiten und doch so kindlich naiven Fragen des nmnlcrn Kleinen.

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