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Jeschurun · 1886-08-12 · Heft 32 (12.8.1886) · p. 504

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 32 (12.8.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-08-12
Page
504 (sequence 3)
Language
German
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504 Ausgange zuschritt, oll ihr Denken und Empfinden war Jubel und Dank. Auch der Sanitätsrath schien ihre Gegenwart vergessen zu haben, erst am Ausgang des Bahnhofes wandte er sich zu ihr. ״Erlaube, liebe Bella, daß ich Dir meinen Schwiegersohn vorstelle. Herr Stcinthal, meine Adoptivtochter, Fräulein von Merten. — Eure Depesche hat mich gestern so konfus gemacht, daß rnich mein liebes Töchterchen nicht allein reisen lassen wollte." Dunkele Gluth überzog daö Angesicht des jungen Mädchens, jetzt empfand sie ihre Anwesenheit als Pein, sie wäre am liebsten sofort wieder zurückgefahrcn, doch daö ging nicht wohl an, und da bot auch Steinthal ihr schon die Hand. ״Willkommen, liebes Fraulein, und herzlichen Dank für Ihre liebevolle Aufmerksamkeit für unfern theucrn Vater. Meine Frau wird sich Ihnen gleichfalls herzlichst verpflichtet fühlen und sich aufrichtig freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen." Was Bella erwiderte, war ihr selbst nicht recht klar; cs kam ihr Alles so seltsam vor, wie im Traum schritt sie dahin, doch Plötzlich blieb sie stehen, ihr Fuß schien am Boden zu wurzeln. Wie sollte sie ihm entgegeittrcten, ihm, den sie so schmählich gekränkt und den sie doch so innig liebte? — Unmöglich — sie mußte fort! fort! 11m jeden Preis! ״Bitte, mein Fräulein, wollen Sie nicht gefälligst eittstergcn?" Sic suhlte, wie Stcinthal ihr in den Wagen Helsen wollte, und unwillkürlich entsprach sie seiner Auffordcrnng und sank bann erschöpft in die Wagcnecke neben dem SanitätSrath. Sein Schwiegersohn setzte sich ihnen gegenüber und der Wogen rollte davon. ״Die Reise hat Dich doch gehörig angestrengt," sagte der SanitätSrath. ״O, nicht doch, nicht doch —" murmelte sic, aber sie schien kaum im Stande, die Augen offen zu halten. ״Wir sind doppelt in Ihrer Schuld, Fräulein von Merten," sagte Steinthal, voll Interesse das jetzt wieder bleiche, junge Mädchen betrachtend, ..und müssen uns auch bei Ihnen entschuldigen, daß wir unfern lieben Vater so Hals über Kopf zur Herreise veranlaßt haben. Aber unser Kleiner war mehrere' Stunden vollständig bewußtlos, wir mußten das Aergstc fürchten, meine Frau verlangte unablässig dm ärztlichen Beistand ,ihres. Vaters, und unser Arzt selbst riech mir, nicht zu zögern.? ״Ich finde es nur zu natürlich," versetzte Bella, mit Gewalt die Schwäche bekämpfend, die sie zu überwinden drohte, ^aber der Kleine ist doch bereits außer Gefahr?" ״Vollständig. Gott sei Dank! Aber meine Frau wird der Erholung bedürfen nach dieser Aufregung, und auch Sie, liebes Fräulein, bedürfen vor Allem der Ruhe. Sie müssen sich niederlegcn, noch bevor meine Frau Sie begrüßt hat." Bella widersprach nicht, sic fühlte sich in der Thal vollständig erschöpft und einige Stunden Ruhe schienen ihr doppelt erwünscht, ward doch dadurch die Begegnung mit ihrem ehemaligem Verlobten mindestens ebenso lange verzögert. Man hatte das Fabrikgebäude, an dem sich das Wohnhaus des Besitzers anschloß, erreicht. Der SanitatSrath begab sich sosort zu seiner Tochter. Steinthal jedoch rief vor Allem die Haushälterin herbei und befahl ihr, die junge Dame in das Gastzimmer zu geleiten und für Erfrischungen rc. zu sorgen. Dann grüßte er höflich und empfahl.sich. ״Betrachten Sie sich hier wie im eigenen Hanse, liebes Fräulein, auf Wiedersehen!" Bella folgte der vor ihr Einherschreitenden in ein mit einfacher Eleganz eingerichtetes, überaus freundlichcs Zimmer. Sie war jedoch so ermüdet, daß die freundliche Alte ihre Hnlfeleistnng anbtctcii zu müssen glaubte; Bella lehnte dankend ab, entledigte sich hastig ihrer Oberklcidcr und warf sich aus das Ruhebett und schon nach wenigen Minuten umfing sie ein sanfter, traumloser Schlaf. Sie hatte mehrere Stunden geschlafen, und als sie endlich erwachte, blickte sie verwundert um sich, sie wußte im ersten Moment nicht, wo sie sich befand. Doch bald entsanu sic sich, und ihr erstes Gefühl war wiederum Dank gegen Den, der die entsetzliche Angst der verflossenen Nacht in Gnaden von ihr genommen. Sie suhlte sich so frisch, so leicht; selbst ihrem mnthmaßlichen Zusammentreffen mit dem Sohne des SanitätsrathS, das sie vorhin bei ihrer Ankunft so sehr gefürchtet, sah sie jetzt verhültuißmaßig gleichumthig entgegen. Der Sanitätsrath hatte ihre. Anwesenheit in so natürlicher und so überaus freundlicher Weise erklärt, daß sie sich derselben nicht zu schämen brauchte, und sie wollte cs auch nicht. Nasch erhob sic sich, ordnete ihre etwas deraugirte Toilette, und hatte dieselbe kaum beendet, als sie ein leises Klopfen an der Thür vernahm. Sie schob den Riegel zurück und öffnete, imd eint zarte junge Frau mit lebhaften, dnnlelcn Augen und äußerst sympathischen Zügen stand vor ihr. (Fortsetzung folgt.)

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