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Jeschurun · 1886-08-12 · Heft 32 (12.8.1886) · p. 503

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 32 (12.8.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-08-12
Page
503 (sequence 2)
Language
German
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503 ״Heute vor einem Jahr waren wir auch unterwegs." 'Er blickte sie fragend an. ״Morgen wird eS ein Jahr, seit Sie mich in Ihr HauS aufgenomnien haben." . Er fuhr mit der Hand über die Stirn. ״Schon ein Jahr?" ״Ein volles Jahr," cntgcgnete sie, ״Und so viel Güte, so viel Liebe haben Sic mir während dieses Jahres erwiesen, und ich —" ״Du hast sie reichlich vergolten." erwiderte er, liebevoll zu ihr herniederblickend. ״Schlecht," flüsterte sie, indem sie seine Hund an ihre Lippen zog. und eine ThrLne siel darauf, ״schlecht habe ich Ihnen vergolten, was Sie an mir gethan — Ihren einzigen Sohn habe ich ans dem Vaterhause verdrängt, und nun —״ ״Da bist Du im Jrrthum," versetzte der Sanitätsrath mit mildem Ernst, ״wenn ich auch Dein Derhalten Friedrich gegenüber weder rechtfertigen noch auch nur begreifen kann. — verdrängt hast Du ihn mit Nichten. Auch ohne Euern Bruch wäre er nach O.... Ein armer jüdischer Familienvater, der schon seit einer Reihe von Jahren in meines Schwiegersohnes Fabrik beschäftigt ist, ist nämlich eines schweren Verbrechens angeklagt. Tie Umstande sprechen gegen ihn und man erwartet allgemein seine Berurtheilung. Meine Kinder jedoch, die ihn als einen frommen, rechtschaffenen Mann kennen, sind von seiner Unschuld überzeugt. Mein Schwiegersohn hatte schon früher Friedrichs Rath in dieser Angelegenheit erbeten, doch von der Ferne ließ sich das schwer bcurtheilen. Das hat Albcrtinc eingesehen, und als sie vor einigen Wochen durch einen seltsamen Zufall der unglücklichen Verwickelung auf die Spur gekommen zu sein glaubte, da hat sie rasch entschlossen ihren Bruder telegraphisch berufen." Bella athmete tief auf, sie empfand die Mittheilung des SanitätSrathes als eine Art Erleichterung, und dennoch war ihr das Herz so schwer, so unaussprechlich,schwer. — Wie würde sie ihn finden, ihn, für den sie sich gewöhnt hatte, nur Hochachtung zu empfinden und für den sie nun mit einem Mal ein Gefühl empfand, das sic ehedem nie gekannt hatte. — Nein, das war nicht jenes Gefühl, das jener Elende ihr einst eingcflößt, aber ein ungleich tieferes, wärmeS — und eben darum hatte sie cs verkannt. Und wenn er nun sterben würde! — sterben, ohne ihr verziehen zu haben! — sie hätte laut aufschreien mögen in wildem Schmerz. Oder hatte sie aufgeschrien? — hatte nur das Getöse des dahin brausenden Zuges ihren Schrei übertönt? — Aber der Sanitätsrath mußte einen Laut von ihr vernommen haben. ״Was sagst Du, Kind?" fragte er. Sie erwiderte nichts, aber sie lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen; er wähnte sie schlafend und schloß sorglich das Fenster,״ denn der Morgen grauete bereits und ein kühler Luftzug drang in den Wagen. Aber sic schlief nicht, so wenig wie ihr Begleiter. Der Tag brach an und schritt vor, noch immer war es zu keiner wirklichen Unterhaltung zwischen den beiden Reisenden gekommen, nur hin und wieder wechselten sie einige Worte. - Endlich gegen Mittag waren sie ihrem Ziele nahe. ״Dieses ist die letzte Station," sagte der SanitätSralh. Bella preßte die Lippen auf einander und beide Hände fest auf das Herz, es pochte so laut, so wild — ihr war, als könne sie es kaum ertragen. Der Sanitätsrath schaute beharrlich aus dem Fenster mit weit aufgerissenen Augen, auf seinem sonst so frischem, freundlichem Gesicht zeigten sich tiefe Falten, er erschien heute am Tage noch älter als in der Nacht. Da ertönte ein lauggedehnter, schriller Pfiff, die Wagen rasselten langsamer dahin, gleich darauf hielt der Zug. Der Sanitätörath lehnte aus dem Fenster. Er hatte seinen Schwiegersohn, der ihn ans dem Perron erwartete, bereits erkannt und war auch von diesem bemerkt worden. ׳ ..Willkommen, lieber Vater! herzlich willkommen! und Dank, daß Sie so rasch gekommen sind. Jetzt wird auch Atbertinc ruhig werden." ״Und Friedrich? — was macht er?" ״Wie der Arzt versichert, ist die Gefahr Gottlob vorüber. Aber Albertine will eS nicht glauben, läßt ihn noch immer nicht aus den Armen, denken Sie sich, während der ganzen Nacht hat sie ihn auf dem Schooß gehalten." ״Was?" rief der SanitätSrath betroffen, ״Albertine hält ihn auf dem Schooß? ״Nun ja, freilich, Sie kennen doch ihre Uebertricbenhcit. Gestern hat eS sreitich arg ausgesehen, und wir können Gott nicht genug danken, daß die Sache eine glückliche Wendung genommen hat. DaS Kind ist die Treppen hinunter gestürzt, und —" Der SanitätSrath schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. ״Du sprichst von einem Kind?" ״Nun ja, freilich, von unserm Friedrich." - Bella hätte laut ausjauchzen mögen, jetzt erst entsann sie sich, schon früher gehört zu haben, daß auch der älteste Enkel des SanitätSrathes Friedrich genannt wurde. Also ein Mißverständniß war eS, und alle ihre Angst, all ihr Schrecken umsonst. — Gott sei Dank! jubelte es in ihr, Gott sei Dank! Sie hörte nicht, was die Herren weiter mit einander sprachen, obgleich sie dicht neben ihnen dem

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