Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1886)
- Article
- Israels Trauer - Israels Trost
- Date
- 1886-08-12
- Page
- 499 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933186-2966566--22629-2966611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lebenskraft nicht brechen, und der Abfall der eigenen Bruder vermindert wohi zur Zeit den Reichthum der Blättcrkrone des gewaltigen EichstammeS, aber erschüttert die Festigkeit seiner Wurzel nimmer. Der alte, feste, treue Stamm bleibt und treibt zu allen Zeiten neue Blnthen, und auch die Gegenwart ist nicht ganz dieser Blnthen arm. Es lebt doch überall in allen Thcilen des weithin versprengten Israel ein kleines,. treues Häuflein als Saal für das Heil der Zukunft, und durch die Ereignisse der Weltgeschichte tönt doch der Ruf: פנו דרך ד, ישרו בערגת מסלה ״ לאלדינוBahnet Gott den Weg — ebenet in der Oede den zu Luscrm Herrn aufwärts führenden Pfad." Das ist Israels Trost, dessen Quell nimmer versiegt, der nimmer seine erhebende Kraft verliert. Die freie DMMW für die Interessen des öchsdoren Indenthms. (Fottsctzung.) Man wird der geschickten Leitung des deutschisraelitischen Gemeindebundcs zugestehen müssen, daß sie denselben als geeignetes Werkzeug zur Erreichung jenes großen Ziels zu bumtzen wußte, das Rcformjudcnthum zum deutschen Staatsjudenthum zu erheben. Die in der ersten embryonischen Zeit vorgekommencn kleinen Mißgriffe*) wurden bald erkannt und beseitigt. Männer von so radikal reformistischer Anschauung oder Ueberzeugnng wie der eigentliche Vater des Bundes, Emil Lehmann n. A., durften nicht allzusehr in den Vordergrund treten. Man gab frühzeitig die Parole aus, daß der Bund ״irgend welche Bevorzugung einer bestimmten Parieirichtung nicht beabsichtige." Man wandte sich an ״alle deutsche Glaubensgenossen in Nord und Süd", ״die trotz mannigfachster Abweichung in religiöser Praxis nnd Anschauung ein jüdisches Herz haben, das heiß schlägt für Alles, was unseren Glauben nnd dessen Genossen berührt", um im deutsch-israelitischen Gemeindebunde ״die von Vielen der Besten laugersehnte Einigung" zu bieten. Dieses Programm lautet heute in der offiziellen Sprache: ״Die Behandlung fultucUcr und ritueller Fragen ist. von der Thätigkeit des Bundes ausgeschlossen," und ferner: *) So z. B. wenn ein Apostel des Gemeindebundts am Sabbath in Gemeinden anlangte, um sie für den Anschluß zu begeistern nnd nachdem dieses geschehen,׳ am selben Sabbath weiter fährt u. dergl. m. Die ersten Führer waren zum Theil so sehr dem Iudenthum entsremdet, daß sie gar keine Ahnung davon hatten, wie man doch immer ein gewisses Dekorum wahren müsse, um nicht das Volk zu brüskiren. ״Die Bestrebungen und Erscheinungen der einzelnen Gemeinden z u s a m m e n f a s s e n d und von ihrem Vertrauen getragen, will der Bund alle Veranstaltungen für die Erreichung der (Bundes-) Zwecke (d. i. unter Andern Fürsorge für Religionsunterricht, Ausbildung von NcligionSlehrern) fördern, die kleinercn ärmeren Gemeinden hierin mit Rath und Mitteln unterstützen, unter gebührender Berücksichtigung örtlicher Verhältnisse und Herkömmlichkeiten gewisse allgemeine Normen aufftnbcit und ein führen, sowie endlich größere Einrichtungen, welche der Gesammtheit zu Gute kommen sollen, mit vereinten Mitteln herstellen. Jene wichtige Aufgabe der einzelnen Gemeinden, ihre Zugehörigen religiös zu erziehen und dieselben sowohl in der.treuen Anhänglichkeit an die angestammten religiösen Traditionen, als auch in der Hingebung an das Vaterland und in allen Bürgertugenden zu bestärken, ist auch die erste Aufgäbe des Bundes, nur auf einem erweiterten Arbeitsgebiete." Es dürfte schwerlich ein feinerer Plan ersonnen werden können, welcher diesem mit Umsicht und Energie beharrlich verfolgten zur Seite zu stellen wäre. Wie klcin nnd beschränkt erscheint gegen diese Taktik der Laien jene polternde der nunmehr von der Führung zurückgedrängten Neformrabbiner! Mit dem Palmenzweig des Friedens naht hier die Reform der Orthodoxie und beut ihr den Bruderkuß. ° ״Waö kümmert uns das Gezänk der Theologen", so tautet ihre Rede, ״mögen die geistlichen Herren ihren Schnlstreit weiter kämpfen. Wir sind praktische, friedliche Männer, lassen Jeden handeln und denken, wie es ihm beliebt. Wir sind nicht reformistisch, nicht orthodox. Wir stehen über den Parteien und fördern die Einigung. Jede, auch die orthodoxeste Gemeinde kann sich uns anschließen, kann sich unter die Aegide unserer Leitung begeben. Alle religiösen Zwistigkeiten und Differenzen schweigen in unserer Nähe. Nichts von kultuetlcn und rituellen Fragen — wir fördern die angestammte religiöse Tradition, wir schaffen Fürsorge für den ReligionSunterricht, wir bilden NeligionSlehrer ans und stellen hierfür und für die sonstigen Anliegen und Aufgaben der jüdischen Gemeinden allgemeine Normen, aus und sorgen für deren Einführung nicht nur, sondern beschaffen auch für die Gesammtheit zweckmäßige Institutioncn. So erreichen wir die Einheit des deutschen Judenthums." Man sollte cS kaum glauben, wenn nicht die thatsächliche Erfahrung cs bestätigte, daß dieser Sirenengcsang manche orthodoxe Gemeinden und Gemüther bestrickte. Es zeugt einerseits von einer rührenden Vettrauensscligkeit im orthodoxen Lager, daß inan diesem Lockrufe der Jenseite folgte und des langen, mir aller