Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1886)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1886-08-05
- Page
- 486 (sequence 3)
- Language
- German
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486 obwalteten. ES ist übrigens durchaus nachgewiesen, daß den jüdischen Kolonisten an dem kläglichen Gedeihen der Kolonien bis in die neueste Zeit keine Schuld beizumessen ist. Die Demidow'sche Mißverwaltung, die an ihnen geübten Unterschlagungen u. s. w., sie allein trugen nebst manchen anderen Uebelständen die Schuld. Erst als hier Wandel geschaffen worden ist, gelangten auch die Kolonien zu einer besseren Entfaltung. Die Thatsache ist nicht zu bestreiten, daß die russischjüdischen Kolonien Don!806 bis 1846 ״eigentlich perpanent eine durchaus unlegale uud rücksichtslose Be- Handlung erfuhren und einzig und allein aus diesem Grunde zu keiner gedeihlichen Entwickelung zu gelangen vermochten." *) Heute aber stehen die jüdisch-russischen Kolonisten in keiner Weise den christlich-russischen nach, wie der russische Jude überhaupt Nachweisbar und unleugbar ein guter Patriot ist, ״der alle bürgerlichen und sozialen Psiichten im vollsten Maße erfüllt und niemals auch nur einigermaßen begründete Veranlassungen zu jenen empörenden AuSschreitungen gegeben, welche sich in neuester Zeit die christlich-russische Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger erlaubt hat." 2) ״Nach logischer Folgerung hat somit auch die russische Negierung nicht nur nichts Nachtheiliges für das Wohl ihres Reiches zu befürchten, wenn sie ihren jüdischen Unterthanen die volle bürgerliche Gleichberechtigung mit ihren christlichen Unterthanen gewährt, sondern im Gegentheil nur großen Nutzen in allen Beziehungen von diesem Schritt zu erwarten." ״Der Name desjenigen Zaren, welcher die unzeitgemäßen noch heutigen Tages im ganzen russischen Reiche der Gleichberechtigung des jüdischen Bürgers mit den christlichen gesetzten Schranken völlig und dauernd beseitigt, wird gleich glänzend in der Geschichte des russischen Volkes strahlen, wie der Name des unvergeßlichen Kaisers Alexander II, welcher sich durch die Abschaffung der Leibeigenschaft ein Denkmal, dauernder als Erz, für alle Zeiten gegründet hat." Damit schließt der Verfasser sein höchst interessantes und verdienstvolles Werk, dem wir die allerweiteste Verbreitung im Interesse der Wahrheit über die russische Judenfrage wünschen. Uandelnnge«. von Friedrich R ott. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) ״Wie kommt das dazu?" fragte sie, mehr, um der an sie gerichteten Frage auSzuweichcn, als aus Interesse an ihrer eigenen Frage. ’) Seite 211. -) Seite 218. ״Das kommt im hohen Grade dabei in Betracht. Denn bei uns Juden sind sicherlich neun Zehntel aller ehelichen Verbindungen Vernunstheirathen, während bei den nichtjüdischen Völkern das entgegengesetzte Verhältniß obwalten mag. Dafür ist auch, anerkannt von allen Völkern, das jüdische Familienleben das denkbar reinste und glücklichste. Eine unglückliche Ehe in ächt jüdischen Kreisen gehört zu den größten Selten- Helten, während in nichtjüdischen Kreisen — nun, diese kennst Du und wirst mir zugeben, daß in diesen unglückliche Ehen nicht gerade zu den Seltenheiten zählen. Bei einigem Nachdenken wirst Du den Grund dieser Thatsache leicht erkennen. Bei sogenannten Vernunfthcirathen prüfen wir vor Allem mit unserer Vernunft den Charakter, die Persönlichkeit, die Verhältnisse, zuweilen auch die Neigungen und Gewohnheiten Desjenigen, mit dem wir uns verbinden wollen. Wir erkennen seine Schwachen und Fehler, prüfen uns selbst, ob wir dieselben übersehen wollen und können oder nicht. Haben wir uns dazu entschlossen, sind wir eine derartige Verbindung cmgegangen, dann nrst erwacht unsere Neigung, und diese wächst von Jahr zu Jahr, denn an die Schwächen und Fehler, die wir vorausgekannt, an diese haben wir uns rasch gewöhnt, aber mehr und mehr treten die bessern Eigenschaften, die wir erst durch längeres Zusammenleben kennen lernen, hervor. Bei den sogenannten Neigungspartien jedoch waltet das entgegengesetzte Vcrhältniß. Liebe ist blind, sagt das Sprichwort, aber sie ist nicht nur blind, sie macht blind. Die offen zu Tage liegenden Fehler und Schwächen Desjenigen, den wir lieben, übersehen wir, wir glauben einen Engel zu lieben — doch in dieser Beziehung hast Du bereits Erfahrung. Und wenn die sogenannten Flitterwochen vorüber, der Rausch verraucht, und wenn wir mit nüchternen Blicken um uns schauen, dann gewahren wir oft zu unserem Entsetzen —" Die alte Katherine trat in das Zimmer, der Sanitätörath wurde schlennigst zu einem Schwerkranken gerufen. ״Wir sprechen noch weiter darüber," rief er dem jungen'Mädchen zu, grüßte sie freundlich und eilte hinaus. Bella athmete erleichtert auf, die Erörterungen des SanitätSraths warm ihr peinlich, um so Peinsicher, als sie denselben nicht zu widersprechen vermochte. Seltsam, von alle dem, was er ihr da gesagt hatte, hatte nichts so sehr ihr Interesse erregt, als die hingeworfene Aeußerung, daß Friedrich wisse, wie ihr seliger Vater dergleichen -eurtheilt hatte, und sich dennoch nicht hatte entschließen wollen, ihr dieses mitzutheilcn. Er wollte sie ihrer kindlichen. Pietät allein nicht verdanken. — Der SanitätSrath stimmte ihm zu, ein Mann wie er — -