Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1886)
- Article
- Zur russischen Judenfrage
- Date
- 1886-08-05
- Page
- 485 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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485 besitz, siedelten dorthin über, begannen unter Zuhülfenahme sachverständiger jüdischer Arbeiter den Betrieb der Landwirthschaft und beanspruchten sür sich wie für ihr jüdisches Personal alle vom Kaiser den Kolonisten versprochenen Rechte und Privilegien."l) Durch diese Entleerung der lithauischen Städte von den begüterten Elementen nahm das Elend in denselben unter der jüdischen Bevölkerung noch mehr zu. Diese Aermsten warteten sehnsuchtsvoll ans den endlichen Befehl zum Abmarsch nach Neu-Rußland. um dort als Kolonisten angcsiedclt zu werden. Dem Generalmajor Drebusch gebührt das Verdienst, den unverschuldeten Nothstand dieser Bedauernswerthen in energischer Weise zur Sprache gebracht zu haben. Er wies nach, daß derselbe in der gegenwärtigen schrecklichen Gestalt durch die Sistirung des sibirischen Kolonisationsprojektcs und die lange Verschleppung der Ausführung der südrnssischen Ansiedelung hervorgerufen sei. Benkendorf schickte diesen Bericht an Blndow, dieser solchen au Kisselew, welcher sich daraufhin beeilte, allen Gouverneuren, in deren Gouvernements sich angemcldete Kolonisten befanden, aufzugeben, dem stellvertretenden Gouverneur von Neu Rußland, General Feodorow, die Zahl der Anzusiedelndcn mitzutheilen. Daraus meldete u. A der Gouverneur von Lithauen, Dolgorukow, 1467, und der Gouverneur von Smolensk, Diakow, 422 jüdische Familien an. Feodorow war über diese große Zahl umsomehr bestürzt, als in Neu-Rußland eigentlich gar nichts für die Gründung der neuen Kolonien geschehen war. Er ersuchte deshalb die Gouverneure dringend, ״unter keinen Umständen voreilig mit dem Abschicken der Kolonisten-Trausporte zu beginnen."׳) Nach langen Verhandlungen und Verzögerungen, gedrängt durch ein kaiserliches Dekret, völlig ungenügend vorbereitet, begannen endlich die Transporte, welche mit 835 Familien, die auf einige Kosten reisten, ihren Anfang nahmen. Damit erwachte eine Begeisterung für die Kolonisation unter den Juden, die nach der Befreiung aus der durch die unnatürliche Anhäujung in den Städten eines engen Rayons üblen ökonomischen Lage schmachteten und gern den Waarenbündel und das bei der Ueber- -füllung den Mann nicht ernährende kleine Handwerk mit der Pflugschaar vertauschen mochten. Da aber erschien ein Dekret (1840), ״welches ganz dazu geeignet war, die Begeisterung völlig auszulöschen und sämmtliche Juden mit gerechtem Mißtrauen und Unwillen zu erfüllen." 3) Dieses Dekret ist eine Arbeit der beiden Minister Bludow und Kisselew aus ׳dem Jahre 1839, welches im darauffolgenden Jahre Gesetzeskraft erlangte. Es beschränkte oder hob die früher den Kolonisten versprochenen Rechte auf und erösfncte der Befürchtung, daß die Kolonisten zu willenlosen Ackerbau-Sklaven de- Ministeriums der Krondomänen degradirt werden könnten, weiten Spielraum. Statt des ersehnten Befehls, welcher über die Trausportirung der Kolonisten genaue und eingehende Vorschriften ertheilte, erschien dieses Dekret auch den Gouverneuren als ein Uebel. Sie verzichteten auf ein ferneres Warten und, gestützt auf die allgemein lautende kaiserliche (5rtautmi§ zum Abmarsch, setzten sie die Kolonistenkolonnen in Bewegung. Man muß die Schilderung dieser Transporte in dein Etlichen Buche lesen, um sich einen Begriff von dem entsetzlichen Schicksale zu machen, das den armen Kolonisten dieser Transport bereitete. Nicht als ehrliche, arbeitslnstige und zur Kolonisation von den Behörden animirte Unterthanen, als eine Horde Sträflinge, die zu ihrem Srraforte geschleppt wurden, so eskortirte man diese Familien Unter Fluchen und Wettern, Stoßen und Schlagen setzt eine rohe Soldateska die Männer, Greise, Frauen, Kinder und Säuglinge in Marschtempo! ״Wie viele Greise, Weiber und Kinder schon ans der Route nach MieSk und Brobuisk den Strapazen der Märsche zum Opfer zcfallcu sind, darüber ist weiter nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen, als das sehr glaubwürdige Gerücht, daß die Zahl der Gestorbenen eine verhältnißmäßig sehr große gewesen ist." ') Kein Wunder! Schlecht verpflegt, ohne jegliche Vorsicht sür Erkrankungen, zu Fuß dahin geschleppt, so zogen diese hoffnungsvollen Kolonisten zur Erfüllung des karserlichm Wunsches nach Neu-Rußland. Wenn die Landesbevölkernng mit diesen Elenden und Armen nicht Mitleid gehabt hätte, so wären sie wohl zum größten Theite aufgcricben worden. So wetteiferte u. A. die christliche Bevölkerung von Kementschug mit der jüdischen, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen. In einem geheimen Schreiben an Kisselew konstatirt Generalmajor Benkendors, ״daß die kurländer Inden aus dem Marsch nach NeuNußlaud die infamste Behandlung von der Eskorte erfahren haben."׳) Endlich langten die Züge nach!sägticher Noth in Neu-Rußland an und fanden hier nicht das Mindeste vorbereitet, wohl aber, harrte ihrer hier ״eine barbarische Behandlung", ״die epidemische Krankheiten erzeugte."3) Ohne Obdach, ohne Subsistenzmittel — das war die Erfüllung deS schönen Traumes der Kolonisation, der die Aermsten vou ihrer fernen Heimstälte hierhergeführt. Der Gouverneur Graf Woronzow nahm sich ihrer an, soweit, er vermochte, und ihm ist die Cr- Haltung dieser Unglücklichen zuzuschreiben. CS war verhäugnißvoll sür die Kolonien, daß zwischen dem Gouvernement und dem Ministerium Mißhelligkeiten Seite 92. -) Seite 108. 3) Seite 113. ') Seite 123. -) Seite 140. ב) Daselbst.