Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-07-29
- Page
- 478 (sequence 2)
- Language
- German
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478 Familie Colmar angelangt sein und Hedwig dem Rittmeister gegcnüberstehcn werde. Dieser Moment war bald da und machte Rafael tief erblassen. Er sah seinen Argwohn auf das Unzweideutigste zur Gewißheit erhärtet. Ein leichtes Roth überhauchte die Wangen HedwigS, als sie vor Franz von Colmar hintrat; sie beantwortete seine Begrüßungsworte mit sichtlicher, aber durchaus nicht Uebelwolleu vcrrathender Derlcgenheit und einige Worte, die er ihr zuflüsicrtc, machte die Nöthe in ihren Wangen höher steigen und lockte das verschämte Lächeln um ihre Lippen entschiedener hervor. Erst wenn er eine Ahnung gehabt hätte von dem, was im Verborgenen, für alle Blicke unsichtbar, sich zutrug, wenn er gesehen hatte, wie Hedwig eine Nelke, die sie zwischen den Fingern gehalten, wie zufällig zu den Füßen des Rittmeisters fallen ließ, was das erbetene Zeichen der gnädigen Erhörung war. Ein bedeutsamer Blick, welchen der Rittmeister mit einem eingcweihten Kollegen heimlich wechselte, als Hedwig an ihm vorüber war, belehrte Rafael, daß er die Symptome richtig ansgclegt hatte. Trotz der blendenden Lichtfülle dunkelte es ihm vor den Augen. eS wurde ihm unerträglich beengend in dem weiten Raume. Er benützte die Gelegenheit, wo die Aufmerksamkeit Aller durch den Rundgang des intcressanten PaarcS und der Vorstellung des Künstlers in Anspruch genommen war, um unbemerkt zu entweichen. Vor der Thür begegnete er einigen verspätet anlangenden Studiengcnossen. ״Wir haben doch wohl vom Konzert noch nichts versäumt?" fragte einer der Studenten. ״Nein," antwortete Rafael, ״Ihr kommt gerade recht zum Beginn." ״Wohin gehst Du?" ״InS Buffet, ich habe die Kehle sonderbar trocken." Er ging aber nicht iuSBüffet, sondern schlich geräusch-- loS die Treppe hinab und über die Veranda in den Park. Der Mond schwebte zwischen den Wipfeln der Pappeln, in welchen der Nachthauch leise rauschte und die versilberten Blätter in melancholischem Spiel bewegte. Rafael athmete tief auf, die Nachtlust warsrisch und duftig. Dann setzte er mit gesenktem Haupt und starr zu Boden gerichteten Blicken seinen Weg fort über einen der vielen Pfade des Parkes, welcher vielfach von blassen, durch das Laub der Bäume fallenden Streiflichtern beleuchtet war. Plötzlich blieb er unbewußt stehen; die Gedanken, die ihm lebendig im Kopfe webten, hatten seinen Fuß an die Erde gewurzelt, damit er sie besser ansdenken könne. Er dachte laut: Wodurch hat sie ihm Anlaß gegeben, sie wie eine feile Dirne behandeln zu dürfen; was hat sie so Entehrendes begangen, was ihm die Berechtigung verleiht, sich ihr gegenüber jener Ehrfurcht entbunden Zn fühlen, die selbst der verwilderteste Mensch dem Hciligthnm züchtiger Weiblichkeit entgegen bringt? — Er war Zeuge ihres Verkehrs mit ihm und Rafael konnte mit der strengsten Prüfung in ihrem Benehmen nichts entdecken, was er als Ermuthigung zu seinem niederträchtigen Vorgehen hätte benutzen können und dürfen. ES ist wahr, sie ist muthwillig tändelnd, herausfordernd kokett, — aber ist sie es bis über die Schranken der Wohlanständigkeit hinaus? Und welche glückliche junge Dame, verschwenderisch reich gesegnet mit Vorzügen des Geistes und Körpers ist es nicht — wer sollte sich entblödcn, daraus solche entehrende Folgerungen über den Charakter einer Dame zu ziehen? Aber sie ist Jüdin! WaS bei den Andern für eine anziehende pikante Würze gilt, das ist bei der Jüdin ein Zeichen ehrloser Verworfenheit, was bei den Andern die Sympathien und die Bewunderung steigert, das gicbt bei der Jüdin ein Recht, hohnlachend die heiligsten Empfindungen in den Koth zu treten... Hatte sie das nöthig? erwachte die schmerzliche Frage im Herzen Rafaels. Braucht so viel Schönheit, Geist und Reichthum um die Gunst einer Sippschaft zu buhlen, welche in die vermoderten Gefilde der tobten Vergangenheit ausschweifen muß, um sich mit einer fadenscheinigen Glorie in der frischen Gegenwart zu verherrlichen, welche in Ermangelung eigener Verdienste von den längst zerfallenen Knochen ihrer Ahnen und von Geistesirrthümcrn, die gleichzeitig mit diesen Knochen geblüht haben und ins Grab gesunken sind, sich eine falsche Supcriorität konstrnircn und ein Recht zu einer Sondercxistenz voll Vorurtheil, Rücksichtslosigkeit und Eigendunkel ableitetc? Rafael crschrack über diese Gedanken, als er zu ahnen ansing, wohin diese ihn führen mußten, aber es war nicht zu ändern, die Gedanken waren nun einmal da! Vollranschende Tonwellen schlugen jetzt an sein Ohr, majestätisch hinziehend wie weihevolle Chöre der Engel über den Wolken. Und aus dm brausenden Nhylmcn zitterte eine Stimme heraus, vibrirend zart, in stiller hinsterbender Sehnsucht, wie das Klagelied eines schmachtenden, nach Erlösung seufzenden Seraph — daun höher, immer höher schwellend, wie die Begrüßung der nahenden HeilcSkunde und endlich .mit dithyrambischer Fülle und Macht dahinbrausend.... und wieder hinabgleitend zur zitternden, schwermüthig bangen Klage.... Die gnadenvollen Töne fanden einen mächtigen Nachklang in der Seele Rafaels, sie wiegten seinen Geist in eine wonnesclige Verzückung, in ein Gemisch von Trauer, Freude, Schwcrmuth, Glück und grenzenlose Srhnsucht. Er empfand in demselben Augenblick die ganze Paradiesessüße und Wcrmuthbitterniß des Menschendaseins in einer unerklärlichen, geheimnißvollen Vermischung. Thranen