Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-07-29
- Page
- 472 (sequence 3)
- Language
- German
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klärt. Albertine, des Sanitätsraths einzige Tochter, an einen Fabrikanten in O. verheirathet, hatte den Bruder telegraphisch gerufen. Ob derselbe vor seiner Abreise Zeit gefunden hatte, den Vater von dem Bruch seines Verlöbnisses in Kenntnis zu setzen? — es erschien ihr unwahrscheinlich, doch sie hatte sich geirrt. ES gehörte nur zu des Sauitätsraths hygienischen Grundsätzen, bei Tische jede aufregende Erörterung zu vermeiden. Nach beendetem Tischgebet begann er jedoch sofort, ohne jede Einleitung. ״Liebes Kind, wolltest Du mir nicht den Grund Deines eigenthümlichen Verfahrens gegen Friedrich mittheilen?" Sie hatte sich am Morgen auf diese Frage vorbereitet, und zu diesem Zwecke das mehrfach erwähnte Blatt zu sich genommen. Aber ihre Stimme bebte, als sie es ihm jetzt bot. ״Wollen Sie dieses gefälligst lesen und Sie werden, dessen bin ich sicher, sich selbst überzeugen, daß ich zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht anders handeln konnte." ־־ Er nahm das Blatt und laS den Artikel halblaut vor sich hin. Um seine Mundwinkel zuckte es sarkastisch, Bella kannte dieses Zucken, das hatte sie gcsürchtct. Sie preßte die Lippen fest aufeinander, jetzt galt es Stand zu halten, einzustehcn für das, was sie als ihre Uebcrzeugung adoptirt hatte. ״Hm", begann der SanitätSrath endlich, indem er ihr das Blatt mit einer Art spöttischer Verneigung zurückgab, ״das ist freilich dasselbe, was der Friedrich mir bereits gesagt — er hat sich'S gut gemerkt, der arme Junge — dennoch konnte ich auS seinem Bericht nicht recht klug werden, und auS dem Artikel im Original um nichts mehr besser. Wenn Du vielleicht — ah, Pardon! — DaS Kindchen ist tobt, die Gevatterschaft ist aus. — Das innige Verhält«iß ist gebrochen, die Vertraulichkeit muß aufhörcn. — Wenn ich Sie vielleicht ersuchen dürfte, Fräulein Bella, mir die Gründe Ihres, ohne Zweifel wohlüberlegten Verfahrens naher erläutern zu wollen. — Mein Kopf ist zu alt, ist nicht mehr im Stande, den sicherlich hohen oder tiefen Sinn jenes — geistvollen Artikels ohne entsprechenden Kommentar zu erfassen." Er schien ihre Antwort zu erwarten, aber sie brachte kein Moment kein Wort hervor, ihre Lippen bebten, ihre Augen füllten sich mit Thränen. ״Nun Kind? — Doch was ist Ihnen? was haben Sie?" — Bella neigte sich zu ihm und zog seine Hand an ihre Lippen. ״Nicht dieses kalte Sie, ich kann es nicht ertragen." ״Wenn cS weiter nichts ist, dem kann abgeholsen werden, Kind. Aber Du begreifst, ohne Deine ansdrückliche Zustimmung konnte ich das Du nicht beibehalten. Konnte ich doch nicht wissen, wie weit — doch wir wollen ernsthaft über die Sache reden, obgleich jenes Gewäsch eine ernsthafte Behandlung in der That nicht verdient — doch die Folgen jenes Gewäsches sind leider von einer Art —" Ein Seufzer, wie ihn der alte Herr selten aussticß, beendete den Satz. ״Nun, liebes Kind, ich bitte Dich allen Ernstes um eine Erklärung. Ist es mir doch geradezu unbegreiflich, wie ein Heller, klarer Kops, wie der Deine, Anschauungen, wie solche in jenem unseligen Artikel ausgesprochen sind, auch nur den geringsten Werth beilegen kann." ״Meine selige Mama hat sich wiederholt ganz in demselben Sinne über die sogenannten Vernunftheirathen ausgesprochen," cntgegnete Bella leise. ״So? — hm — nun ja. Frau von Merten hatte auch Deine Verbindung mit jenem Herrn von Mühler gntgehcißen. — Wenn Du aber hättest wissen wollen, wie Dein Vater, sein Andenken s ei gesegnet, — über dergleichen gedacht hat — das hätte Dir Friedrich sagen können. Ich habe es ihm auch vorgehalten, daß er das nicht gethan — aber er wollte nichts davon hören, so sehr er Dich liebt, Deiner kindlichen Pietät allein will er Dich nicht verdanken. — Und im Grunde hat er Recht, ein Mann wie er —" Bella erröthete, darauf hätte sie antworten können, aber sie schwieg. ״Also Pietät für Deine selige Mama ist die Ursachc Deines Bruches —״ Bella schüttelte heftig daS Haupt. ״Nicht Pietät allein und nicht einmal vorwiegend Pietät. — Aber meine Ueberzengnng stimmt mit derjenigen meiner seligen Mama überein — und Sie werden mir nimmer rathen, gegen meine Uebcrzeugung zu handeln." ״Wenn Deine Ucberzeugung auf wahrhaftigen Prinzipien beruht, werde ich Dir nimmer rathen, gegen dieselbe zu handeln. — Doch lasse uns einmal jene AnschanlUig prüfen, die Du für Deine Ueberzengnng auSgicbst. — Ohne aus die — zarte AnsdrnckSweise jenes Artikels weiter einzugchen, hatten wir uns an die Konsequenzen, die Du ans demselben ziehest. Also Du behauptest, jedes Mädchen, das eine sogenannte Vcrnunstheirath schließt, ist verachtungswürdig; doch Diejenige, die wohlgemuth ihrer Neigung folgt, selbst wenn sie dabei gegen -die höchsten Sätze der Moral verstößt, wir dürfen ihr unsere Achtung nicht versagen, denn sic ist eben, gleich dem Thierc, ihrer Neigung gefolgt. — Bella, antworte mir aufrichtig, ist das Deine Ansicht? — Stellst Du wirklich die menschliche Vernunft, das geistig Sittliche im Menschen, so niedrig? und hingegen unsere Neigungen und Schwächen so hoch? Ich kann eS nicht glauben, obgleich ich in Anschlag bringen muß, daß Du in vollständig unjüdischer Umgebung ausgewachsen bist." (Forts, folgt»)