Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-07-29 · Heft 30 (29.7.1886) · p. 471

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 30 (29.7.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-07-29
Page
471 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933184-2966401--22521-2966449
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

471 schmerzen — das that ihr wehe, o so wehe. — Aber andern konnte sie cS dennoch nicht. ES war am folgenden Morgen. Bella war, wie gewöhnlich, früh erwacht und hatte die Fenster, die znm Garten führten, geöffnet, die frische würzige Morgenluft einzulasscn. Draußen zwitscherten die Vögel so süß und schienen sie ins Freie locken zu wollen. Doch sie folgte diesem Lockruf nicht, obgleich sie in jüngster Zeit gewohnt war, diese Zeit im Garten zu verbringen. Doch im Garten hatte sie gewöhnlich ihren bisherigen Verlobten getroffen — und ihm konnte sie doch heute nicht begegnen wollen. — Ein schwerer Seufzer hob ihre Brust. — Hatte sie recht gethan, mit dem zu brechen, der sie so innig, so aufrichtig geliebt und dem sie ihre aufrichtige Hochachtung nicht versagen konnte? — Wenn sie sich jenen Artikel vergegenwärtigtc, wenn, wie sie sich überzeugt hielt, daß jene Worte nur Wahrheit enthielten, dann freilich hatte sie ihre Pflicht gethan — aber eine herbe Pflicht war es gewesen, und glücklicher hatte sie die Erfüllung derselben nicht gemacht. — Doch gleichviel, sie hatte ihre Pflicht gethan, sie hatte ihre Selbstachtung wieder ge- Wonnen, die ihr gestern sür einige Stunden abhanden gekommen. Und dennoch bangte ihr vor dem nächsten Zusammentreffen mit dem Sanitätsrath. — Wo war nur jenes Blatt, das jene Zeilen enthielt, die sie zum Bruche gedrängt? — sie mußte es zur Hand haben, um den eventuellen Fragen oder Vorwürfen ihres väterlichen Freundes begegnen zu können. — Aussprechen konnte sie jene Worte nicht, unmöglich — darum mußte sie sie ihm zeigen. — Doch wo war das Blatt? — sie suchte und suchte — endlich erblickte sie auf dem Teppich unter dem Tische ein zu einem Knäuel zusammengeknicktes Papier, sollte es das sein? — sie hob es auf und faltete es auseinander, richtig, eS war was sie gesucht — Das Herz zog sich ihr zusammen, das Blatt zitterte in ihrer Hand, in wildem Schmerz hatte er jenes Blatt, das ihn um sein Glück gebracht, zusammengeknickt. — Ihr Herz pochte laut, wie hatte er sie geliebt! — und hatte sie recht gethan, solche Liebe von sich zu weisen? — Aber sie, sie hatte ihn nie geliebt, und, wie hieß es doch in jenem Artikel? — sie wollte ihn nochmals lesen, doch ihr Auge hastete auf jenes Papier. Da hielt ein Wagen vor dem Hausthor. Sollte der Sanitätsrath schon wieder fortfahren? vor kaum zwei Stunden war er heimgekehrt. Unwillkürlich trat sie in das anstoßende Zimmer, -dessen Fenster zur Straße führten. Nichtig, es war des SanitätSrathS Equipage, die vor dem Hause hielt, und, was war denn das? — ein Neisckofser ward hinauf gehoben, sollte der alte Herr verreisen wollen? — Doch da trat er im Schlafrock aus dem Hause, aber sein Sohn, der ihm auf dem Fuße folgte, war im Reiseanzug. Der Alte hatte seine Hand auf des Sohnes Schulter gelegt, als wolle er ihn zurückhalten, daun schlang er seinen Arm um ihn und drückte ihn an sich, doch nur für einen Moment; er schien zu fürchten, daß der Sohn den Zug versäumen könne, denn er drängte ihn selbst jum. Wagen. Walther stieg ein, Bella sah Alles vom Fenster aus, ohne selbst gesehen zu werden. Sein Gesicht war zwar auffallend bleich, doch vollkommen ruhig, sie glaubte sogar ihn lächeln zu sehen, als er vom Wagen aus dem Vater nochmals grüßte und ihm die Hand reichte. Zu ihr hinauf hatte er nicht gescheu, was kümmerte ihn die ehemalige Braut, so sehr er sie auch geliebt, sie hatten gebrochen — vorbei — vorbei. — Ähre Eigenliebe fühlte sich verletzt, einen Blick hätte er trotz Allem wohl hinauf senden können. — Seine Abwesenheit war jedoch eine wesentliche Erleichterung sür sie. Sie hatte bisher überlegt, ob sie, wie seither, zum Frühstück hinunter gehen solle — hatte sie doch gewärtigen müssen, nicht nur den Vater, sondern auch den Sohn dort zu treffen. — Doch da er verreist war, überlegte sie nicht lange, warf noch einen Blick in den Spiegel, ob ihre Toilette nicht derangirt war, dann begab sie sich hinunter. Sie traf den alten Herrn, wie sie erwartet hatte, im Wohnzimmer. Mit freundlichem Gruß eilte sie auf ihn zu und erkundigte sich nach seinem Befinden, und ohne zu bedenken, daß ihr Bruch mit dem Sohne auch ihr Verhältnis zu dessen Vater alterirte, nannte sie ihn Väterchen, wie sie dieses in jüngster Zeit gewohnt war. Doch im selben Moment überzog dunkle Gluth ihre Wangen, ihre Blicke suchten den Boden. Der Sanitätsrath schien es nicht zu gewahren. Gütig, wie immer, beantwortete er ihre Fragen und erkundigte sich auch nach ihrem Befinden, daun aber schien er zerstreut, ungleich schweigsamer als gewöhnlich und unter beiderseitigem Schweigen nahmen beide das Frühstück ein. — Er erschien heute Bella älter als gewöhnlich, war das ihre Schuld? — Auch das Mittagessen ward unter gleicher Schweigsamkeit eingenommen, erst beim Abendbrod ward der Sanitätsrath gesprächiger. Er hatte soeben eine telegraphische Depesche erhalten. ״Friedrich ist schon angekommen," sagte er. ״Wo?" fragte Bella, zu ihm hinüberblickend. ״Nun, in O.. weißt Du denn nicht, daß Albertine ihn telegraphisch gerufen hat? Weiß der Himmel, was dort vorgeht — wenigstens hat ec sie sämmtlich dort wohl getroffen, wie seine Depesche versichert. Gott sei Dank!" Bella erwiderte nichts. Walthers Abreise, sowie die Schweigsamkeit seines Vaters waren ihr nun er-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.