Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1886)
- Article
- Deutschland : Köln [Nachricht]
- Date
- 1886-07-15
- Page
- 442 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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442 im Stillen umgewandelt. Wir werden nicht an ihm irre, wenn auch er, der schlagfertige Streiter in der Schlacht, bei maßlosen Angriffen eS oft nicht verstand, dem Gegenschlag eine andere Form zu geben, als die des Hiebes, gegen den er sich hat wehren müssen. Wer fechten gelernt hat, weiß, daß die besten Kämpen oft auch kunstwidrige Streiche thun. Auch Dr. Martin Luther war oft nicht säuberlich wider des Papstes Werke und Wüthen. Es giebt nun eben keine Heilige hier auf Erden; auch die Besten irren und sollen sprechen lernen: ״Gott, sei mir Sünder gnädig." Gott demüthigt oft die Großen seines Reiches mitten in ihrer Siegeslausbahn. Darum bieten wir freudigen Herzens vom Rhein dem Hofprcdiger Stöcker die Hand und rufen ihm zu: Vorwärts mit dem Muth aus Gott, zunächst mit der Demuth vor ihm; dann aber mit dem Löwennmth deS Glaubens: Nur nicht rückwärts! ״Sei stark in dem Herrn und in der Macht seiner Starke; ziehe an den Harnisch Gottes!" —Wenn wir diese als Programm des gedachten Vereins aufzufasscnden Worte nicht mißverstehen, so steht derselbe im Prinzipe völlig auf Stöcker'schem Boden und billigt dessen Kampf gegen die Juden, hält auch die Kampfesweise wohl für angemessen, aber nur nicht für Rheinland- Westfalen. Nun, es steht nur gewiß nicht zu, über dasjenige, was dem Verein frommt, ein Urtheil auszusprechen. Aber die bescheidene Anfrage dürste doch wohl gestattet sein: Heißt für die Pflanzung frommen christlichen Geistes wirken, gegen das Jndenthum kämpfen? Und ferner: wenn auch ״die Besten irren und sollen sprechen lernen: Gott sei mir Sünder gnädig", wäre es da nicht angezeigt, erst sich selbst und die eigensten Kreise zu bessern, bevor mau Anderen Strafredcn hält und Andere bekämpft? Und endlich: was ist denn der Tugend, Gottesfurcht und Menschenliebe erzeugende christliche Geist anders als der Tugend, Gottesfurcht und Menschenliebe erzeugende jüdische Geist? Kann das Christcnthum das Juden- 11)11111 entbehren? — Mir will eS scheinen, als ob der Menschheit am besten gedient ist, wenn Jeder in seinem Kreise für das Edle.und Gottwohlgcfälligc sorgt und den Nachbar in dem gleichen Streben nicht hindert, keineswegs aber ihn haßt, schilt oder gar verfolgt. ** Königsberg i. Pr., Juli. Das Vorsteheramt der Kaufmanuschast wird wohl als kompetenter Vcurtheilcr der hiesigen Handelsverhältniffe anzusehen sein. Dasselbe spricht sich in seinem Berichte pro 1885 über die nachthciligen Folgen der Ausweisung der russischen Juden also aus: ״Bereits zu Anfang Juli vernahmen wir, daß in Verbindung mit den generellen Maßnahmen gegen polnische Elemente die allgemeine Ausweisung der hier lebenden russisch-jüdischen Kauf- Leute geplant sei, eine Nachricht, die uns sogleich Zu Vorstellungen au die Herren Minister für Handel und Gewerbe und des Innern veranlaßt. Denn unseres Erachtens gehören diese nnsereni Handel nützlichen Personen nicht zu denjenigen Ausländern, von denen Polonisirungsbestrebungen zu befürchten waren. Ueber die politische Seite der Ausweisungs-Maßregeln zu nrtheilen, ist zwar nicht unsere Aufgabe, aber wir glauben, eS aussprechen zu müssen, daß die hier lebenden kleinen russischjüdischen Händler, von ganz seltenen, uns übrigens nicht bekannten Ausnahmefällen vielleicht abgesehen, unserer Meinung nach überhaupt keine Politik treiben, sondern nur eifrig ihren Geschäften nachzugehen suchen. Was sie aber geschäftlich für unfern Platz bedeuten, davon wird sich der Fernstehende kaum eine rechte Vorstellung machen können. Gerade auf ihnen und ihrer Thätigkeit beruht ein großer Theit unseres Geschäfts mit Rußland. Insbesondere trifft dieses zu auf unfern Haupthandlnugszweig, das Getrcidegeschäft, das zum überwiegenden TheiL in der Einfuhr russischen Getreides auf dem Bahnwege und in der Wiederausfuhr desselben über See besteht. Die Heranziehung des russischen Getreides ist vornehmlich Sache dieser russisch jüdischen Kommissionäre. In Folge ihrer Genügsamkeit und Gewandtheit, ihrer emsigen Rührigkeit und ihrer Kenntuiß von Land und Leuten in Rußland, hauptsächlich aber i.n Folge ihrer verwandtschaftlichen und sonstigen Personlichen Beziehungen zu ihren Auftraggebern in Rußland, sind sie in der Lage, das Getreide so billig heranzuschaffen, wie kaum ein Anderer. Beim Fortgang dieser Personen von Königsberg würde daher unzweifel- Haft ein großer Theil unserer russischen Gctreidezuftihrcn uns verloren gehen. Es sind nicht nur die dauernd hier lebenden, sondern auch die nur zeitweilig sich hier aufhaltenden russisch-jüdischen Händler, welche eine solche unserem Getreidehandel ersprießliche Thätigkeit entfalten. Aehnlich liegen die Verhällnisse im Holzhandel und im Hände! mit Flachs und Hanf. Aber auch ein erheblicher Theil unseres Exports nach Rußland namentlich von Thee, Heringen und Kolonialwaaren, wird ledig - lich durch die hier lebenden kleinen russisch ׳jüdischen Kommissionäre ermöglicht. Ferner kommen in Betracht die zahlreichen, in den hiesigen Geschäften angestellten jüdischen Korrespondenten, gleichfalls unserem -Handel sehr nützliche Personen, da die Kenntuiß der russischen Sprache m Deutschland wenig verbreitet ist; die russischjüdischen sogenannten Hausmakler der Flachs-, Hanf- und Lumpenbranche, eine Eigenthümlichkeit dieser Geschästszwcige und eine für dieselben kaum entbehrliche Institution; die in den Flachs- und .Hanfgeschäften ihrer besonderen Fertigkeit in der Bearbeitung deS Flachses und Hanfes wegen angestellten russischen Bracker; die russischen Nubelmäkler und noch so manche andere russisch-jüdische kleine Händler und Gewerbetreibende.