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Jeschurun · 1886-07-15 · Heft 28 (15.7.1886) · p. 440

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 28 (15.7.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-07-15
Page
440 (sequence 3)
Language
German
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gestattet, weil ich Dir meinen Entschluß mitzutheiten habe, in Zukunft verbiete ich Dir mein Zimmer." Tiefe Blässe überzog sein Angesicht, doch er zwang sich zur Ruhe, sie fuhr fort. ..Wenn Du einen Werth daraus legst, daß Dein Verbrechen nicht bekannt wird und daß ich Dein HauS nicht verlasse, so darfst Du vor Allem nie mein Zimmer betreten, darsst Dir nie irgend welche Vertraulichkeit mir gegenüber erlauben und darfst meinem Karl nie unfreundlich begegnen. Uebertrittst Du auch nur eine dieser Bedingungen, so kenne ich keine Rücksicht mehr und setze unverzüglich die Behörden von Deinem Verbrechen in Kenntniß. Und damit Dir nicht in den Sinn komme, in diesem Falle Dich durch Leugnen retten zu wollen, so theile ich Dir mit, daß ich mit Deiner Amme in Verbindüng stehe, die mir bezeugen wird, daß Du Moritz bist und nicht Max. — Dieses habe ich Dir mittheilen wollen, und nun wünsche ich allein zu sein." Fast gelähmt vor Entsetzen, keines Wortes mächtig, erhob sich Müller mühsam von seinem Sessel. Flehend schaute er zu ihr, die ihn keines Blickes würdigte und die ihm doch in diesem Moment schöner, begehrcnSwerther als je erschien. Alles schien sich ihm im Kreise zu drehen, taumelnd schwankte er der Thür zu. Doch bevor er diese erreichte, wandte er sich noch einmal um. ״Tirza," flehte er, und seine Stimme war seltsam heiser, ״um unseres Kindes Willen, laß dieses schreckliche Verhältniß nicht offenbar werden. — Ich bin in Deiner Macht, ich muß mich fügen — doch sei nicht allzu hart. — Gestatte, daß ich Dich zuweilen sehe, daß ich in Gegenwart Anderer zuweilen einige Worte an Dich richten darf." Sie sah ein, daß sie dieses nicht verweigern könne und neigte zustimmend das Haupt. Wieder verstrich eine Woche, ohne daß Müller Diejenige, die als seine Gattin galt, gesehen hatte, als er sie eines Tages durch den kleinen Karl um eine Unterredung bitten ließ. Sie hatte sich in diesen acht Tagen sichtlich erholt; er konnte sich nicht enthalten, ihr seine Freude darüber ausznsprechen. Sie zuckte verdrießlich die Achseln und fragte, was er von ihr wolle. ״Der Arzt hat es mir auf die Seele gebunden, dafür zu sorgen, daß Du täglich in'S Freie kommst; ich wollte Dich daher aufmerksam machen, daß es wohl Recht wäre, wenn Du morgen die Synagoge besuchen würdest — es ist üblich, den Funktionären in der Synagoge dieses mitzutheiten — wirst Du gehen?" Sie bejahte kurz. ״Nach Schluß' des Gottesdienstes ׳ werden vermuthlich Freunde und Bekannte kommen — uns zu graluliren," fügte er schmerzlich seufzend hinzu, ״Du wirst sie doch im Salon empfangen?". Sie bejahte abermals. ״Dürfte ich Dich bitten," fuhr er schüchtern fort, indem er einen prachtvollen Britlantschinuck vor ihr ans dm Tisch legte, ״dürfte ich Dich bitten, diese Kleinigkeit morgen tragen zu wollen." Sie crröthetc über und über; ohne ein Wort zu erwidern, ergriff sie den Schmuck und schleuderte ihn von sich. Todtenbleich, in ot>umäd)tiger Wuth hob er die Trümmer Dom Boden und entfernte sich hastig. Es war ein entsetzliches Leben, das diese zwei Menschen neben einander lebten und schwer wäre es zu entscheiden, wer von beiden am meisten litt. Seine furchtbare Leidenschaft, die ihn zum schwersten Verbrechen verleitet hatte, brachte ihn oft dem Wahnsinne nahe. Nur die Furcht, sie könne ihre Drohung wahr machen und sein Verbrechen dem Gericht anzeigen, hielt ihn zurück, sonst hätte er ihr längst getrotzt. Nur in seiner Furcht lag ihre Sicherheit und die Sicherheit ihres Knaben. Doch sie litt entsetzlich, litt nicht weniger als er. War sie doch die rechtmäßige Gattin des Mannes, den sie liebte mit allen Fasern ihres Herzens, und mußte weilen in dem Hause jenes Elenden, den sie ebenso sehr haßte als verachtete. # Der Frühling neigte sich zu Ende und mit ihm Bella's Trauerjahr; sobald dieses vorüber, sollte ihre Vermählung mit dem Sohne des Sanitätsraths stattfinden. Walther war überglücklich, und auch Bella, obgleich sie sich's selbst nicht gestehen wollte, empfand doch eine Art von Glück, eine innere Zufriedenheit, die von dem, was Walther empfand, eigentlich nur im Grade verschieden war. Theilte sie auch nicht des Verlobten glühende Leidenschaft, so gewährte es ihr doch süße Befriedigung, sie einzusiößen. Das Mittagessen war eben vorüber, der SanitätSrath hielt im Nebenzimmer Siesta, die Verlobten saßen noch plaudernd am Tische. Bella, im einfachen HauSkleide, blühend wic eine eben sich entfaltende Rose, fesselte in diesem schmucklosen Gewände die Blicke ihres Verlobten fast noch mehr als in voller Toilette. Du lassest den Kaffee kalt werden, Friedrich, an was denkst Du denn? ״Au Dich, Geliebte," erwiderte er, den Arnl um sie schlingend. ״An mich? ah, das glaube ich nicht. Deine Stirn war ja ganz kraus. Deine Gedanken waren gewiß bei Deinen Pandekten — oder heißt es Panduren?" ״Wie Du Dich so unwissend stellen kannst," lachte er, ״aber da Du gerade von Panduren sprichst, erinnere ich mich, daß ich Dir zwar nicht von ungarischen aber von italienischen Polizisten zu berichten habe." (Fortsetzung folgt.)

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