Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-07-15
- Page
- 439 (sequence 2)
- Language
- German
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439 ״Alles, Alles, was Du willst — nur laß mir die Hoffnung, daß ich mit der Zeit durch aufrichtige Reue Dir wieder werden darf, was ich Dir in diesem Jahre gewesen bin." ״Wahnsinniger," schrie sie, indem sie sich vergebens zu erheben bemühte. ״Wenn nur diese unglückselige Schwäche mich verlassen haben wird, leine Minute bleibe ich länger in Deinem Hause." ״Und wohin willst Du?" fragte er düster. ״Wohin anders als zu meinem Manne, zu Werner." ״Zu Deinem Manne, zum Doktor Werner willst Du gehen!" rief er höhnisch lachend und warf sich mit Ostentation noch immer lachend in einen Sessel ihr gegenüber. ״Mein liebes Kind, die lange Krankheit scheint Deine intellektuellen Fähigkeiten angegriffen zu haben. Mit dem da willst Du zum Doktor Werner — zu Deinem Manne, wie Du ihn nennst?" Er deutete, bei diesen Worten aus die Wiege, in der ihr Kind ruhig schlummerte. Die unglückliche Frau schlug die durchsichtigen Hände vor das Gesicht und ächzte laut. ״Tirza," fuhr Müller nach einigen Minuten ruhiger fort, ״ich könnte Dich beschwören, um meiner seligen Eltern Willen, die auch Dir Eltern gewesen sind, den Sohn nicht an den Pranger zu stellen — ich könnte um meines Bruders Willen um Schonung zu Dir flehen — um unseres unschuldigen Kindes Willen könnte ich von Dir verlangen, daß Du die Entdeckung, die Du gemacht, in ewige .Vergessenheit begräbst — denn sobald Du Dich von mir wendest, ist Dein Kind ein Bastard! — ein Mamser! — und Du weißt doch, was das heißt? — Aber ich will Dich nur erinnern, daß Doktor Werner ein Ehrenmann ist. — Ich bin nicht sein Freund, im Gegentheil, ich hasse ihn glühend, weil ich weiß, daß Du ihn liebst. — Aber trotzdem muß ich anerkennen, daß er ein Ehrenmann ist. — Und kein Mann von Ehre kann eine Person als Gattin anerkennen, die, wenn auch unbewußt, mit einem Andern im Ehebruch gelebt hat. Je inniger er sie geliebt, desto entschiedener wird er sich von ihr wenden. — Und Doktor Werner ist nicht der Mann, der dem Herzen folgt, wenn die Ehre Halt gebietet." ״Ich habe gefrevelt — furchtbar gefrevelt — ich bekenne es — und was ich thun kann, meinen Frevel zu sühnen, das will ich thun — was ich bin und was ich habe — ich will cs Dir und Deinen Kindern widmen. — Aber zugeben, daß Du Dich von mir wendest, das darf ich nicht — nicht um Deinetwillen und nicht um unseres Kindes Willen, dessen Zukunft zerstört wäre für alle Zeiten. — Doch ich will für heute nicht weiter in Dich dringen, morgen werde ich mir abermals erlauben, mich nach Deinem Befinden zu erkundigen." Er entfernte sich langsamen Schritte-, Tirza war allein. Stunden lang saß sie in-derselben starren Haltung, wie er sie verlassen, unaufhörlich wiederholte sie sich, was er in Bezug von ihr zu Werner gesagt hatte. — O, cs war entsetzlich! grauenvoll! — aber eS war wahr. Je mehr sie darüber dachte, desto mehr hielt sie sich überzeugt davon. — Nein, nein, sie durfte sich nicht an Werner wenden. — Als Gattin. würde er sie nimmer anerkennen können, sie selbst hätte demnach keinen Gewinn davon, aber ihn müsse die Enthüllung furchtbar unglücklich machen. Sie mußte schweigen. — Doch was beginnen? — Im Hause, in der Gewalt des Elenden bleiben? — Entsetzlich! und doch, sie sah keinen Ausweg. — Zwar in seiner Gewalt war sie nicht, im Gegmthcil, er war in ihrer Gewalt. Doch genug des Elends, daß sie sein HauS nicht verlassen durfte. — O, und jetzt erst erkannte sie es, wie unaussprechlich sie Werner liebte. — Doch je inniger sie ihn liebte, desto mehr hielt sie sich überzeugt, daß sie sich nimmer an ihn wenden dürfe. Das Leben war ihr verhaßt, war ihr nur Qual, und doch durste sie den Tod nicht herbeisehnen, sie mußte leben um ihres Sohnes Willen. WaS sollte aus ihm werden, wenn sie ihm entrissen würde? Was ihr jüngstes Kind betraf, so flößte ihr dasselbe weit eher Grauen als Liebe ein. Doch sie tadelte sich scharf wegen dieser uumütterlichen Empfindüng und sorgte nur um so eifriger für sein Wohl. Am folgenden Tage, ungefähr um dieselbe Stunde wie am vorigen, trat Müller in ihr Zimmer. Er fand sie ruhiger als er zu hoffen gewagt; ihr Entschluß war gefaßt, eine Art starre Resignation, war über sie gekommen. In theilnehmeuden Worten fragte er nach ihrem Befinden. Sie erwiderte kein Wort, doch als er sich nicht allzu fern ihr gegenüber setzte, da fuhr sie aus. ״Zurück!" rief sie mit bezeichnender- Handbewegung, ..nicht so nahe zu mir!" Er starrte sie an, er hatte diesen herrischen Ton noch nie von ihr vernommen, aber unwillkürlich gehorchte er und wartete schweigend, daß sie das Gespräch eröffnen werde. Aufrecht, in stolzer Haltung saß sie vor ihm, doch sie würdigte ihn keines Blickes. ״Moritz," sprach sie, und eine schneidende Kälte lag in ihrem Ton. ״Tirza!" flehte er, ״um Gottes Willen, nicht diesen Namen!" Ein höhnisches Lächeln zuckte um ihre Lippen. ״Ich habe Dir heute noch den Zutritt in mein Zimmer