Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1886)
- Article
- Erkannte Irrungen
- Date
- 1886-07-01
- Page
- 414 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933180-2966102--22333-2966139- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
414 wegt mich zum Mitleid mit Dir. Nein, Du nase-! weiser Philosoph, sie Hot eS nicht entgegcngcnommen,; weil ich cs ihr gar nicht übergeben habe und doch habe ich cS so eingerichtet, daß sie es finden und lesen wird. Daß auch so etwas möglich ist, das übersteigt freilich den Kreis Deines Fassungsvermögens — gelt?" Rafael konnte nicht länger an sich halten, ein jedes Atom in ihm zuckte vor Begierde, das erbarmliche Geschöpf, welches ihm gcgenübcrstand, zu massairiren, zu zermalmen und wie ein schmutziges Ungeziefer zu zertreten. ״Und Du hast Dich dazu hergegebeu. Du Bube," keuchte er, ihm mit geballten Fäusten an den Leib rückend. Leo wurde auf einmal hellsehend. Mit prophe׳ tischem Geiste durchdrang er den Schleier der Zukunft und das Bild, welches er da schaute, war nicht geeignet, sein von bösen Vorahnungen befallenes Gemüth zu beruhigen. Seine erste Sorge war, seinen Hut von der Erde aufzuraffen. Indem er dies that, durchblitzte ein rettender Gedanke sein von dem Schatten einer großen Seelenangst umdämmerteS Gehirn. Man muß den Kerl ins Bokshorn zu jagen suchen. Er dd)tctc sich so imponirend, als cS seine vor Furcht schlotternden Füße gestatteten, in die Höhe, und rief in einem sehr drohenden Tone: ״Wage eS nicht, mich anzurühren! — Ich fordere Dich auf die strengsten Bedingungen — Pistolen mit gezogencin Lauf — vier Schritt Distanz!" Aber Rafael waren auch dies? Bedingungen noch zu mild, er kam ihm bis auf Armeslänge an den Leib. Hier packte er ihn am Kragen und zerrte ihn, während Lev ununterbrochen protestirte, mit Herausforderung drohte und feierlich Verwahrung einlegte, der Thüre zu. Jetzt kalkulirte wieder unser hart bedrängter Leo folgendermaßen: ״Wie ich sehe, will er mich blos draußen haben — ei, da begegnen sich ja unsere Wünsche. Mir ist sogar noch um Einiges mehr daran gelegen, als ihm." Und er stellte den bisherigen Widerstand ein und gab seinem Bestreben eine entgegengesetzte Nichtung: er wollte voraus der Thüre zueilcn. Aber auch das entsprach nicht den Intentionen Rafaels, er lieh seinen lieben Freund nicht loö, sondern gab ihm das Geleite bis vor die Treppe. Hier endlich löste Rafael seine Finger von dem Kragen Leo'S, in eben demselben Moment aber empfand dieser einen Fußtritt und bekam Flügel. Unter gräulichen Schimpfwörtern kollerte er die Treppe hinunter, während NasaU in sein Zimmer zurückkehrte und die Thüre dröhnend hinter sich zuschlug. Als er wieder in seinem Zimmer allein war, mußte er vor Allem tief ausathmen. Die übermäßige' Aufregung, welche ihn dnrchtobte, machte ihm das Athmen schwer. Jetzt wurde es etwas ruhiger in ihm. die energische Abfertigung des niederträchtigen Burschen hatte ihm einige Kühlung verschafft. Mit dem Fuß-!ritte, mit welchem er Leo über die Treppe cxpedirt, entströmte ein Theil der Gluth, welche sein Blut bis zum Siedepunkt erhitzt hatte, aber in den! Maße, als die Nüchternheit bei ihm znrückkehrte, sah er den Abgrund immer deutlicher sich cntgegengähnen, den die Miltheilung Leo'S ihm erschlossen hatte. Er fuhr sich mit den Fingern in die Haare und blickte starr zu Boden. Plötzlich aber ließ er die Hände sinken und schaute mit einer hastigen Bewegung des Kopses nach der Wanduhr, während in seinen Mienen ein jähes Erschrecken sich ausdrückte. Es war halb sechs Uhr, der Beginn des Kouzerles in der Villa Friede war auf neun Uhr Abends auberaumt. In der fliegendsten Hast brachte er seine Toilette in eine nothdürftige Ordnung und stürmte fort. Er raunte zur Wohnung des GerichtSraths von Colmar. Das HauS, in welchen! der Herr Gerichtsratt) wohnte, lag in einer Straße, welche sich nicht ganz im Zentrum der Stadt befand. Hier wurde nicht, wie in dem übervölkerten Mittelpunkt, mit jeden! Zoll Boden gekargt, und vor den größeren Häusern befand sich ein mäßig großer Raum für eine bescheidene Gartenaulage. Das Eisrngittcr, welches diesen Hofraum vom Trottoir abfperrte, war von innen durch hohe Fliederbüschc maskirt, so daß man von der Straße aus nicht in den Hof blicken konnte. Einige Fliedcrbüsche, einige Blumenbeete und rnndköpfige Akazien bau me waren die Faktoren, welche dem Hofe des Hauses Colmar einen aumuthigen Garteucharakter verliehen. Der Abend war wnndermild. Eine weihevolle Stille lauschte zwischen den Blumen und Büschen, kein Blatt bewegte sich. Die letzten Sonnenstrahlen malten röthlichc, spielende Reflexe auf die Wipfel der Fliederbüfche, deren traubenartige Blüthen schwere Duftströme cntricselten..... Die runden Kronen der Zwerg׳ akazieu leuchteten gelblich-grün, wie in Gold getaucht.... zwischen den duuketrothcu Blättern der Pfingstrosen brannte eine gchcimnißvolle, zauberhafte Gluth. Ella stand mit einer zierlichen Gießkauue in der Hand neben einem Beete und begoß den Stamm der schlanken Roscustöckc, welche das Beet in einem großen Umkreise einfaßten. Sic hatte einen Gartcnhut auf dem Haupte und ein tief ausgeschnittenes Gartenkleid von hochrothcr Farbe an; Busen und Arme verhüllten zum Theil schaumartigc, zarte, blaßgelbe Spitzen. Warum war sic aber nicht schon in Gcsellschaftstoilette? — In einer kleinen Stunde war die Zeit der Abfahrt da, und das ist, wie mäunigtich bekannt, für die Toilette der Damen im Allgemeinen und eines so eigensinnigen, schwer zu befriedigenden Dinges insbesondere, ein wahrhaftiges Zcitmolekül. Die einfachste