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Jeschurun · 1886-07-01 · Heft 26 (1.7.1886) · p. 408

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 26 (1.7.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-07-01
Page
408 (sequence 3)
Language
German
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408 Gedanke gewesen, umzukehrcn und die Heimath nimmer wieder zu sehen. ״Wollte Gott, Du wärst nie heimgekommen," seufzte die Alte. Müller fuhr auf. ״Und das sagt meine Mutter! — gelte ich Dir denn nichts, daß Du wünschest, ich wäre nimmer zu Dir zurückgekommen?" ״Besser tobt als Verbrecher," entgegnete Händeringend die Mutter und brach von Neuem in Thronen aus. ״Ist das Dein Nath?" rief Müller aufspringend. ״Was kann ich Dir rathen? Du Unglückseliger! — wie könnte ich Dir helfen?" ״Du kannst mir helfen, Mutter, wenn Du nur willst." ״Aber wie? — wie?" Er warf sich wieder zu ihren Füßen und preßte ihre Hände an seine Brust. ״Mutter! meine liebe, gute, theure Mutter! — Dein Sohn ist unglücklich! er ist ein Verbrecher! — aber er ist ja doch Dein Sohn. — Mutter! — erbarme Dich meiner!" ״Sprich, Kind, was soll ich lhun? — wie kann ich Dir helfen?" ״Du kannst es, Mutter. — Sieh', Tirza hat Vertrauen zu Dir, was Du sagst, darauf würde sie schwören. Sie hat zwar jetzt das verfluchte Zeichen an meinem Nacken gesehen, hat Moritz! geschrien und ist ohnmächtig zu Boden gestürzt. Jetzt ist der Arzt bei ihr, sie wieder zu erwecken. Und wenn sie nun wieder zu sich gekommen ist, da werde ich zu ihr gehen und werde mit keckem Muth meine bisherige Lüge ausrecht erhalten. Die ganze Stadt hat mich als Max Müller erkannt, und darum bin ich's und will ich'S bleiben. — Sie wird freilich behaupten, Max habe nimmer ein solches Mahl besessen, aber ich werde sie aufsordern, meine Mutter darüber zu befragen. Und wenn sie dann zu Dir kommen wird, Mutter, dann hast Du mein Schicksal in Deiner Hand. — Wenn Du dann ruhig und einfach ihr erklärst, ein jeder Deiner Söhne habe ein solches Zeichen mit auf die Welt gebracht, sie müsse das früher wegen Max längerer Haare nur nicht bemerkt haben, dann glaubt sie Dir uud wird meine Verzeihung erflehen, daß sie je an mir gezweifelt." ״Uugcrathener! und Du glaubst, ich würde Dir helfen, Deinen schändlichen Betrug fortzusetzen? — Fort! fort!" Sie riß ihre Hände mit Gewalt aus den seinen und stieß ihn von sich. Vergebens umfaßte er ihre Knie, bat und flehte. — Die alte rechtschaffene Frau war nicht zu bewegen. ״O Gott! o Gott! warum lassest Du mich solch Entsetzliches, erleben! — Fort!" schrie sie, als er mit seinem Drängen uichl Nachlassen wollte. ״Fort! oder mein Fluch wird Dich treffen!" Er raffte sich auf und stürzte aus dem Zimmer. Ohne selbst zu wissen, was er beabsichtigte, eilte er die Stiegen hinan. Auf der obersten Stufe trat ihm der Arzt entgegen, der eben das Krankenzimmer verlassen. ״Wie geht es meiner Frau, Herr Doktor," fragte Müller mit bebender Stimme. ״Schlecht," erwiderte der Arzt, indem er den bleichen, verstörten Mann finster anschaute, ״sehr schlecht — und das ist Ihr Week — ich hatte Sie gewarnt." ״Um des Himmels Willen, Herr Doktor! wie können Sie den Vorfall meiner Frau mir zum Vorwurf machen?!" ״Weil Sie ihn verschuldet haben. Vor kaum drei Stunden war ich hier und traf Ähre Frau frisch und munter, auf dem besten Wege zur volländigen Genesung. — Und nun liegt sie im heftigsten Fieber, dclerirt unaufhörlich von Ehebruch, von Doktor Werner, von ihrem verstorbenen Bruder und wer weiß von was noch. — Wie ihre Leute behaupten, waren Sie allein bei ihr. Ich kann mir die Sache nicht anders erklären, als daß Sie Ihrer schwachen, kranken Frau eine Szene gemacht, vielleicht ihre Treue verdächtigt haben, indem Sie auf ihre, während Ihrer Abwesenheit beabsichtigte Verbindung mit dem Werner anspielten. — Gehen Sie, gehen Sic, Herr Mütter, das hätte ich Ihnen nimmer zugetraut. Wenn Ihre Frau darüber zu Grunde geht, so haben Sie selbst ihr das Grab gegraben. Ein schmerzliches Acchzen entrang sich der Brust des Unglücklichen, er lehnte an die Wand, um sich ausrecht zu halten. Der Doktor empfand Mitleid mit ihm, er bereute beinahe seine harten Worte, doch er hatte sich verpflichtet gehalten, ihm sein brutales Benehmen gegen seine Frau, an ein solches glaubte der Arzt unbedingt, Vorhalten zu müssen. AtS er ihn jedoch so schmerzerfüllt, so gebrochen vor sich sah, demühte er sich doch, ihn wieder anfzurichten. ״Nun, nun, gar so hoffnungslos steht eS doch nicht. Frau Mütter ist jung und von zäher Konstitution. Suchen Sie sie nur ferner vor jeder GemüthSerrcgung zu schützen, so kann mit Gottes Hülfe noch alles gut werden." ״Kamt ich zu ihr?" fragte Müller, ohne den Blick vom Boden zu heben. (Fortsetzung folgt.)

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