Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-07-01
- Page
- 407 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933180-2966087--22298-2966132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
407 was Gott uns auferlegt — was aber unser eigener Wahnsinn, was unsere Leidenschaft uns auferlegt —" ״Ich verstehe Dich nicht, mein Sohn, Du mußt deutlicher zu mir reden. — Ich fühle wohl, daß Du unglücklich bist, sehr unglücklich — denn aus Deinen eigenen Worten ersehe ich, daß Du Dein Unglück selbst verschuldet. — Aber Du mußt mir sagen, was Du verschuldet hast, und was Dir geschehen ist — dann wollen wir mit einander berathen, wie es wieder gut zu machen ist, oder wie sich wenigstens die Unglückseligen Folgen abschwächen lassen." Müller athmcte tief ans. ״Deshalb bin ich zu Dir gekomnien, Mutter — Du sollst mir rathcn — sollst mir helfen — Du kannst eS, sonst kein Mensch." Er schlang seinen Arm um ihren Hals und legte sein Haupt auf ihre Schulter. ״Sprich, mein Kind — mein liebes, liebes Kind — sage Deiner Mutter Alles — Du weißt, wie gern ich Dir helfe, wenn ich'S nur kann." ״Du kannst eS, Mutter, nur Du allein kannst mir helfen. — Weißt Du, Mutter, wie Du uns als Kinder immer geholfen hast? Wenn wir lose Knabenstreiche verübt oder in wilden Spielen Fensterscheiben zerbrochen hatten und uns dann vor dem Vater sürchteten — dann kamen wir immer zu unscrm lieben, guten Mütterchen und vertrauten ihr's an, und Mütterchcn wußte uns immer zu helfen, ließ die zerbrochenen Fensterscheiben rcpariren, bevor der Vater eS merkte, und wenn eö etwas Anderes war, wußte sie andern guten Rath, so daß wir gewöhnlich gut davon kamen. Weißt Du's noch. Mutier?" ״Ob ich'S noch weiß?" erwiderte sie lächelnd, so 'was vergißt man nicht so leicht, eS kam ja auch nicht allzu selten vor, Ihr wäret wilde Buben, und der Vater, so gern er Euch hatte, hätte Euch die wohlverdiente Strafe nicht so leicht erlassen." . ״Aber unser liebes gutes Mütterchen wußte sie uns trotzdem zu ersparen." Er nahm ihre welke Hand und zog sie an seine Lippen. Sic fuhr mit der Hand über sein Gesicht, als könne sie tastend den Ausdruck desselben erkennen. ״Deine Lippen brennen, Max, und beben, Deine Stirn ist feucht und kalt — sprich, :nein Kind, was erregt Dich so mächtig? — ich möchte Dir so gern Helsen." Er wollte reden, er rang nach Worten, er brachte keine über die Lippen. ״Ich kann nicht!" schrie er aufspringend und rannte von Neuem wie ein Verzweifelnder durchs Zimmer. ״Mein Sohn!" flehte die Alte, ..mein lieber Sohn — habe Vertrauen zu Deiner Mutter, der Mutter kann man Alles sagen." Cr blieb vor ihr stehen; ein Gedanke durchzuckte ihn, plötzlich warf er sich vor ihr nieder auf die Knie, drückte den Kopf in ihren Schooß und legte ihre Hand auf seinen Nacken. ״Heiliger Gott!" schrie die Blinde, ״was ist das?" ״Kennst Du'S nicht, Mutter?" flüsterte er bebend, ״eS ist das Mat, von dem Du in früheren Jahren so oft gesprochen, das Mal, das ich mit auf die Welt gebracht." ״Moritz!" schrie sie, ״Moritz! — Ach, ich habe cs doch gleich geglaubt, daß Du Moritz bist, eine Mutter täuscht man nicht — aber warum hast Du gesagt, daß Du Max bist?" Er antwortete nicht, er drückte seinen Kopf noch fester auf ihre Knie. ״Moritz! Moritz! heiliger Gott, was hast Du angcstcllt! — Daß Du mich getäuscht hast, hat nichts aus sich, ein Kind ist mir wie das andere — aber Tirza! Tirza hast Du betrogen! — hast mit der Wittwe Deines Bruders Blutschande getrieben! — Großer Gott, welch' entsetzlicher Frevel!" Sie schlug die Hände vor die blinden Augen und brach in ein wildes Schluchzen aus. Mütter richtete den Oberkörper auf, blieb aber vor der Mutter auf den Knien und mit bebender, von wilder Leidenschaft gedämpstcr Stimme enthüllte er ihr seine unheilvolle Vergangenheit. Daß er Tirza geliebt, als er noch ein Knabe, lange bevor sein Bruder sie heimgcführt — daß sie aber seine Werbungen stets mit stolzer Verachtung znrückgewicscn — und wie die Eifersucht ihn verzehrt, als sie seines Bruders Weib geworden — und wie er dann bei Kissingen schwer verwundet, von reichen Damen hülfrcich ausgenommen ward und unter falschem Namen die Liebe des schönen, reichen Mädchens sich gewonnen. Doch als er dann aus einem heünathlichen Blatte den Tod seines Vaters erfahren hatte, und bei dem Bericht über dessen Begräbniß. auch des Todes seines Bruders erwähnt war, da hatte er ohne Bedenken diereiche Braut verlassen. Mochte das Herz ihr brechen, was kümmerte es ihn! und Tag und Nacht war er gereist, um auf's Nene um die zur Wittwe gewordene Geliebte zu werben. Daß ein Neligionsgesetz die nicht kinderlose Wittwe seines Bruders ihm verbot, daran hatte er nicht gedacht, hatte er doch überhaupt an Religion nie viel gedacht. Aber er hatte auch nicht beabsichtigt, sich für seinen verstorbenen Bruder auszugeben. Doch als er die Heimath erreicht und gleich am Bahnhof von einem ehemaligen Bekannten für seinen Bruder gehalten worden und von diesem Tirza'S Wicderverheirathung erfahren hatte, da war sein erster