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Jeschurun · 1886-07-01 · Heft 26 (1.7.1886) · p. 404

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 26 (1.7.1886)
Article
Die jüdischen Mittelschulen in Ungarn
Date
1886-07-01
Page
404 (sequence 2)
Language
German
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404 Gesinnung Arpad fammt allen sieben Heerführern übertrumpfen wollten, Tag zu werden. Die Sonne der unerbittlichen Wahrheit, die viele unter ihnen, und gerade die besten bisher, sei es aus edlem philantropischen Glauben oder aus unrühmlicher VogelstrauS- Politik, so gerne desavouirten, scheint nun auch an ihrem Horizont aufgegangen zu sein und die Dinge mit ihrem grellen Licht, das den Augen so weh thut, zu beleuchten. Fern von uns sei cs, Jemandem aus seiner patriotischen Gesinnung einen Vorwurf zu machen; wir bekennen vielmehr, daß zu den heiligsten und theuersten Empfindungen die wahre, ächte Vaterlandsliebe zählt. Dieses heilige Gefühl muß aber dem klaren, ungetrübten Born entspringen und den lautersten Zielen cntgegenstreben. Das Gcmüth, behaupten wir, welches fähig sein sott, den Patriotismus so zu empfindcn, wie er als eines der theuersten idealen Güter der Menschheit vorgestellt wird, ist gleichzeitig auch der weihevollste Terypel aller anderen Ideale der menschlichen Seele. In Betreff der Religion aber können wir uns leider der schmerzlichen Wahrnehmung nicht verschließen, daß es heute vielfach schon für diSkussiouSfähig gehalten wird, ob sie als Kriterium des SeelenadelS überhaupt betrachtet werden soll oder nicht. Man kann uns entgegenhalten, daß dieses schließlich eine Sache sei, die Jeder mit sich selbst und dem lieben Gott auszumachen habe. Wir wollen hier darüber nicht streiten, das aber behaupten wir: man kann sich keinen edlen Menschen denken, der sich seiner ihm burrf) eine Jahrtausende alte gemeinsame Geschichte verwandten StammeSgcuossen schämt, selbst wenn diese materiell auch noch so herabgekommen sein sollten. Ein Patriotismus oder welche andere menschliche und bürgerliche Tugend immer aber, die gepaart mit dieser letzterwähnten Erscheinung anftritt, wird jedem reif und gerecht Urtheilen den mindestens verdächtig erscheinen. Nichts Anderes aber als eine tiefe Geringschätzung ihrer nicht auf gleicher sozialer Höhe stehenden StammcSgenossen und eine verachtende Gleichgültigkeit gegen deren engere Interessen konnten wir als die Folge des übertriebenen chauvinistischen Strcbeus eines TheilS der ungarischen Juden beobachten, wie dieses Moment überhaupt ein charakteristisches Merkmal auch mancher jüdischer Heißsporne anderer Nationalitäten bildet. Wir können diese Sorte von Patriotismus weniger einen übertriebenen nennen — denn ist er an und für sich lauter, dann ist kein Grad desselben übertrieben — als vielmehr einen falschen,!Mächten, der sicherlich, mehr oder weniger bewußt, von nicht heiligen Triebfedern bewegt wird. Was soll man also zu den Leuten sagen, die sich für fünfzig Kreuzer einen mehr als ächt szythischcn Namen kauften und mit stolzer Ablehnung ans ihre Identität mit der magyarischen Nation verwiesen, wenn man mit einer speziell jüdischen Angelegenheit an sie herantrat? Und wenn die jüngste Entartung einer nicht geringen Anzahl Menschen sonst nichts Gutes im Gefolge hätte, als diese Leute von ihrem stupiden Jrrthum geheilt zu haben, so reichte auch das schon mehr als genügend hin, um den alten Satz zu bestätigen, daß eS nichts absolut Schlechtes giebt. Zwar wissen wir ganz wohl, daß das eigentliche wahre Judcnthum hiervon gar nichts profitirt. Wir messen dem ostentativ zur Schau getragenen VekehrungSduscl nicht mehr eigentlichen Werth zu, als wir früher in dem geblähten Hyper- Patriotismus wahrnehmen konnten. Es handelt sich in den allermeisten Fällen um ein gedankenloses Flunkern mit Phrasen und Schlagwörtem. Doch ist den seichten Menschen, die einem eitlen Kitzel Volksstamm, Geschichte und Glauben geopfert haben, eine so tiefe Demüthigung, wie sie die letzten Ereignisse ihnen gebracht, vielleicht doch heilsam. Wenn man diese letzten Ansichten einem von den ״Modernen" gegenüber äußert, so muß mau darauf gefaßt sein, daß er sich entrüstet in die Brust werfen und mit der größten UcberzcugungStrcue betonen wird, sein Standpunkt sei der richtige, sein Judeulhum sei das wahre und achte, während das orthodoxe eine Farce davon sei. Sieht man nun die pathetischen Gesten und hört den überzeugnugsvollen Ton, mit welchem das vorgcbracht wird, nu1ß man unwillkürlich die Frage aufwerfcn: ist cs möglich, daß das Alles erheuchelt unb erlogen sei? Wie ist es möglich, daß dieser Mensch, der vielleicht kein einziges der in der Bibel enthaltenen 613 Ge- und Verbote unverletzt läßt, von ächten!, wahrem Judcnthum, ja vom Glauben überhaupt sprechen kann? Heißt cs eine Religion haben, wenn man Alles, was diese Unbeguemes enthält, durch die mißbräuchliche Anwendung hoher Ideen und Prinzipien ausscheidet, als nicht zur Religion gehörig erklärt und aus nichtssagenden Uc" crbleibseln, welche die Ausdehnung dcS geilen Materialismus nicht im Mindesten eineugeu, ein Fctischgerippe zusammentackelt, dieses mit einigen bunten Fetzen behängt, um den schwachen Nest von Gewissenhaftigkeit betrügend, mit verdrehten Augen und andachtvoller Stimme ausrufen zu können: ״Wir sind gottcsfürchtig, wir haben einen schönen, reinen, geläuterten Glauben rc. rc." Soll das Alles Lüge sein? In vielen Fällen leider ja. Doch kann man es nicht in Abrede stellen, daß. Dank der nur zu erfolgreichen Wirksamkeit der Reformhelden, bei einem großen Thcil ihres Gefolges solche falsche Begriffe über Religion und Judenthum herrschen, daß jenes todte Fetischgerippe mit den paar bunten, fremden Lappen wirklich vielfach mit zu den idealen Errungenschäften eines kritisch fortgeschrittenen Zeitgeistes gerechnet wird. Niemand kann es uns verübeln, daß wir mit diesen

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