Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1886)
- Article
- Die freie Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judenthums
- Date
- 1886-07-01
- Page
- 402 (sequence 2)
- Language
- German
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402 edler Erhebung des Geistes und Herzens sich brüderlich vereinen und sich gegenseitig geloben, nicht zu weichen und nicht zu wanken in der Treue und dem Gehorsam, welche sie ihm schulden. So ist Ne einfache Thatsache des eben geschlossenen Bundes an und für sich von hoher Bedeutung. Was ist aber der Inhalt der Bundeöakte, welche nach ernster Verathung am 22. Juni als Grundlage für daö gemeinsame Wirken der von gleicher Liebe und gleicher Treue beseelten Vundeögenssseu einmüthig festgestellt worden ist? Er läßt sich knrz dahin zusammcnfassen: Wahrnehmung und Förderung der allgemeinen und der religiösen Angelegenheiten der Juden im Geiste des gesetzeötrcuen JudenthumS. Wir sind auf den Eiuwand vorbereitet: bedarf es denn für die Wahrung und Förderung allgemeiner jüdischer Angelegenheiten noch der Stiftung einer besonderen Vereinigung? Ist denn nicht die große allgemeine Israelitische Allianz vorhanden? Existirt denn nicht der deutsche Israelitische Gcmeindebuud? Warum wollet Ihr eine neue Institution begründen, warum in gesonderter Thätigkeit für das Allgemeine wirken? Ihr zersplittert die Kraft der jüdischen Gesammthcit, welche wahrlich nach der gegenwärtigen Zeitlage zusanuuengchaltcn werden muß, um den Angriffen der Gegner erfolgreichen Widerstand zu leisten. Wir könnten aus die Thatsache Hinweisen, daß neben der bedeutenden in Paris ihren Sitz habenden Allianz auch in London, Wien und Berlin einflußreiche und die Vertretung und Förderung der allgemeinen jüdischen Angelegenheiten ebenfalls mit pflegende ähnliche Institutionen geschaffen sind und neben einander ihreWirkfamtcit entfalten. Für eine solche ist noch Raum genug vorhanden, so daß die Befürchtung einer gegenseitigen Beengung des Arbeitsfeldes völlig ausgeschlossen ist. Trifft es sich aber einmal, daß sie sich an der Verfolgung des gleichen Zieles au dem gleichen Objekt begegnen, so fördert der Einen Thätigkeit die Bemühungen der Andern. Wir glaubenganz sicherlich, daß cS hier noch zu keinen Kollisionen gekornmen ist. Wenn also beispielsweise, trotz dcö Bestandes der Alliance Jsraelite Universelle seinerzeit der Deutsch- Israelitische Gemeiudcbund geschaffen werden konnte, welcher neben .besoudern Zwecken doch noch solche allgcmeiner Art sich zum Ziele gesetzt, für welche die Alliance gleichfalls eintretcn würde, so dürfte kauur etwas zu erinnern sein, wenn neben dem Deutsch-Israelitischen- Gemeiudebunde noch ein anderer Bund erstehen würde,- welcher außer seinen besonderen Zwecken auch solche ins Auge faßte, die auch einen Theil des ProgranuneS bildeten, das jener adoptirt hat. Mr sind indessen keineswegs gewillt, eS unauSgesprochen zu lassen, daß wir eine viel triftigere Begründung dieses Theils der von der freien Vereinigung auf ihre Fahne geschriebenen Ziele kennen. Wir wollen uns nicht an dein Erweise ein Genüge sein lassen, daß dieser auf das Allgemeine gerichtete Theil ihrer Aufgaben nicht im Gegensätze zu ähnlichen anderen Bestrebungen steht. und deshalb, wenn auch nicht nothwcndig, so doch nicht überflüssig wäre. In der fonftitnirenben Versammlung ist unter allgemeinster Zustimmung das männliche Wort gesprochen worden: ״Wir wollen weder unter falscher Flagge segeln, noch unsere Farben schcn verhüllen!", und wir glauben, daß cS kein Werk giebt, welches freier, selbstbewußter und rückhaltloser vor die Ocffentlichkeit treten kann, als die freie Bereinigung für die Interessen dcS orthodoxen IndenthnmS. Sie am allerwenigsten hat nöthig, ihre Ziele in nebelhaftes Dunkel zu hüllen und die Beweggründe ihres Handelns zu verheimlichen. Sie weiß sich im Dienste dcö Höchsten und Heiligsten. Sie hat sich um die Fahne des einzig wahren JudenthumS geschaart, die von der Zinne der Jahrhunderte ihre weithin leuchtcndcn Zeichen trägt. Diese Zeichen vor jeder Beslecknng und Entstellung rein zu erhalten, daö heilige Banner unversehrt ans den Kämpfen der Gegenwart der Zukunft zu überantworten, ist der bewußtvoll erkorcne ausschließliche Inhalt des BnndcSgelöbniß. Die freie Vereinigung überläßt willig Andern die Kunst diplomatischcr Geschmeidigkeit. Sie verschmäht für ihr ernstes, mannhaftes Streben den kindischen Schmuck wichtigthueuden, gehcimnißvollcn GebahrcnS. Darum' scheuen wir uns auch nicht, es offen ansznsprechen, daß nicht nur für die Förderung der besoudern jüdischreligiösen, sondern auch für die Vertretung der allgemeinen jüdischen Angelegenheiten ein Organ nothwcndig geworden ist, welches von dem Geiste dcö orthodoxen JudenthumS beseelt ist. An einem solchen hat eS bis jetzt auch für die allgemeinen jüdischen Angelegenheiten gemangelt. Die vorhandenen Institutionen, welche sich deren Vertretung widmen, unterstehen einer Leitung, die von diesem Geiste nicht durchdrungen ist. Entweder erklären sie, daß das religiöse Moment grundsätzlich auf ihre allgemeine Wirksamkeit keinen Einfluß anSzunben habe, oder sie neigen in ihrer Thätigkeit derjenigen ״religiösen. Richtung" zu, welche jedenfalls nicht ״orthodox" ist. Man wird aber nicht verkennen wollen, daß einerseits eine absolute Trennung zwischen allgemein jüdischen und religiös jüdischen Interessen nicht möglich ist, daß vielmehr ein inniger Zusammenhang und eine Wechsel- Wirkung zwischen diesen beiden vorhanden, so daß in Wirklichkeit auch die allgemein jüdischen Fragen sehr wesentliche religiöse Interessen berühren. (Fortsetzung folgt.)