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Jeschurun · 1886-06-24 · Heft 25 (24.6.1886) · p. 392

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 25 (24.6.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-06-24
Page
392 (sequence 3)
Language
German
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392 mißhandelt, dessen war sie sicher, der Kleine hätte es ihr nicht verschwiegen. So kalt Müller sich gegen das älteste Kind zeigte, eine so innige Liebe gegen das jüngste schien ihn zu ersüllen. ES war ein wnndcrlicblicheS Töchterchen. mit jedem Zuge der Mutter Ebenbild. Das betonte er beständig, als fühle er, daß sein ungleichartiges Benehmen gegen die Kinder eine Erklärung heische. Es war an einem heißen Sommertage. Tirza, deren Kräfte in der verflossenen Woche fast mit jedem Tage zugenommen hatten, saß im Fauteuil am geöffneten Fenster, während die Wiege ihres jüngsten Kindes ihr gegenüber sich befand. Mit der eines Rekonvaleszenten eigenen Wonne athmetc sie die milde würzige Luft und plauderte munter mit ihrem schönen Knaben. - Da trat Müller in das Zimmer, er war sehr echauffirt und trocknete die Stirn mit dem Tuche. ״Ach, hier lebt man auf, hier ist'S angenehm kühl. War das heute eine Hitze, wie wir sie in diesem Jahre noch' nicht erlebt haben." Der kleine Karl hatte gleich nach Müllers Eintritt das Zimmer verlassen. ״Ich werde hier wenig von der Hitze belästigt," erwiderte Tirza, ״aber Max. wie siehst Du aus, Du hast Dich ja beinahe kahl schcercn lassen." ״Das lange Haar war mir lästig geworden bei dieser entsetzlichen Hitze. Hätte ich jedoch geahnt, daß mein geschorener Kopf Dir mißfällt, so Hütte ich meine Mähne doch noch weiter getragen. Aber wo ist denn die Kleine? ich habe sie heute noch nicht gesehen." ״In ihrem Vettchen, sie schläft." Doch als hätte das Kind die Frage des Vaters vernommen, in diesem Augenblick erhob cS sein Stimmchcn und begann zu weinen. Müller wandte sich rasch und eilte zu ihr. Lächelnd schaute ihm Tirza nach, wie das Töchterchen ihm ans Herz gewachsen war. Er schlug den grünen Gazevorhang zurück und neigte sich tief hinunter über die Wiege, die Kleine empor zu heben. In diesem Augenblick stieß Tirza einen fürchterlichen Schrei aus, einen Schrei, als Hütte der Abgrund der Hölle sich vor ihr ausgethan; zu Tode erschreckt, ließ Müller das Kind zurück in die Kissen fallen. ״Unr Gott, Tirza! was ist Dir?" , Sie stand dicht neben ihm und schaute ihn mit einem Blicke, in dem Entsetzen, Abscheu und Perzweislung mi.t einander rangen. ״Tirza! um des Himmelswillen.! was ist geschehen?" Ein heftiges Zittern hatte sie erfaßt, er fürchtete, sie zusammenbrechen' zu sehen und wollte sie stützen. Sie wich von ihm zurück bis an das äußerste Ende des Zimmers.. ״Moritz!" stieß sie endlich hervor, ״Moritz!" ״Was ficht Dich an?" schrie er, ״mein Bruder Moritz ist ja längst gestorben." ״Moritz!" kreischte sie, ״Moritz!" ihre Stimme hatte nichts Menschliches mehr. Fast gelähmt vor Entsetzen strebte er doch die Fassung nicht zu verlieren. ״Du bist krank, Tirza," sprach er sanft, ״das Fieber verwirrt Dir die Sinne." Sie schüttelte heftig den Kopf und deutete mit dem Finger ans seinen Nacken, ohne ihn jedoch zu berühren. Im selben Moment jedoch wird eS schwarz vor ihren Augen, in heftigen Zuckungen stürzte sie zu Boden. Einen wilden Fluch anSstoßend sprang Müller zum Glockenzng und riß wie ein Verzweifelter daran, so daß das Zimmer sich mit seinen Leuten füllte. ״Den Arzt!" stammelte er, ״rasch den Arzt!" Einer der Kellner eilte fort, während das weibliche Dienstpersonal sich um die Ohnmächtige bemühte. In düsterer Verzweiflung starrte Mütter auf sie nieder, er schien es nicht zu wagen, sie zu berühren. Plötzlich schien ein Gedanke in ihm zu erwachen. Mit einigen kaum verständlichen Worten die angsterfüllten Mädchen in ihren Bemühungen crnmnternd, verließ er hastig das Zimmer. Die Mädchen wähnten, er wäre foUgceilt, die Ankunft des Arztes möglichst.zu beschleunigen, doch er eilte in daS Zimmer seiner Mutter. Der kleine Karl saß ans der Erde zu den Füßen seiner Großmutter. Ohne ein Wort zu reden, faßte Müller das Kind am Arme und schob eS vor-die Thür, die er fest ins Schloß drückte und den Nachriegel vorschob. . ״Wer ist da?" fragte die Blinde beunruhigt. ״Ich bin's, Mutter," erwiderte er mit heiserer, tonloser Stimme. ״Du, Moritz? — ach, verzeih, Max wollte ich sagen. Aber waö hast Du, mein Sohn? Du scheinst sehr aufgeregt." . Er antwortete nicht, in wilder Hast raunte er im Zimmer auf und׳ nieder. Er war entlarvt! Tirza hatte ihn erkannt! — DaS Mahl am Nacken, das die längeren Haare bisher verdeckt, war durch das Schcercn sichtbar geworden, er war verrathcn! — was sollte er beginnen? — Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, er faßte öie Stoppeln der Haare, als wolle er sie in wahnsinniger Verzweiflung auSranfen — was sollte er beginnen? ... ״Um des Himmels .Willen, mein Sohn, was ist Dir?" (Fortsetzung folgt.)

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