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Jeschurun · 1886-06-24 · Heft 25 (24.6.1886) · p. 391

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 25 (24.6.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-06-24
Page
391 (sequence 2)
Language
German
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391 znreden, den Friedrich zu nehmen, da würde ich Sie unbedingt selbst nehmen. Aber da ich dazu doch schon zu alt bin, so gönne ich Sie keinem Andern alö meinem Jungen. Und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie finden in der ganzen Welt keinen bravern und keinen, der es besser mir Ihnen meint. Also besinnen Sie sich nicht länger, sagen Sie ja." ״Lassen Sic mir Bedenkzeit," bat Bella, ״nur bis morgen —" ״Bedenkzeit bis morgen — na, meinethalben — aber morgen müsicn Sic ja sagen, Sie machen mich sonst ganz nervös und tragen die Schuld, wenn ich in nervöser Ucberrcizthcit lauter falsche Rezepte vcrschreibe und meine Patienten en bloc ins Jenseits befördere." Der Sanitatörath hatte sich bei diesen Worten in das anstoßende Zimmer begeben; Walther wußte nicht, schuldete er der Fürsprache seines Vaters Dank oder nicht. ״Bella," sprach er innig, ״Sie haben meine Bitte noch nicht beantwortet, — haben Sie kein Wort, keinen Blick für mich?" Sie blickte zu ihm auf voll innigem Vertrauert. ״Gestatten Sie mir morgen eine Unterredung — unter vier Augen," fugte sie crröthend hinzu. Er hätte laut aufjauchzcn mögen, doch er bezwang sich. ״Darf ich mir Vormittags erlauben, Sw in Ihrem Zimmer anfzusuchen?" Sie neigte bejahend das Haupt. - Der Sanitatörath trat wieder in das Zimmer, Bella zog sich bald zurück, sie reichte, wie gewöhnlich beim Gutenachtwnnsch, den Herren die Hand. ״Schlafen Sie wohl, liebes Kind," erwiderte der Sanitätsrath, ihre Hand einige Minuten in der scinigen haltend, ״und — was ich noch habe sagen wollen — Sie sind mir doch nicht böse?" ״Wie könnte ich Ihnen böse sein," cntgegnete sie, ״weiß ich ja -doch, daß Sie cs von ganzem Herzen gut mit nrir meinen." ״Na, das ist schön, daß Sie daö wissen, und darum, liebes Kind, haben Sie auch Mitleid mit meinen armen Patienten — Sie verstehen mich doch," fügte er schelmisch lächelnd hinzu. Sie entzog ihm lächelnd ihre Hand und bot sie dem Sohne. ״Gute Nacht, Herr Doktor." ״Gute Nacht, Fräulein Bella!" Er wagte es zum ersten Mal, ihre Hand an seine Lippen zu ziehen, sie wehrte es ihm nicht, der Alte.nickte ihr lächelnd zu, sie entfernte sich eiligst. Sie war bereits entschlossen, Watther's Antrag anznnehmen; doch obgleich er selbst erwähnt hatte, er könne nicht erwarten, daß sie seine Liebe erwidere, hielt sie sich dennoch verpflichtet, ihn nochmals auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, und ihm, soweit sie sich selber klar war, einen klaren Einblick in ihr Inneres zu gestatten.' Und als er ihrer Verabredung gemäß am kammenden Morgen sich bei ihr einfand, und sie nun frei und rückhaltlos von ihrem frühen! Vcrhältniß zu Herrn von Mühler zu ihm sprach, von ihrer Verzweiflung nach dem Bruch desselben und von der Verachtung, die das Benehmen dcö Elenden ihr seitdem einflöße, da kannte er sie besser als sie sich selbst. Und je inniger seine Liebe zu ihr, um so inniger hielt er sich überzeugt, daß sie dieses Gefühl noch nie gekannt hatte. Mit freudiger Zuversicht in die Zukunft wiederholte er seine Werbung, sie willigte ein. # Fast ein Jahr war verstrichen, seit der Todtgeglaubte in die Heimath znrückgckehrt. Der Neubau war vollendet, das Geschäft blühte, trotzdem die Anzahl der Zimmer beinahe verdoppelt, war doch nur selten eins leer. In dieser Beziehung konnte der Löwenwirth zufrieden sein. Aber daS häusliche Glüä des neu vereinten Paares war durchaus nicht ungetrübt. Müllers Leichtfertigkeit in religiöser Beziehung, seine Eifersucht, seine Lieblosigkeit gegen sein eigenes Kind verbitterten der jungen Frau das Leben. Und wenn er sie dann in Thränen traf, dann erging er sich in wilden Klagen, daß er ihre Liebe verloren, daß sie sich nach Demjenigen sehne, an dessen Seite er sic bei seiner Heim- .kehr getroffen hatte. Seit einigen Wochen jedoch herrschte Freude.׳ und Friede tu des Löwcmvirths Familie. Tirza war äuf'S diene Mutter geworden, und seit jener Stunde hatte sich Müllers Benehmen vollständig geändert.. Der Arzt, den ihre in jüngster Zeit etwas schwankende Gesundheit beunruhigte, hatte ihn aufmcrsam gemacht, daß auch die leiseste GemüthSaufregung ihr Leben gefährden könne. Voll Entsetzen blickte er zurück auf sein bisheriges Verhalten und schwur sich selbst, sie nie wieder zu betrüben. Mochten die Leidenschaften noch so wild in ihm toben, mochte Haß und Eifersucht gegen ihr Kind sein Her; erfüllen, sie sollte eS nimmer gewahren. Um ihretwillen wollte er fortan auf den siebenten Theil seines Verdienstes verzichten, und mit dem Oberkellner jenen Vertrag erneuern, den sein Vater mit ihm getroffen. Galt es doch ihr Leben zu erhalten, ihr Leben, das ihm ungleich Ihcuret war . als sein eigenes. ״ Tirza war glücklich über diese Veränderung. Er war jetzt so sanft, so milde, wie sic nie geglaubt hätte, daß er wieder werden könne. Schien er auch den kleinen Karl kaum zu beachten, so hatte er doch seit Wochen in ihrer Gegenwart kein unfreundliches Wort an ihn gerichtet, und daß er ihn seitdem auch, nicht

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