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Jeschurun · 1886-06-17 · Heft 24 (17.6.1886) · p. 374

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 24 (17.6.1886)
Article
Über die Juden in Russisch-Zentralasien
Date
1886-06-17
Page
374 (sequence 2)
Language
German
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374 Sabbathe zu jüdischen Feiertagen gewahrten. So brldeten sich bei den verschiedenen Militär-Divisionen kleine jüdische Gemeinden von zwölf bis zwanzig und mehr Häuptern. Sie bauten sich nothdürftig einen kleinen Raum, den sie zur Abhaltung eines gemein-׳ samcn Gottesdienstes am Sabbath und Festtagen benutzten; sie ernannten die verhältnismäßig Gebildetsten unter sich zu ihren Vorstehern mit'Genehmigung der Vorgesetzten Behörde, welche diesen Vorstehern auch die Vcfugniß ertheilte, die kleinen Neligiousge1nemd.cn nach Maßgabe der religiösen Satzungen zu leiten. Diese Vorsteher versahen ihr Amt mit großer Gewissen- Hastigkeit so gut eS anging und standen bei den Gemeindeangehörigen in Achtung und Gehorsam. Nach einiger Zeit ordneten sie auch die Eheschließungen und Beschneidungen, führten die Standesregister 11. f. w. Bor dem Peßachfeste gründeten sic eine Vereinigung zur Beschaffung der für das Peßachfest nothwendigen Requisiten. Man versorgte sich mit vorschriftsmäßigem Mehl, bereitete Mazoth, kaufte Kartoffeln und Eier ein, damit man das Pcßachfcst nach gesetzlicher Anordnung begehen konnte. Ohne eine solche Fürsorge wäre dieses in diesem Erdstriche damals unmöglich gewesen. So verliefen zehn Jahre für diese kleinen jüdischen Gemeinden unter kümmerlichen Verhältnissen. In den Jahren 1857—58 langten jedoch größere Truppenmassen zur Verstärkung der Jrtisch-Armee aus dem fernen Rußland sowohl wie aus dem westlichen Sibirien au, um einen starken Vorstoß auf Chokaud zu unternehmen. Namentlich unter den sibirischen Soldaten befanden sich sehr viele Juden, thcilweise Familienväter, die Frau und Kinder mitbrachtcn. Dadurch erfuhren die kleinen jüdischen Gemeinden einen erheblichen Zuwachs sowohl an Zahl wie auch an religiösem Sinn, )!ach einiger Zeit vermochte man, sich mit Sifre-Thora zu versehen. Es fehlte aber noch immer an Schochctim und — Frauen. Da kamen jüdische Handelsleute aus Taurien in die Gegend, um hier Holz 11. dgl. anfzukaufen. Denen klagte man die Noth des Fraucnmaugcls, und sic versprachen, ihnen aus einer entfernten jüdischen Kolonie arme jüdische Mädchen zu verschaffen, welche sich zur Eingehung eines EhebundeS entschließen würden. Aber das gelang nur im beschränkten Maße. Herr Krutik erzählt, wie cS ihm selbst ergangen ist. Er befand sich damals in K. Lio, wo nur wenige Juden wohnten. Alle, mit Ausnahme eines Einzigen, unverhcirathet. Er war damals füufnnddreißig Jahre alt und empfand die Wahrheit des Ausspruchs: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Aber woher eine Frau nehmen'? Er und ein noch älterer Kamerad faßten den Entschluß, sich aus der Ferne eine zu verschaffen. Sic fanden einen bekannten fremden Handelsmann, der versprach, aus seiner Heimath jedem die treue Gefährtin seines ferneren Lebens hierher zu entsenden. Die beiden Heirathskandidaten erhielten auch demnächst die frohe Botschaft, daß die ihnen bestimmten Gattinnen bereits abgercist seien und die Zusammmenfünft mit ihren präsumtiven Ehegemahlen in S . .. k erwarteten, wie solches auch mit dem Vermittler verabredet gewesen war. S. . - k lag nur die Kleinigkeit von L35 Werst - 91 deutschen Meilen von K. Lio entfernl. Was thut man aber nicht, um in den sichern Hafen der Ehe cinlaufcn zu können? Man denke sich die Beschwerlichkeit der Reise in jenen nnwirthbaren Gegenden. Man habe aber auch Achtung vor der sittlichen Größe der Beiden, die bedeutende Opfer gern brachte, um eine Ehe כדת משה וישראל zu. schließen. — Nun denke man sich aber die Entläuschung, als Herr Krutik mit seinem Freunde in S ... k ankamen und sich nach ihren Bräuten umsehen wollten. Da erfuhren sie, daß diese, welche auf Kosten der ihnen bcstimniten Ehemänner dorthin gekommen waren, sich inzwischen in dieser Stadt mit Anderen vcrheirathet hatten 1 — Herr Krutik hatte cS freilich nicht zu beklagen. Er schloß mit der Tochter eines daselbst ansässigen jüdischen Einwohners den Ehcbund. Sein Gefährte war aber nicht so glücklich. So gelangten die jüdischen Gemeinden zu keiner gedeihlichen inneren Entwickelung. Wer von den ausgedienten Soldaten frei werden konnte, zog eö vor, nach Sibirien zu gehen und sich dort häuslich nieder zu lassen. Mit den sortschrcitenden Eroberungen RußlandS und nach der Errichtung dcS Geucralgouvernement Turkestau mit den gesonderten Provinzialveiwaltungen für Sir Darja, Ssemirctschiusk nnd Ferghana (Chokaud), wodurch eine geregelte Verbindung mit Europa ($. B. tägliche Postvcrbindung auf der ungeheueren Strecke zwischen Taschkent und Ormburg) hcrgcstettt wurde, kamen sehr viele Juden in dieses wilde Land als Schneider, Schuster, Uhrmacher, Brenner, Brauer, Sachwalter, Buchhalter 11. s. w., und so entstanden erst jetzt (nach 1860) wirkliche jüdische Niederlassungen in Zcntralasien. Freilich dauerte eS einige Zeit, bis der neue Zuzug sich mit den hier au getroffenen Glaubendgenossen verständigte. Man sah auf die Soldaten stolz herab und dünkte sich besser als sie. Kein Wunder, daß diese, die früher hier Ansässigen, diese wenig brüderliche Gesinnung nicht gerade mit Liebe erwiderten. Endlich kam es jedoch zu einer Verständigung zwischen beiden Elementen, an welcher nach Herrn Krutiks Mittheilung den Soldaten das meiste Verdienst zuzuschreibcn ist. Er rühmt an ihnen Biederkeit und Wohlthätigkeit. Gastfreundlichkeit und Rechtschaffcnheit, Opferfrcudigkcit und Selbstlosigkeit, Tugenden, die ihnen die höchste Anerkennung der Behörde zugezogen haben.

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