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Jeschurun · 1886-06-08 · Heft 23 (8.6.1886) · p. 357

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 23 (8.6.1886)
Article
Die heilige Sprache und der moderne Zionismus
Date
1886-06-08
Page
357 (sequence 2)
Language
German
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doch eine alte Regel, und das schöne Wort: ״die Liede ist der Liebe Preis״ ist wohl auch für der Juden Gefühl gesagt. Aber diese mangelnde Liebe im Herzen wird bei dem sein Gesetz ehrenden Jaden keinen Einfluß auf seine.Handlungsweise üben, und diese wird auch unter den schwierigsten Verhältnissen, wenn Leid und Bedrücknng noch so sehr die Selbständigkeit, wie sie in Zions Zukunft uns winkt, bcgchrcnSwcrth machen, stets eine vaterlandsfreundliche und oatcrlandSuützcnde sein. Und wenn nur ein eben erträgliches Dasein von Machthaber und Volk Israel gegönnt, wenn ihm seine Erwerbsthätigkcit und sein Gottesdienst nicht gehindert wird, dann wird seine patriotische Thal auch in dem Gefühle heißer Liebe zum Baterlande Nachdruck empfangen; und diese Liebe wird nicht minder rein und stark sein, als die der anderen Staatsbürger; — deß mögen wir ganz ruhig die Statistik zum Zeugen rufen. Der Patriotismus, die Sorge für das Wohlergehen und das Gedeihen des Vaterlandes, ist für den Juden keine Eingebung des Gefühls, sondern eine religiöse Pflicht, und er wird, wenn er seiner Lehre und seinen Lehrern treu ist, diese Pflicht üben, unadhängig davon, ob ihm die Staatsform, die Person des Regenten, oder die Gesetzgebung gefüllt, und dadurch ist sein Patriotismus nicht geringer, nein, höher zu schützen. Sein Gesetz stellt die Herrschaft nicht aus die wechselnden Launen der Untcrthancn, sondern gründet sie sicher aus das unerschütterliche, vom LebeuSwcchscl nicht zu beciustusscndc religiöse Pflichtbewußtscin im Herzen der Staatsbürger. Ein achter Israelit thnt nichts um greifbaren Gewinnes und Vortheils wegen, sein Sinnen geht nicht nach Lohn. AntigonoS, des Mannes aus Socho, Wort von den Knechten, die nicht um die Löhnung arbeiten, ist noch innncr eine wcitgchörte Mahnung in Israels Lager geblieben, und je weniger Entgelt er für seine Handlung erwarten darf, und je unbegreiflicher dieselbe nach den natürlichen Vorbedingungen erscheinen müßte, um so argwöhnischer wird der Israelit dieselbe überwachen, daß sie ohne Fleck und Makel bleibt und jedem Verdacht, daß sie nicht ernst gemeint sei, begegne. Und wenn sein ZionSsehncn seinen Patriotismus verdächtig macht, und wenn in dunklen Zeiten, um mit Heine zu reden, seinen Peinigern wunderlich zu Muth wird, und diese ihren Haß in seiner Handlungsweise als gcrechte Vergeltung wiedcrkchrcn zu sehen hätten erwarten mögen, da war und ist seine Arbeit, die dem Vaterlande gehört, um so emsiger und eifriger, daß der Gedanke nicht erwache, seine religiöse That sei auf Menschcngeist und Herz basirt. Immanuel Kaut hat den kategorischen Imperativ proklamirt, daß das sittliche Gesetz uns für sich allein verpflichtet, ohne von irgend einem Zwecke als mattrieller Bedingung abzuhängen, daß das Bewußtsein erfüllter Tugend höchste Glückseligkeit sei. Aber lange vor ihm haben Israels Weisen diese Wahrheit ausgesprochen, und zu aller Zeit haben Israels Frommen ihr nachgelcbt. Diese Idee liegt in der Antwort, welche wir in der Sedernacht dem רשע, dem Frevler, geben, wenn er nach dem Gewinne fragt, den uns der Gottes dienst cinträgt, daß wir ihm sagen, Gott habe uns zur Tugendübung erkoren und in dem Bewußtsein der höchsten Pflicht die höchste Glückseligkeit geschaffen. Diese Idee spricht ans dem bekannten Wort in תורה נהנים, daß wir die Gesetze über die Gewandung und den LeibcSgcnuß nicht deshalb erfüllen, weil unser BehaglichlcitSgefühl mit ihnen übcreiustimmt, sondern nur, weil es גזרות הבורא, kategorische Imperative desjenigen Wesens sind, welchem wir unser Dasein zu verdanken haben. Diese Idee wohnt auch'der Aeußerung des berühmten Nabbi Mose Sofcr« zu Ende seiner Rechtsgntachtcn Orach Chajim iune, daß Zions herrliche Zukunft uns ein heiliges, unantastbares Glanbcnsdogma sei, daß wir aber, wenn wir auch gar keinen Morgen mehr nach der Nacht des Galuth zu erwarten hätten, wenn all unser Thun ohne Lohn bliebe in der Zeit, die mit Messias beginnt, dennoch unentwegt und rastlos d»׳n einzigen Pfad der Tugend beschrcitcn müßten. Israel soll in Allem den Weg gehen, der eS vor Täuschungen bewahrt, vor Täuschungen, die seine Vereitwilligkcit zur Tugcndübuug abschwächen könnten, und solche Täuschungen können demjenigen nicht anSbleiben, der anderen Lohn für das Gute sucht, als den, der in dem Guten selbst liegt, und solche Täuschungen würde Israel auch seine BatcrlandStrcnc eintragcn, wenn cs sich dieselbe von anderen Beweggründen als dem göttlichen kategorischen Imperativ diktiren ließ. Das thnt aber der thoragclcnkte Geist nicht, und darum ״magst ruhig sein, lieb Vaterland, fest und treu steht die Wacht des Reinen in den Herzen deiner israelitischen Söhne." Und so stelle ich denn zum Schluß dieses Kapitels über den jüdischen Patriotismus die Worte hierher, welche Georg Ebers in seinem Romane: ״Ein Wort" den Inden Eosta sprechen läßt: ״Seht, Meister, ich gehöre zu einer armen Gemeinde, die bei ihrem Thun nicht ansieht, ob eö hier, auch nicht, ob cs dort vergolten werde. Wir lieben das Gute, und stellen eS hoch und üben es, soweit unsere Kraft reicht, weil eS so schön ist. Was haben die Menschen denn gut genannt? Doch nur das, was die Seele ruhig erhält. Und was ist das Schlechte? Doch nur das Andere, das sie mit Unruhe erfüllt. Ich sage Euch, Meister, in denen, die gut zu sein trachten, sicht eS stiller aus, wenn sie auch von Hans und Hof gejagt und wie schädliche Thicre gehetzt und gequält werden, als in den mächtigen Verfolgern, die Unrecht üben. Wer andern Lohn für das

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