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Jeschurun · 1886-06-08 · Heft 23 (8.6.1886) · p. 356

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 23 (8.6.1886)
Article
Aus der Amsterdamer Gemeinde
Date
1886-06-08
Page
356 (sequence 2)
Language
German
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353 lesen der Thora gekommen, um bei der Publikation gegenwärtig zu sein. — Die Genrcindemitglieder, welche in der Synagoge waren, haben alle ״Bravo!" gerufen wegen des Triumphes des OberrabbiuerS. Wegen des Borgefallcncn ist Naftali Löwenstam, der Sohn unseres Obcrrabbiners, zum Kultusminister entboten ׳worden und hat mit ihm darüber und über verschiedene andere Sachen eine Unterredung gehabt. (Fortsetzung folgt.) Die htiligc L׳pr!che imd der moderne ZlSMüNNS. Von Rabbiner I)r. Jacobson in Schrimm. (Fortsetzung.) 2ד NV'NV. ״ein Vorkommniß ist belehrend", ist eine stehende Redensart im Talmud, die Erfüllung einer Pflicht zeigt besser, als alle ancifernden Worte cS vermögen, die Möglichkeit der Ausführung unter oft schwierigen Verhältnissen; und גדול שימושה יותר מלימודה lautet diese unbestreitbare psychologische Wahrheit in anderer Form. Es ist für den Schüler wichtigcr, sich im Wohuhause, -als im Lchrsaal des Lehrers aufzuhalten, cs ist besser, in der Umgebung eines Gelehrten zu weilen, als nur mündliche Unterweisung von ihm zu empfangen, da thatsächliche Beispiele nicht nur einen tieferen Eindruck hinterlasscn, sondern auch den Ernst und die Wichtigkeit des betreffenden Gesetzes besser erkennen lassen, als die begeistertste Lobrede auf dasselbe es vermag. So will ich denn auch eine Thatfache anführen, welche in unwiderleglicher Weise darthun muß, wie auch das von bitterstem Zionsweh dnrchwühlte Herz noch empfänglich ist für das Hochgefühl patriotischer Begeisterung. Wenn es je einen Tag im Jahre gicbt', an welchem die Trauer um Zions Fall und 11111 Jerusalems erloschenen Glanz die Liebe zum Vaterlande und den Stolz auf dessen Größe in den Hintergrund drängen könnte, so ist cs der Fastnud Trauertag des neunten Ab, der nicht nur Israels frühere Nationalpracht uns wieder in Erinnernng bringt, sondern der auch das Gedächtniß all der DaseinSvcrküunncrungcn und Vernichtungen weckt, welche unser armes, gehetztes Volk durch viele Jahr- Hunderte crliten hat. Was wäre da wohl natürlicher, als daß ein heftiger Unmuth das jüdische Herz ergriffe, und daß cS nicht gerade Sieg und Gedeihen dem Lande wünschte, das unseren Vorfahren Alles, nur keine friedliche Stätte geboten, hat! So meinen wir, und auch ihr dort draußen in der Welt könntet Jakobs Kinder nicht schelten, wenn in solchen Stunden ihre Liebe zur Heimath und zu deren Bewohnern eine kleine Trübung erlitte, ihr dürftet cS nicht, wenn ihr gerecht sein wolltet; aber wie ist cS in Wirklichkeit? — Im glorreichen Jahre!870 fiel der Fast- und Trauertag 11m Jerusalems Zerstörung als גדהה auf Sonntag den 7. August. Am Tage vorher, am 6. August, hatten die für Deutschland ruhmvollen Schlachten bei Wörth und auf den Spicherer Höhen stattgcfundcn, welche den schließlichen Sieg Deutschlands bei nnparteiischen Beobachtern und Beurtheilern zur Gewißheit machten. Die SicgeSdepcschcn wurden in den Morgenzcitungcn dcS 7. August veröffentlicht. Und da entfinnc ich niich nun ganz genau der Thatsache, und eS werden sich Viele meiner Rcligionsgenossen desselben Umstandes erinnern, daß, als wir ans der Synagoge gegen Mittag nach Hanse kamen und die Sieges- Nachricht vorfanden, innige Freude unsere Seele erfüllte, daß das Auge, an dessen Wimpern noch die Thränen, um Zion geweint, hingen, in patriotischer Begeisterung hell aufstrahlte, und daß die Lippen, welche eben die Leiden geschildert hatten, welche die Härte der Germanen früherer Zeit den Israeliten zugcfügt hatte, jetzt mit Dank gegen Gott den Sieg der Urenkel dieser Germanen priesen. Und dmnoch wurde am Nachmittage im Minchagcbete das גהמ nicht mit weniger Inbrunst denn in anderen Jahren gesagt. Zion früh und Zion spät und dazwischen Germanien, das war die Signatur jenes denkwürdigen 9. (10.) Ab, und das ist die Signatur der wahren jüdischen Gesinnung; Trauer um Zion der früheren Zeit, Hoffnung für Zion der kommenden Zeit und dazwischen der Wechsel der Gefühle für Germania je nach dem Wechsel seines Geschickes. Und soll ich auch von Seiten der Gegner DeutschlandS eine Thatsache anführen, so habe ich während meiner Studienzeit in Würzburg einen Franzosen kennen gelernt, einen wahrhaft gcsetzcstrcnen Israeliten, welcher ohne Ucbertreibung das Prädikat הסיד verdiente und besonders in Betreff der unvcrlöschlichen Liebe, welche das jüdische Herz Zion bewahren sott, und der doch den Sedanstag als einen nationalen Trancrtag beging, an dclnselbcn in sein Zimmer sich einsam zurückzog und thrüncnden Auges, mit zuckender Lippe Frankreichs Fall beklagte. So sprechen Theorie und Praxis gegen jene unrichtige Behauptung, daß Zion das Vaterland und das Vaterland Zion nicht neben sich dulde. Es kann wohl Vorkommen, daß keine innigere Liebe zum Vatcrlande im Herzen der Israeliten Platz greift, wenn höhnende Zurücksetzung und grausame Behandlung die Gaben sind, die das Land seinen israelitischen Bewohnern reicht, wenn eS ihnen nichts weniger als ein Vater ist, der gerechte Strenge mit nachsichtiger Liebe paart; das Herz läßt sich in-seiner Empfindung nicht ganz meistern, ״Maß für Maß" ist

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