Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Wandelungen [Nachricht] / Rott, Friedrich
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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844 Wunsch, jene Lehren kennen zu lernen, die ihren: Vater als die heiligsten gegolten. Hatte Walther diesen Wunsch in ihrem Herzen gelesen oder gedachte er jenes Gelöbnisses, das cr ihrem sterbenden Vater gethan? Ohne daß sie es ahnte, wußte er ihre Lektüre zu lenken, wußte durch diese sie zu lehren, was ihr Vater sie gelehrt haben würde. Bald fand sie hier ein aus׳, geschlagenes Buch, bald dort, und mit jener Wißbegicrde, die sic bereits als zartes Kind gekennzeichnet, ergriff sie jede Gelegenheit, ihr Wissen zu bereichern, und eine neue Welt erschloß sich ihr. Bei den Mahlzeiten, die man gemeinschaftlich einzunehmen pflegte, wußte Walther stets daS Gespräch auf jenen Gegenstand zu lenken, über den sie, wie er vermuthen konnte, gelesen hatte. Mit sichtlichem Interesse lauschte daS junge Mädchen Anfangs nur der Unterhaltung des Sohnes mit dem Vater, bald jedoch betheiligte sie sich lebhaft daran und verrieth durch eingehende Fragen und Bemerkungen das richtige Versiändniß des Gelesenen. Der SanitätSrath bestrebte sich, derartige Fragen eingehend zu beantworten; nicht selten ward er jedoch mitten in einer Erklärung abgerufen, und sein Sohn pflegte dann die Erklärung des Vaters fortzusetzen. Mit aufrichtigem Dank lohnte Bella jede Belehrung; außerordentlich herzlich gestaltete sich das Verhältnis der drei Hausgenossen zu einander. Mit i der Liebe einer Tochter hing Bella an dem Sanitätsrathe; mit der Hochachtung einer dankbaren Schülerin blickte sie zu seinem Sohne empor. Doch wenn dessen Blicke hin und wieder das Erwachen eines Gefühles verriethen, das zu erwiedern sie nie im Stande zu sein glaubte, dann zog sie sich schmerzlich seufzend zurück; ihr Herz war todt, eingesargt waren in ihm alle wärmeren Gefühle. Monate waren verstrichen; trotz eifrigster Bemühungen der Behörden war man dem Defraudanten noch nicht auf die Spur gekommen. Der SanitätSrath hatte das junge Mädchen, daS er wie seine Tochter liebte, in die sogenannte Gesellschast eingeführt, und da sie wußte, wie sehr er cs wünschte, tyat sie ihrer Trauer Zwang an und suchte hin und wieder sich zu zerstreuen. Und mit inniger Genugthuung gewahrte er, daß doch zuweilen ihr jugendlicher Frohsinn sich wieder regte, und voll Vertrauen blickte er in die Zukunft. War es doch gelungen, daS junge Mädchen, das von ihrem sechsten bis zu ihrem neunzehnten Jahre in vollständig nnjüdischen Verhältnissen aufgewachsen war, daS die Religion, in der sie geboren, kaum dem Namen nach ge-?annt hatte, mit heiliger Begeisterung für dieselbe zu erfüllen. In seinen Gedanken hatte er sie längst mit seinem Sohne verbunden, denn er hatte Walthers Gefühle errathen und glaubte nicht, daß Bella denselben für die Dauer werde widerstehen können. ES war an einem unfreundlichen Herbstmorgen; der SanitätSrath hatte seine Krankenvisiten bereits angetreten; Walther befand sich in seinem Vürcau, das einen Thcil der Parterrewohnung im Hanse seines Vaters einnahm. Einer seiner Leute trat zu ihm und übergab ihm die Morgenpost, sie enthielt auch die für seinen Vater eingelaufenen Briefe. Unwillkürlich glitt sein Auge über die Adressen und zu seinem Erstaunen gewahrte er auf einem dcrfelben Bella's Namen. Der Brief trug einen transatlantischen Poststempel und war adressirt ״An Fräulein Arabella von Merten auf Villa W.... bei N...ihrem früheren Wohnorte in Italien. In N...., wo man von der Abreise und dem gegenwärtigen Aufenthalte der jungen Dame Kenntniß hatte, war die Adresse des SanitätsratheS hiuzugefügt worden. Gleiches war mit einem zweiten Briefe geschehen, der mit derselben Post eingetroffen. Er trug dasselbe Post- Zeichen wie der an Bella adressirte, die Adresse war jedoch von weiblicher Hand und lautete: ״Frau von Merten auf Billa W .... bei N... Walther war im Begriff, die Briefe dem jungen Mädchen hinauf zu senden, ein ihm selbst unerklärliches Etwas ließ ihn zögern, doch der junge Mann, der ihm die Post übergeben, hatte gleichfalls die Aufschriften gelesen und fragte, ob er die Briefe dem Fräulein hinauftragen solle. Walther bejahte, doch eine Unruhe überfiel ihn, die ihm das Arbeiten nahezu unmöglich machte. Mit eigcnthümlrcher Bestimmtheit nahm er an, daß beide Zuschriften Unangenehmes, nlindcstens Aufregendes enthalten müßten. Gern wäre er zu ihr hinaufgeeilt, doch cr hatte sie noch nie allein in ihrem Zimmer aufgesucht und glaubte sich daher bis zur Heimkunft seines Vaters gedulden zu müssen. Der SanitätSrath war heute noch mehr als sonst in Anspruch gcuomnlcn, erst gegen Abend kehrte er heim. Bella befand sich im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, als die Herren eintratcn. Eben hatte sie die Gasflammen entzündet, der Tisch war bereits gedeckt, im Ofen brannte ein Helles Feuer, und neben demselben hing allsgebreitet der Schlafrock dcS alten Herrn. Mit frellndlichem Gruße trat eranf sie zu. ״Ah, hier lebt man auf, wie behaglich, wie gemüthlich ist eS hier bei Ihnen/' ״Bei Ihnen, wollten Sie sagen," entgegnete sie lächelnd. (Fortsetzung folgt.) '