Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Wandelungen [Nachricht] / Rott, Friedrich
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 343 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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843 Wandelungen. von Friedrich Nott. . (Nachdruck verboten. (Fortsetzung.) ״Ich habe meinen Pater leider so früh verloren — ich war noch nicht ganz sechs Jahre alt." ״DaS ist wahr, das erklärt Ihre Unwissenheit in religiöser Beziehung allerdings. — Trotzdem wäre eS mir gradczu unbegreiflich, daß Ihr seliger Pater nicht bereits versucht haben sollte, Ihren religiösen Sinn zu wecken weit eher möchte ich annehmen, daß Sie davon vergessen haben." ״Nein, nein!" ries Bella lebhaft, ״das dürfen Sie nicht annehmen. Das Andenken meines Vaters ist mir zu heilig, als daß ich je vergessen könnte, was er mich gelehrt. In gewisser Beziehung haben Sic freilich Recht, denn allen religiösen Sinn lasse ich mir nicht absprcchen, den hat mein seliger Vater allerdings in mir erweckt." Mit unverholener Bewunderung hing Walthers Blick an dem erregten Angesicht des jungen Mädchens, und wie eine freundliche Erinnerung aus längst entschwundcner Zeit nbcrlam es ihn. Sie achtete seiner nicht und fuhr, zu seinem Vater gewendet, fort: ״Mein Vater hat mich Gott kennen gelehrt als den Schöpfer und Erhalter des Weltalls, dem wir daher unbedingten Gehorsam schulden. — Ich will Ihnen beweisen, daß ich nicht vergessen habe, was mein Vater tnich gelehrt, und will Ihnen mittheilcn, was ich noch keinem Menschen mitgethcilt habe, nicht einmal tncincr guten Mama." Sie hatte den rechten Arm auf den Tisch gestützt und, leicht vorgeneigt, senkte sie die Stirn auf ihre Hand. ״Warum ich mich nie entschließen konnte, cs gegen irgend Jemanden zu erwähnen — darüber bin ich mir selbst nicht recht klar — vielleicht, weil ich dachte, es könne Niemand verstehen — eS war so cigenthümlich, nie habe ich aus eines Andern Munde AchnlicheS vernommcu —r als kleines Kind hat eS mich mächtig angesprochcn, und selbst heute noch —" ״ES war im Frühling, in unserem Garten verbreitete die Sirene süßen Duft. Ich hüpfte an der Seite meines Vaters und streckte eben die Hand nach einem lies hernieder hängenden Zweig der blauen, dnstcndcn Blnthen ans, als ich die Stimme meines Vaters vernahm: Bella, Bella, heute darfst Du keine Blume Pflücken, cs ist — das Wort, das mein Vater hinzufügte, ist mir entfallen, ich weiß jedoch mit Bestimmtheit, daß es Sonnabend bedeutete. Ich zog selbstverständlich die Hand zurück, blickte jedoch verlangend hinauf nach meinen Lieblingsblumen. Und warum darf ich eigcntlich heute keine Blumen pflücken? fragte ich. DaS weißt Du doch, erwiderte n!ein Vater, weil Gott eS verboten hat. Aber ich möchte gern wissen, warum Gott das verboten hat, cntgcgncte ich. Das will ich Dir erklären, erwiderte ,nein Vater. Du weißt doch, daß Gott in sechs Tagen die ganze Welt erschaffen, und (tm siebenten Tag hat er aufgehört und hat den siebenten Tag geheiligt. Und die Erde und Alles, was auf ihr ist, hat Gott den Menschen übergeben, doch nur, daß die Menschen damit walten nach GottcS Willen. Damit aber die Menschen nie vergessen, daß Gott die Welt erschaffen hat und daß sic ihm gehört, und daß die Menschen sie nur nach seinem Willen benutzen dürfen, darum hat er uns verboten, sie am siebenten Tag zu benutzen, und darum dürfen wir am sichenten Tag keine Blumen pflücken und überhaupt kciuerlei Acnderung au irgend einem Gegenstand voruehmen, denn dadurch sprechen wir eS aus, daß Gott die Welt gehört, und daß wir sie nur nach seinem Willen nützen dürfen. Ist das nicht eine wunderbar schöne Anschauung? — Wäre sie allgemein, die Welt wäre ein Paradies. Und noch heute, an jedem siebenten Wochentage, ist es mir, als vernehme ich jene Worte meines Vaters, und nie habe ich am Sonnabend eine Blume gepflückt, nie am Sonnabend die geringste Aendcrung an irgend einem Gegenstand vorgcuommen." ״Bella!" ries der SanitälSrath mit leuchtenden Blicken, ״Herzenskind! reden Sie im Ernst?" ״Diese Frage kann doch nicht Ihr Ernst sein?" ״Freilich nicht, freilich nicht. Aber wissen Sie, ° daß diese Anschauung, der Sie mit vollem Recht solch hohem Werth beilegen, die Grlludidccn, den Fundamentalsatz des Judenthmnö umfassen?" Sie blickte befremdet zu ihm auf. ״Davon hatte ich in der That keine Ahnung." ״Und Sie, herrliches Mädchen, haben sich mit einem Nichtjnden verbinden wollen! Dem Verdienst Ihres frommen Vaters danken Sie eS, daß jener Elende sich selbst zu rechter Zeit entlarvt hat." Ein schmerzlicher Seufzer hob des jungen Mädchens Brust. Wohl erkannte sie bereits, daß sie sich glücklich schätzen müsse, der Verbindung mit jenem Nichtswürdigen entgangen zu sein. Doch ihr Schmerz um denselben hatte ja doch ihrer Mutter das Herz gebrochcn. Eine TlMn-c füllte ihr Auge. Der SanitätSratl) ehrte ihren Schmerz; er wendete sich mit einer geschäftlichen Frage cm seinen Sohn. * Einige Wochen waren verstrichen. ES hatte einen tiefen Eindruck auf das junge Mädchen gemacht, jene Anschauungsweise, die sic in frühester Jugend von ihrem Vater vernommen, von dem SanitälSrath als eine echt jüdische bezeichnen zu hören. Ohne daß sie selbst sich darüber klar ward, regte sich in ihr der