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Jeschurun · 1886-06-03 · Heft 22 (3.6.1886) · p. 340

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 22 (3.6.1886)
Article
Die heilige Sprache und der moderne Zionismus
Date
1886-06-03
Page
340 (sequence 2)
Language
German
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zu eurem Wohlergehen sollet ihr meiner werlkräftigen Beihülfe nicht entbehren müssen, denn zu dieser ruft mich meine heilige Pflicht, die der Mund des hehren GotteSmannes Iirmijahn mir verkündet, dessen Auge nie aufgehört hat, über Jerusalems Fall zu weinen, und der doch euer Wohlergehen auf Gottes Geheiß uns geboten. Wie nvthwendig diese, in dem immerwährenden Bewußtsein des Abstandes zwischen jetzt und einst wurzelnde Erinnerung an ZionS Herrlichkeit war, wenn nicht Israels Eigenart verkümmert oder ganz vernichtet werden sollte, wie sehr eine volle Befriedigung durch die neuen Lebensverhältnisse die Rückkehr zu den wiederhergestellten alten erschweren mußte, haben wir oben gezeigt; aber eben so sehr ersichtlich muß eS nnS aus der hoffentlich richtig aufgefaßten Mahnung Jirmijahus sein, daß alles Denken an ZionS frühere Pracht und alles Sehnen nach seinem zukünftigen Glanze uns nicht abhalten darf und braucht von der vollen Theilnahme an der von Herrscher und Vaterland zu deren Glück und Ehre geforderten Arbeit; uns nicht lässig mache in patriotischer Gesinnung und Pflicht. Ein weiterer Beweis für die Vereinbarkeit von BaterlandStreue und Zionshoffnnng ergiebt sich auS zwei Talmudstellen, deren scheinbarer Widerspruch eben dadurch gelöst wird, daß wir bei unseren Lehrern die Absicht voraussetzen, die nothwendige Vereinigung dieser beiden Tugenden zu gebieten. Zu dem Verse Hohes Lied 2, 7 bemerken Midrasch Nabba zur Stelle und Talmud Babli, Ketuboth 111,a, daß Gott die Israeliten beschworen habe, שלא* יעלו ״ על הומה .סן הגולהdaß sie nicht in einer Phalanx, nicht in großen Heereszügen einst auS dem Exil in ihre ursprüngliche Heimath zurückkehrten"; א״ב למה מלך המשיח בא, fragt der Midrasch im Anschluß daran, j.$u welchem Zwecke kommt dann aber der Messias,״ ״ לקבץ גלויותיהם של ישראלum die Verbannten Israels anS den einzelnen Ansiedelungen znsammcuzuführcn". Hier sehen wir also die genleinschaftliche Rückkehr aller Exilirten verpönt, in Babli, Joma 9, b. aber finden wir dieselbe gradezn empfohlen und gelobt, wenn cs dort, wie auch wieder im Midrasch, zu dem angeführten Verse des Hohen Liedes heißt: אם עשיתם עצמכם כחומה ועליתם בלבם בימי עזרא נמשלתם בכסף שאין ״ ,רקב שולם בוwenn ihr einen großen Hecreshanfen bildet und Alle zusammen zu Esra's Zeit aus Babylon herausziehet, dann seiet ihr dem Silber zu vergleichen, das keiner Fäulniß ausgcsetzt ist." In ESra'S Tagen, als CyruS, der damalige Be- Herrscher der Israeliten, ihnen die ausdrückliche Erlaubniß zur Rückkehr in ihre Heimath ertheilt und den Wiederausbau des heiligen Tempels in Jerusalem zu fördern sich geneigt gezeigt hatte, da also Babylons neuer Fürst ein bewußt treibender Faktor der גאולה geworden war, in dieser Zeit wäre Zögern und Zandern und zersplittertes Handeln nicht nur ein Zeichen mangelnden Gottvertrauens, sondern in gewissem Sinne auch eine Verletzung der dem Herrscher schuldigen Ehrfurcht gewesen, damals war eine ostentative Einmüthigfeit geboten, wenn nicht bald zu Anfang der Boden des wiederherznstellenden StaatSwesenS mit dem Gifte zwiespältigen Sinnes getränkt sein sollte, später aber, in der MessiaSepoche, soll ja nicht allein Israel seine politische Selbständigkeit wieder erlangen, sondern auch die Gesammtmcnschheit in eine neue ewige Zeit des Friedens hinübergeführt werden, und da soll auch der äußere Schein eines kriegerischen ZngeS vermieden werden. Der Messias erscheint nicht, um einen kraftvollen Widerstand gegen die seine Rückkehr nach Palästina hindernden Nationen heroorznrufcn, sondern nur, um durch sein überzeugendes Auftreten in Jerusalem die Vaterländischen Gefühle der Israeliten, welche ihnen die Trennung von ihrem derzeitigen Wohnlaube erschweren könnten, durch die dann übermächtig die Herzen erfassende Zionssehnsncht in den Hintergrund zu drängen und die Zerstreuten in daö alte Heimathland zurückzuziehen. Denn das glaube ich zuversichtlich: die glorreiche Messiaszeit wird uns viel Wunderbares enthüllen, unser Auge wird Wunder schauen, unser Herz Wunder begreisen, aber eines der größten Wunder, welches unser Sinn dann staunend erfassen wird, wird die Bcgeisterung der jüdischen Herzen durch den Messias s-in, daß Israel willfährig dein Gottesrufe folgen und von der Rückkehr nach Palästina sich nicht durch seine patriotischen Empfindungen, durch seine treue Anhänglichkeit an sein Wohn- und Vaterland zurückhalten lassen wird. Ist doch ein anderer Schwur, welchen Israel leisten mußte, ״ ,שלא ירחקו את הקץdaß sie die Erlösung nicht, herbeidrängen wollen", was Rasch! erklärt ״ שלא ירבו בתחנונים על כך יותר'מראיdaß sie nicht zu sehr m!t Bitten sie erflehen", und ist doch wohl der Sinn dieses TalmudwortcS, daß nicht das Stammesgefühl, welches sich in innigem Sehnen nnd ernstem Gebete allein kuudgiebt, den Juden ausmacht, der etwas zur Wiederherstellung ZionS zu leisten vermag, sondern nur die thatsächliche Beobachtung der religiösen Pflichten; — שלא ירחקו הקץ würde dann in der Bedeutung nicht eigentlich variiren von der anderen Lesart (״ שלא ירחקו (פי׳רשי בעונםIsrael mußte schwören, durch Sündhaftigkeit die Erlösung nicht in die Ferne rücken zu wollen" —. Zu den religiöseu Pflichten gehört aber der Patriotismus, die gemeinnützige Thätigkeit zum Heile des Vaterlandes, nnd so würden sich gerade Mangel an Patriotismuö nnd Zions sehnen widersprechen, da die Per-

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