Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 22 (3.6.1886)
- Article
- Die Vollendung des fünfzehnten Nissan
- Date
- 1886-06-03
- Page
- 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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begeisterte Hingebung am sechsten Siwan gewährleistet erscheint, wird den irdischen Verhältnissen Dauer und Segen. ״Als Gott dieses Recht vom Sinai herab verkündete, stand die Menschheit im Gegensatz zu diesem Rechte und war. durch Untergang bedroht. Der Erde drohte Verödung, und sie fürchtete. Allein eben dieses, von Gott verkündete und vertretene Recht sichert Aufblühen allen! Gerechten, und die Erde war ruhig."*) Wenn also die Schöpfung des ersten Menschen auf diesen Tag des sechsten Siwan hinweist, um wie viel mehr muß der Schöpfungstag des Priestervolks mit ihm im innigen Zusammenhang stehen. War doch in seiner SchöpfungSftunde über cs ausgesprochen worden, daß sein Dasein nicht der Zweck der an ihm sich vollziehenden göttlichen Schöpfungsallmacht sei, daß es nur zun! Dasein gerufen werde, um ״Gottes Diener" zu werden und jede Anlage und jede Kraft und jede Minute diesem Dienste Gottes zu weihen. Dasein, Freiheit, Besitz sind nicht der Zweck seiner Erschaffung. In der Befestigung der irdischen Daseinsbedingungen, in der Ausnutzung der Freiheit, in der Mehrung des Besitzes erschöpft sich nicht seine Aufgabe. Es hat von der Gewährung seines Daseins an sich zu rüsten und zu läutern und Alles was eS ist und besitzt seiner einzigen Aufgabe zu weihen, welche ihm am sechsten Siwan unter den Flammen des Sinai klar vorgezcichnet worden ist. Mit Pcßach war nur die Bedingung für Schabuoth geschasst׳.׳.. Die sieben mal sieben Tage, welche vom füuszehnten Nissan zum sechsten Siwan, von Mizraim zum Sinai führen, wollen diese Wahrheit in uns stets aufs Neue beleben, wollen uns schützen vor dem verhäugnißvollen Jrrthum, als ob mit der Schöpfung des fünfzehnten Nissan bereits die Vollendung gegeben. Die Erschaffung des Menschen war das Ziel der Erdschöpsung, die Schaffung Israels das Mittel zur Rückkehr der ihres Gottes und ihres MenschcnberufS untreu gewordenen Menschheit; beide Schöpfungen aber finden erst in der Ueberuahme des GottesgesctzeS die Verwirklichung ihres Daseins einzigen Zweckes. Die heilige Hmchc und der uluderne Zmisinus. Von Rabbiner l)r. Jacobson in Schrimm. (Fortsetzung.) Es könnte jedoch der Einwand versucht werden, daß hier die Erfüllung der Vaterlandspflicht von dem *) Hirsch'S Psalmenkommentar zu 76, 9. persönlichen Vortheil abhängig erschiene, welcher dem einzelnen Staatsbürger daraus erwächst, und die Bethätigung des Patriotismus nicht bedingungslos, oder gar gegen das natürliche Gefühl von dem praktischen Verstand gefordert werde, da es doch ausdrücklich heißt: ״sorget und betet für euer gegenwärtiges Wohnland, denn auf seinem Wohlergehen beruht das eure." Also in ihrem Interesse werde ihnen gemeinnützige Thätigkeit anempfohlen, und nur dieses sei dabei bezweckt worden. Dieser Einwand wäre aber hinfällig, denn nicht um die Pflicht zu begründen, sondern um die Erfüllung derselben zu erleichtern und Dasjenige, was sich dieser Erfüllung hemmend in den Weg stellen könnte, zu beseitigen, wird hier auf den eigenen Nutzen verwiescn. Dem natürlichen Gefühle der Abneigung der Israeliten gegen die Zcrtrümmerer ihres Wohlstandes und ihrer VolkSsclbständigkeit und dem Unmuthe zur Mitarbeit an Babylons Wohlergehen sollte hierdurch vorgebeugt werden. 2m Namen Gottes wurde cs ihnen darum verkündet, daß das Gebet für Babylons Gedeihen im Munde der Israeliten zugleich die Bitte un! das eigene Wohl in sich schlösse, welches für die Exilszeit unauflöslich an jenes geknüpft sei. Es wird hier die patriotische Pflicht gegen Babylon von einem absoluten göttlichen Gebote verlangt, vor welchem die so natürliche ihr widerstrebende Abneigung zu schweigen hat. Allerdings wird hier Babylon gegenüber nicht eine besonders innige Liebe der Exulanten gefordert. Denn auf Liebe hatte es, das Israels Staat vernichtet, keinen Anspruch. Aber die thatkräftige Arbeit an des Eroberers Wohlfahrt wird gebieterisch verlangt. Die Babylonier allerdings scheinen die freudige Zuverficht mit den augenblicklichen Verhältnissen und deren Ausdruck im Liede bei ihnen vermißt und von ihnen gefordert zu haben, wenn wir den SchriftvcrS Ps. 137, 3 ״denn dort forderten unsere Häscher von uns Liedes- Worte und unsere Zertrümmerer Freude, singet undoch von Zions Lied," richtig dahin verstehen, daß die Babylonier den Israeliten zugemuthet, daß sie, die Israeliten, Babylon ohne jeden Rückhalt als ihr ewiges Vaterland ansehcn, von diesem ihr ganzes Glück erwarten und demgemäß in ungetrübter patriotischer Freude die Lieder, welche sic früher zu ZionS Preis gesungen halten, jetzt Babylon weihen sollten. Das war zu viel, ja das war, vom israelitischen Stand- Punkt aus, Sünde verlangt, und daraus antwortet das besser gesinnte Israel: ״wie kann ich Gottes Lied auf freruder Erde singen". Wie kann ich ZionS Lieder Babylon spenden? War cS doch nicht das irdische Glück, was ich in Zion besungen habe, sondern das geistige Heil, und das fehlt auf fremdem Boden. Lieder wollet darum von mir nicht heischen, ungetrübte Freude nicht verlangen; aber Arbeit will ich euch geben, und