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Jeschurun · 1886-05-27 · Heft 21 (27.5.1886) · p. 329

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 21 (27.5.1886)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1886-05-27
Page
329 (sequence 1)
Language
German
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MM 329 Jeschurun. Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 20. Mai. Das ״Berliner Tageblatt" bespricht die ihr vorgelcgenen Aushängebogen einer Broschüre: ״Der nächste Krieg. Unsere Aussichten und die Zustände in unserer Armee. Ein rücksichtsloses Wort von K. v. R." Wir entnehmen diesen Bemerkungen die folgenden: ״Wenn wir in der Lage waren, die hier nur kurz gestreiften ersten Abschnitte der Broschüre in gewissem Grade und ihres sicherlich gut gemeinten Zwecks wegen anerkennen zu können, einzelne Theilc derselben aber trotzdem zurückweisen zu müssen, so treten wir mit vollster Schärfe dem letzten Abschnitt entgegen, welcher den Sozialismus in der Armee behandelt und der angeblich ״aus dem Tagebuche eines Theologen, der drei Jahre als Gemeiner diente" herrühren soll. Ein ungeschickteres und frecheres antisemitisches Machwerk ist uns schon lange nicht unter die Augen gekommen, wie diese 2üge eines Theologen. Schon die Existenz dieses Theologen erachten wir als eine Lüge, denn es ist uns ganz unerfindlich, wie ein solcher zu einer dreijährigen Dienstzeit als Gemeiner kommen könnte; er hätte denn absichtlich von seiner Berechtigung zum einjährig׳ freiwilligen Dienst keinen Gebrauch gemacht, um sich während dreier Dienstjahre dem Studium des militärischen Lebens als Gemeiner hinzngeben. Aber die Fiktion dieses ״Theologen in dreijähriger Dienstzeit" wird benutzt, um die gemeinste Judenhetzc betreiben zu können. ES scheint fast, als ob man sich nur dann Erfolg von einer solchen verspricht wenn ein Lehrer der christlichen,Kirche sich in Wort oder Schrift an derselben betheiligt. In welcher niederträchtigen Weise dieser ״Theologe" erst künstlich einen so hohen Grad von Dummheit und Unkenutniß der Verhältnisse bei christlichen Soldaten konstruirt, um dann den jüdischen Soldaten verleumden zu können, soll die hier folgende Wiedergabe eines Gesprächs in der Kaserne erweisen, welches nach dem Zeugniß des ״Theologen" stattgefunden haben soll. ״A. Der Kaiser muß doch ungeheuer reich sein, wenn er täglich die ganze Armee erhalten kann. B. Der Kaiser hat ja nach dem französischen Kriege auch über tausend Millionen Thaler Kriegscnt. schädigung bekommen. 0. (Jude). Die Kriegsentschädigung hat der Kaiser nicht bekommen. Von den fünf Milliarden. Franks sind 120 Millionen Mark als Kriegsschatz in den Juliusthurm nach Spandau gekommen. Ein anderer Theil bildet den Reichs-Jnvaliden-Fonds. Mehrere Millionen erhielten die deutschen Heerführer als Nationalgeschenk. Der Rest wurde an die einzelnen Deutschen Staaten vertheilt. Der Kaiser ist auch gar nicht so sehr reich. A. Na, wovon erhält denn der Kaiser die Soldaten? C. Die erhält nicht der Kaiser, sondern das Volk durch die Stenern, welche es jährlich aufbringen muß. I). Ja, weshalb sagt uns denn der Hauptmann, daß der Kaiser uns erhält? 0. Danach mußt Du den Hauptmann selber fragen. Er wird wohl seine Gründe haben. Der Tropfen Gift ist anSgcspritzt und wirkt weiter." Hieran knüpft der Diener des Herrn folgende allgemeine Betrachtung: ״Ich bin früher nicht Antisemit gewesen, bin eS aber beim Militär geworden, denn ich habe mehrmals die Erfahrung gemacht, daß das jüdische Element in der Armee durch seine Sucht, ״Aufklärung" unter den Kameraden zu verbreiten, dieselbe zersetzende und revolutionirende Wirkung ausübt, wie dasselbe in dem Volke durch die Presse die religiösen, sittlichen und nationalen Fundamente unterwühlt. Der jüdische Soldat schleudert durch kurze Aeußerungen, für welche er gar nicht bestraft werden kann, mit Jrrthümern vermischte Wahrheiten in die urtheilslose Masse, welche diese nicht begreifen kann. Er klärt nicht ans. sondern reizt ans, wenn auch wohl nicht mit Absicht." Ferner cntblödct sich der ״Theologe" nicht, in einem anderen Kasernenstnbengesprüch alle Soldaten jedes kriegerischen Geistes bar zu schildern, ein Gespräch, bei welchem natürlich der Jude auch nicht fehlen darf, um zu sagen: Für was riskiren wir denn unser Leben? WaS wird uns dafür? Wie nutzt nun der ״Theologe" dieses Gespräch, welches wir für erlogen halten und dessen Veröffentlichung eine Schändung unserer ganzen Armee ist. ans? Der Ehrenmann schreibt: ״Ich hatte schweigend zugehört. Unter den 22 Mann, die mit mir das Zimmer bewohnten, war nicht einer, in dem der Gedanke, ״dulce et decorum 68t pro patrk mori“ lebendig gewesen wäre, und etwas aggressiven Geist zeigte auch nur A. Bei den Uebrigcn hatte die Angst um Gesundheit und Leben die edleren Gefühle erstickt. Wieder aber war eS eine Jude, der sich durch feige und vatcrlandslose Gesinnung hervorthat und dem Egoismus das Wort redete." Es ekelt uns an, mit diesem frivolen Machwerk uns weiter zu beschäftigen; wir haben aber geglaubt, demselben eine weitere Veröffentlichung bereiten zu sollen, um zu zeigen, mit welchen gemeinen Mitteln der Antisemitismus. arbeitet, und daß derselbe sich nicht scheut, die Maske einer militär-politischen Broschüre seiner zelotischen Fratze vorzubiudcn, um so auch das kameradschaflliche Leben im Heere zu vergiften.. Wir bedauern

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