Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 328 (sequence 3)
- Language
- German
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״Ein Kompliment? — DaS weiß ich wirklich nicht, das kommt darauf an, wie Sie es nehmen wollen. Aber Wahrheit ist es." ״Eine eigcnthnmliche Behauptung," sagte -er SanitätSrath lachend. ״Nach solchen Proben wird Fräulein Bella sich nicht allzu sehr nach Deinen Komplimenten sehnen. — Aber, liebes Kind. Sie genießen ja gar nichts. — Mir zu Liebe‘ müssen Sie dieses Kotelett nehmen — ich müßte mich sonst in Wirklichkeit genircn noch weiter zu essen." Bella erwiderte nichts, blickte jedoch mit einer Art von Staunen auf den alten Mann, der mit sichtlichem Behagen sich die erwähnte Fleischspeise munden ließ. Langsam fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn. ״Es ist zum ersten Mal, daß ich Sie Fleisch essen sehe, Herr Sanitätsrath. — Haben Sie mir nicht einmal gesagt, daß Sie als orthodoxer Jude sich des FleischgennsseS enthalten?" ״DaS habe ich Ihnen keineufalls gesagt." entgegncte der SanitätSrath lachend, ״ich erinnere mich zwar überhaupt nicht, mit Ihnen darüber gesprochen zu haben; wenn dieses jedoch der Fall gewesen ist, so habe ich Ihnen vermuthlich gesagt, daß ich mich jeder nicht nach ritueller Borschrift bereiteten Fleischspeise enthalte." ״Existirt denn über dergleichen eine rituelle Borschüft?" ״Nicht nur eine, sondern eine ganze Anzahl. Sie stanucn? — Und doch, ich erinnere mich dessen, als ob es heute gewesen wäre, cs war in Ihrem Hanse, am Tische Ihres Vaters, der zur Feier Ihres Geburtslages eine Anzahl Freunde zu Gast geladen hatte, daß einer derselben auf seinem Teller einen gebrochenen Gänscflügcl fand. Er hielt sich verpflichtet, dem Gastgeber Mittheilung davon zu machen, der sofort die Tafel sistirte, durch einen Voten das eorpuL delicti, ich meine den gebrochenen Gänseflügct. einem jüdischen Gelehrten überschicktc und denselben fragen ließ, ob man den Braten genießen dürfe." ״Mein Vater hat auf dergleichen gehalten?" rief Bella mit unverhohlenem Erstaunen. ״Ähr Vater war ein so crnstfrommcr, gcsinnnngstüchtiger Jude, daß er lieber sein ganzes Leben hindurch trockenes Brod gegessen Hütte, als den einen gebrochenen Gänscflügcl. — Äa, schütteln Sie nur unigläubig das Köpfchen, cS war doch so, und ich begreife nur nicht, daß bei der aufrichtigen Frömmigkeit Ihres verstorbenen Vaters Ihnen Alles, was unsere Religion betrifft,' so vollkommen fremd ist." (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen 1t!t& Nachrichten. Deutschland. “!1־ Berlin, 23. Mai. Nur eine kurze Notiz. Des Hetzcns und Schürens gegen die Juden kein Maß, wohl aber ein sehr bestimmtes Ziel — der völlige Untergang! Herr Licbermann von Sonncnbcrg gab am vorigen Dienstag dem ächten unverfälschten Antiscmitismus »11 der andcrthalbtauscnd Personen zählenden Versammlung des ״Deutschen Antisemiten-Bundes" in der Bockbraucrei so unzweideutig Ausdruck, daß wir uns auf das Allerschliinmstc ,gefaßt machen müssen, falls dieses Programm, für dessen Verküttdigung dein Redner ein dreifaches Hoch ansgebracht wurde, zur Verwirklichung gelangen sollte. Äch enthalte mich jeder weiteren Benterknng und füge zur Kennzeichnung dessen, was in diesem Kreise deutsch und brav genannt wird, nur die folgenden Säße ans der jubelnd anfgenommenen Rede — vorsichtiger Weise nach dem Referate der Kreuzzeitung — hier an: ״Wenn der Ruf erschallen wird: Das Vaterland ist in Gefahr! dann werden sich alle, die auf dem Boden des Antisemitismus stehen, znsatnmcnsinden zum Kaps gegen den Feind der arischeu Menschheit. Denschland leidet an hochgradiger Herzverscttnng. Ein Radikalmittel, eincEn tfettungSknr müßte vorgcnomntcn werden. (Beifall und Heiterkeit.) Die Ursache der Herzverfettung ist das internationale kapitalistische In de nt hum, das Mittel dagegen; die Unschädlichmachung des Kapitals. DaS Hindcrniß hierfür aber ist der Parlantentarismus. Wenn Fürst Bismarck daran dächte, sich eine Majorität für diese Radikalkur zu bilden, so wäre es das schönste Blatt im Rnhmcskranzc des Reichskanzlers. (Lebhafter Beifall.) Und wenn er cs nicht thut — sollen wir deshalb verzweifeln? Nein, unsere letzte Hoffnung steht dann noch auf dem erhabenen Herrschcrhausc der Hohcuzotlern. (Stürmischer Beifall.) Redner verliest eine längere Erklärung, was er in Bezug hieraus vom Hcrrscherhause erwarte, und übergicbt, weil er gewohnt sei, daß seine Worte verdreht und cittstcllt werden, ״der Sicherheit wegen" das Schriftstück dem überwachenden Polizei- Offizier, der cs in Verwahrung nimmt. Das Ziel (so führt Redner fort) ist ein vom Inden joch befreites Vaterland. Redner ermahnt schließlich zur Ausdauer im Kampfe und stimtnt zum Schluß seiner Rede selbst das Lied: ״Deutschland, Deutschland über Alles" an, welches von der Versammlung stehend gesungen wird. Der Redner bringt detn Antisemitismus ein Hoch, worauf großer Beifall."