Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-05-27
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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327 ״Aber mein Herz hat er dennoch gebrochen," murmelte sie, ״es ist todt." ״Wird mit der Zeit schon wieder aufleben," tröstete der Sanitätsrath lächelnd. ״Aber," fuhr er ernst fort, ,.eine Frage möchte ich mir an die Tochter meines FrenndeS doch erlauben, haben Sie, die Jüdin, nie bedacht, was es heißt, sich einem Nichtjudcn zu verloben? Bella zuckte die Achseln. ״Ich kenne keine konfessionellen Vorurtheile." ״Sagen Sie lieber, Sie kennen Ihre eigene Konfession nicht." ״Das mag sein, ich habe in der That nie im Leben daran gedacht, daß ich Jüdin bin, außer damals bei meiner Verlobung, als Mama zögerte, ihre Ein< willigung dazu zu geben, weil Mar—, weil Herr von Mühler Christ ist." ״Aber schließlich hat Frau von Merten dennoch eingewilligt?" ״Nun ja, freilich. Mama selbst war vollkommen vornrtheilsfrei, nur ans Rücksicht für meinen seligen Papa hat Mama gezögert. Als ich ihr jedoch vorstellte, daß das Glück meines Lebens von dieser Berbindnng abhänge, da erklärte Mama, daß sie sich nicht berechtigt halte, aus Rücksicht für den Verstorbenen das Glück der Lebenden zu opfern." Der Sanitätsrath unterdrückte die heftige Antwort, die ihm auf die Lippen kam. ״Ich glaube, Sie würden das Andenken Ihrer Mama doppelt segnen, wenn sie damals bei ihrer Weigerung geblieben wäre." Bella antwortete nicht sogleich. ״Ich wäre dann freilich nicht vier Jahre lang betrogen worden," mnrmelte sie endlich. Gegen Abend kam auch der junge Walther heim. Nach der ersten Begrüßung erkundigte sich der Sanitätsrath sofort, ob die Angelegenheit gegen den Doktor Wiesenhein bereits eingeleitet. Der Sohn zuckte die Achseln. ״Eingelcitet ist die Sache bereits, ob sie jedoch Erfolg haben wird — ich zweifle. Der Schurke hat einen allzu großen Vorsprung. Nach Allem, was ich darüber höre, ist er bereits seit Monaten verschwunden, scheint bereits seit Jahren das kolossale Vermögen seiner Mündel nach und nach iu exotische Effekten umgesetzt zu haben, um desto leichter damit entfliehen zu können. Wenn er sich, wie man vermuthet, nach Amerika gewandt hat, wie soll man dort seiner habhaft werden?" ״Armes Kind," seufzte der Saüitätsrath, ״ich habe ihr noch heute Hoffnung ans einen glücklichen AuSgang gemacht. Doch komm, laß uns zu ihr, das arme Mädchen war den ganzen Tag allein." ״Guten Abend, liebes Kind!" rief der SanitätSrath, als er, gefolgt von seinem Sohne, in Bella's Zimmer trat. ״Erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Sohn vorstelle. Herr Doktor juris Friedrich Walther, da haben Sie seine volle Firma. Fräulein Arabella von Merten." ״Ich erfreute' mich bereits in früheren Jahren Fräulein von Mertens Bekanntschaft," sprach Walther, sich verneigend, ״aber seitdem sind nahezu vierzehn Jahre verstrichen, da darf ich wohl nicht hoffen, daß Sie sich meiner noch erinnern." ״O doch," erwiderte Bella, ״ich erinnere mich Ihrer sehr wohl, Herr Doktor, wenn ich auch nicht behaupten kann, daß ich Sie wieder erkannt hätte, — aber —" ״Ich kann's bezeugen," siel der SanitätSrath ein, noch gestern, bei unserer Ankunft, erwähnte Fräulein Bella Deiner, Du habest sie bei ihrer Abreise von hier in den Waggon gehoben." ״Und daran erinnern Sie sich noch, Fräulein? — Das freut mich, freut mich in der That, da sind wir ja alte Bekannte und ich hoffe, wir werden auch als Hausgenossen gute Kameradschaft halten." Er reichte ihr vertraltlich die Hand, ein leises Lächeln zuckte um ihre Lippen, als sie die ihre darein legte. ״Aber nun kommt zu Tische, Kinder," rief der Sanitätsrath, ״ich habe einen Wolfshunger. Darf ich Sie zl! Tische führen, Fräulein Bella?" Er bot ihr galant den Arm und geleitete sie hinunter in das getneinschaftliche Wohnzimmer, das auch zugleich als Speisezimmer diente. Der Sanitätsrath, schon seit Jahren Wittwer, und sein Sohn waren die einzigen Tischgenossen des jungen Mädchens. Beide Herren wuschen sich die Hände, bevor sie sich zu Tische setzten, der Sohn jedoch forderte mit höflicher Verneigung Bella auf, sich vor ihm zu waschen. Betroffen blickte sie ihn an, eine derartige Aufforderung war ihr nie im Leben geworden, dennoch entsprach sie derselben ohne irgend eine Bemerkung und hielt willig die schmalen Hände über ein Lavoir, während er aus einem großen Kruge Wasser darüber goß. Das Essen ward aufgetragen. Bewundernd folgten Walthers Blicke jeder Bewegung des jungen Mädchens, das in voller Blüthe jungfräulicher Schönheit ihm gegenüber an der Seite seines Vaters ihren Platz eingenommen hatte. ״Wenn ich Sie genau betrachte, Fräulein, und ich hoffe, Sie erlauben das wohl einem alten Freunde, dann möchte ich behaupten, daß Sie sich in diesen vierzehn Jahren wenig verändert haben. Größer sind Sie sreilich geworden, aber sonst —" ״Soll das ein Kompliment sein, Herr Doktor?" fragte Bella unwillkürlich lächelnd.