Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-05-13 · Heft 19 (13.5.1886) · p. 297

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 19 (13.5.1886)
Article
Deutschland : Berlin [Nachricht]
Date
1886-05-13
Page
297 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933173--21908-2965587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

JK19. Jeschurun. 297 Korrcspmidcnzcu m!d Nilchrichtcu. Deutschland. -L- Berlin. 11. Mai. Ich glaube nicht, daß wir Juden Veranlassung haben, diejenigen Männer, welche durch die Annahme der Taufe uns und dem Judenlhum vollends den Rücken gewandt, in besonderer Verehrung zu gedenken. Wer durch einen solchen Schritt, — unb geschähe eS auch selbst in Folge einer wirklich aufrichtigen Ueberzeugung, die in den spezifisch christlichen Lehren und Glaubenssätzen des Christenthums die einzige Wahrheit erkannt, — mit dem Judenthnme und den Juden bricht, der hat auf besondere Sympathien -jüdischer Seils wahrlich keinen Anspruch. Mag er auch durch eine bedeutend hervorragende geistige Begabung sich einen Namen zu erringen verstehen, so werden wir doch nicht eitel genug seien, um des Ab glanzes willen, welcher vielleicht von seinem Ruhme ans den jüdischen Stamm fällt, der Kränkung vergessen zu können, die er uns zngesügt. Wir werden nicht stolz ans ihn sein und uns nicht in dem Strahle seiner Glorie sonnen. Wir schauen nicht in freudigem Hochgefühlc aus Männer wie Börne und Heine, Stahl und Ncander hin, wir sind aber and) weit entfernt, sie zu verleugnen. Eine höchst liebenswürdige Praxis unserer guten Freunde von der Art der ״Krenzzeitnng" ist cs aber, daß sie die Unbehaglichkeit, welche ihnen der Eine oder Andere dieser jüdischen Apostaten verursacht, dem Judenthnme und den Inden auf das Kerbholz setzen, dagegen aber bei den sie aumuthendcn jüdischen Konvcrtirten den jüdischen Ursprung gern vergessen. So müssen denn auch die Inden für den Liberalismus eines Börne und die Ungezogenheiten eines Heine büßen, während cs den gerechten und frommen Herren aber noch niemals eingefallen ist, den Juden zu danken für die Verdienste, welche der ״jüdische" Obcrkirchenrath Friedrich Julius Stahl unleugbar um die christlich-konservative Partei sich erworben, oder die der ״jüdische" Oberkousistorialrath August Wilhelm Ncander, ehemals David Mendel genannt, um die christliche Theologie unbestritten hat. Wenn diese Herren uns die ״jüdischen" Börne und " Heine ins Debet stellen, so verlangte cs doch die Gerechtigkeit, daß sie uns dagegen die ״jüdischen" Stahl und Ncandcr ins Kredit bringen. Wir wollen solches zwar nicht verlangen, aber cs wäre doch für sie anständiger und schöner. Die ״Kreuzzcitnng" ibezc..gt'in ihrer heutigen Ausgabe eine gar herzliche Freude darüber, daß der angeblich ״von jüdisch-liberaler Seite gemachte Versuch, den hundertjährigen Geburtstag BörneS zu einer nationalen ,Feier zu gestalten, völlig mißglückt ist." Nun zähle ich freilich nicht zu den Liberalen und bin nicht vertraut mit den Plänen derselben. Aber, wenn man einen solchen Versuch geinacht hatte, so kann das doch nicht so gar.heimlich geschehen sein, daß Jemand, der wie ich ein treuer Abonnent der ״Krcuzzcitung" bin — liberale Blätter halte ich nicht — davon hatte etwas erfahren müssen. Es ist nicht schon von der verehrten Redaktion, daß sie über ein so bedeutendes Unternehmen, wie die Jnszcnirung einer Propaganda für eine nationale Feier, bislang ihre Leser so gänzlich im Dunkeln gelassen hat, daß wir auch kein Sterbenswörtchen davon erfuhren. Da hätten doch Aufforderungen durch die Presse verbreitet, Versammlungen abgchalten, Komitee'S gegründet werden müssen u. dgl. m., und von diesem Allen hätte uns die umsichtige Redaktion gar nichts erzählt?? Sie freut sich über das Mißlingen dieses mir bis jetzt unbekannten Plans, weil dadurch ein ״erfreulicher Beweis" geliefert ist, daß der Einfluß der jüdisch-liberalen Seite im raschen Sinken ist und ״der Alp von uns genommen ist, der Jahrzehnten lang auf beiti geistigen Leben der Nation gelastet hat: das Borurtheil, daß das Judenlhum berufen sei, uns nufer geistiges Futter vorznschneiden." Nun gönne ich der angestrengt arbeitenden Krenzzcitnngsredaklion diese Freude sicherlich gern, aber dieser Freudcnsransch scheint sie denn doch 8. v. v. etwas unklar gemacht zu haben. DaS habe ich denn doch noch gar nicht gewußt, daß die deutsche Nation ein so absonderliches Alpdrücken seit Jahrzehnten gehabt und geglaubt habe, sie müsse aus der ihr von dem Judenthnme versorgten Krippe ihre geistige Nahrnng entnehmen. Und das soll jetzt mit einem Male anders geworden sein, weil der Ln der Phantasie der ״Krcuzzcitnng" bestandene Versuch hinsichtlich einer deutschen Börnefeier gescheitert ist? Wunderbar, nnbegreiflich! Da wäre ja mit einem Male der Sieg der antisenlitischen Parle! entschieden und wir brauchten keine Wochenversammlungen der Christlich-Sozialen mehr, die Herren Stöcker und Pinkenbach könnten die Streitaxt begraben, denn der Feind liegt ja am Boden! Was nun aber in der That daS ״geistige Futter", wie die ״Kreuzzeitung" sich ausdrückt, unbetrisft, so dürfte doch es selbst auch ihr etwas bedenklich erscheinen, ans dieser geistigen Nahrung Alles auSzuscheiden, was direkt oder indirekt von jüdischer Seite dazu bis jetzt geliefert worden ist. Es möchte 11!!1 den. geistigen und sittlichen ׳Nationalschatz des deutschen Volkes doch wohl sehr übe! bestellt sein, wenn man so vermessen sein wollte, davon alles ״Semitische" abzusetzcn. — Um nun speziell auf den von ihr so gering geschätzten ״jüdischen" Täufling Ludwig Börne zu kommen, der ehedem Löb Baruch hieß, so möchte cs selbst ihrer Findigkeit nicht gelingen, in den Straßen Berlins ״Talente seines Kalibers zu Dutzenden zu begegnen," selbst wenn sic Berlin vom frühen Morgen bis zum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.