Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-05-13 · Heft 19 (13.5.1886) · p. 296

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 19 (13.5.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-05-13
Page
296 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933173-2965532--21906-2965586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

״Hoffen wir das Beste," erwiderte der SanitätS? I rath. indem er aufstand. ״Gute Nacht, liebes Kind! morgen besprechen wir das Weitere. Suchen Sie zu schlafen, Sie bedürfen der Ruhe." * Bitter lächelnd schaute Bella ihm nach. Sie sollte schlafen! — sie, deren Herz zerrissen war in tausend Fasern. Zwar machte sie sich Vorwürfe, daß sie in egoistischem Schmerz während des ganzen Tages der leidenden Mutter nicht gedacht habe. Doch die zweideutigen Worte, des Arztes hatten sie nach dieser Richtung hin vollständig beruhigt, und von Neuem versank sie in qualvolles Sinnen ob ihrer vcrratheneu Liebe. Schlaflos verging die Nacht, doch am Morgen machte die Natur ihr Recht geltend, die Augenlider des unglücklichen Mädchens schlossen sich zu tiefem, träumlosem Schlummer. Der SanitätSrath hatte bereits früh am Morgen eine telegraphische Depesche an Bella's Vormund gerichtet, worin er ihn von Frau von Mertens Ableben in Kenntniß setzte und ihn auffordcrte. Verfügungen in Betreff seiner Mündel zu treffen, da das junge Mädchen vollständig verlassen und rathlos sei. Es war gegen Mittag, als Bella erwachte. Die glühenden Strahlen der Julisonne erfüllten das Gemach mit blendender -Helle und drückender Schwüle. Erschrocken, daß der Tag schon so weit vorgeschritten, sprang sic auf und wollte sich hastig ankleiden. Doch die Aufregung des gestrigen Tages hatte sie auch körperlich sehr angegriffen, die Toilette wollte nicht so rasch, wie sie es wünschte, von Statten gehen. Ungeduldig zog sie die Glocke, das Kammermädchen herbeizurnfen. Lisette trat ein, ihre Augen waren geröthct von Thränen um ihre verstorbene Gebieterin, der sie zwanzig Jahre treu gedient, und die sie aufrichtig geliebt hatte. ״Wie geht es Mama?" fragte Bella, ohne die Erregung der Zofe zu gewahren, ״hat sie schon ge> frühstückt, und ist der SanitätSrath schon bei ihr gewesen?" Lisette war kaum im Stande, die aufsteigenden Thränen zurück zu halten, verwirrt murmelte sie einige unverständliche Worte. Bella achtete nicht darauf. ״Komm," ries sie hastig, ״hilf mir rasch, ich habe Mama seit gestern Morgen nicht gesehen, es ist unverzeihlich." . Schweigend leistete Lisette die von ihr verlangten Dienste. Sobald ihre Toilette beendet war, verließ Bella ihr Zimmer, um sich zu ihrer Mutter zu bc« geben, doch im Korridor trat der Sanitätsrath ihr mit freundlichem Gruße entgegen. ״Guten Morgen, Herr SanitätSrath, wie geht eS Maina? Sie sind schon bei ihr gewesen?" ״Ich!omine soeben ans ihrem Zimmer," erwiderte er. ״Und ich bin im Begriffe zu ihr zu gehen. Wollen Sie mich begleiten?" ״Gern, liebes Fräulein." Er bot ihr galant den Arm, sie legte ihre Hand leicht darauf und fand es eigcnthümlich, daß er dieselbe mit seinem Arme fest an sich schloß. Sie machte einige Schritte in der Richtung von Frau von Mertens Zimmer. ״Ich vergaß, Ihnen zu sagen, Fräulein Bella, die Frau Mama schläft ein wenig, wollen Sie sie doch nicht stören." ״Bewahre der Himmel! ich will nur einen Augenblick hineinsehen, Mama wird dadurch nicht erwachen." ״Freilich nicht. Aber, liebes Kind, Sie haben Ihr erstes Frühstück noch nicht eingenommen und was mich betrifft, ich habe bereits große Sehnsucht nach dem zweiten. Doppelt würde cS mir munden, wenn ich es in Ihrer Gesellschaft einnehmen könnte, und dann begeben wir uns zusammen zu Frau von Merten." Bella konnte diesem Wunsche nicht widersprechen, so sehr sic auch verlangte, nur einen Blick auf die schlafende Mutter zu richten. Doch der SanitätSrath hielt ihren Arm so fest; ohne unhöflich zu sein, konnte sie ihm denselben nicht entziehen. Sie befahl daher, das Frühstück auf der Veranda zu serviren und geleitete ihren Gast dorthin. Die Veranda lag auf der Seescite, trotz der Hitze des Tages war es dort auch um diese Zeit schattig und kühl. Bella, die am verflossenen Tage nicht das Geringste genossen hatte, empfand doch jetzt Bedürsniß nach Nahrung, der Arzt freute sich aufrichtig, als er ihren gesunden Appetit gewahrte. Ihn selbst kostete cS jedoch sichtlich Anstrengung, einige Früchte und ein Stückchen Brod zu genießen. Bella machte ihm Vorwürfe, daß er trotz seiner Sehnsucht nach dem Frühstück ihre Küche verschmähe." ״Haben Sie vergessen, liebes Fräulein, daß. ich in Ihrem Hanse nie Anderes׳ als Brod und Früchte genieße?" Bella fuhr sich mit der Hand über die Stirn.! ״ES sind nahezu fünf Jahre, seit wir das Vergnügen hatten, Sie bei uns zu sehen; ich hatte in der That nicht mehr daran gedacht. Sie sind Vegetcrianer?" ״Das nicht, aber ich bin orthodoxer Jude." Bella blickte ihn verwundert an. ״Die orthodoxen Juden enthalten sich auch des Fleischgenusses?" (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.