Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-05-13
- Page
- 295 (sequence 2)
- Language
- German
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sich um die Ohnmächtige bemühte, drang er darauf,! sie möge sich niederlegen. Doch Frau von Merten,! sonst so gefügig, kannte dieses Mal nur ihren eigenen j Willen. Es war ihr einziges Kind, das bewußtlos in! ihren Armen lag, nicht um Alles in der Welt hätte sie sich auch nur einen Schritt entfernt. | Endlich bewegten sich die bleichen Lippen des j jungen Mädchens. ״Martin," flüsterte sie, ״Martin!" Frau von Merten winkte dem alten Jean. ״Gehen Sie hinauf," befahl sie, ״ich lasse Herrn von Mühler ersuchen, sich hinunter zu bemühen." Der Alte zuckte verlegen die Achseln. ״Herr von Mühler ist heute Morgen abgereist, er befahl mir, dem gnädigen Fräulein einen Brief zu übergeben —" er blickte auf daü Schreiben, das Bclla's Rechte noch krampfhaft umschlossen hielt. Bange Ahnung erfaßte der Mutter Herz, erst jetzt gewahrte sie das Schreiben in Bella'S Hand und mit Hülse des Arztes gelang eS, den starren Fingern es zu entwinden. ״Lesen Sie den Brief," drängte der Arzt, ״er dürste unS die Diagnose erleichtern." Und Frau von Merten laS. — Doch je weiter sie las, desto stechender ward der Schmerz in ihrer Brnst, ihre Lippen bebten, Thräne auf Thräne entglitt ihren heißen, brennenden Augen über ihre abgezehrten, bleichen Wangen. ״Um Gottes Willen, gnädige Frau," bat der Arzt, ״fassen Sic sich, das Fräulein ist jung und kräftig, die Spannkrast der Jugend überwindet jedes Nebel leicht." Doch die unglückliche Mutter schüttelte verzweifelnd das Haupt. ״Armes, unglückliches Kind!" stammelte sie, ״sie wird cs nimmer verwinden! — und eS ist meine Schuld! — meine! — O Minna! Du bist gerächt!" Ein heftiger Husten überfiel sie, ein Heller Blutström stürzte aus ihrem Munde, die Bemühungen des Arztes waren vergebens. Als SanitätSrath Walther gegen Abend eintraf, fand er Diejenige, um derentwillen er berufen worden, als Leiche. Bella war inzwischen aus ihrer Ohnmacht erwacht, doch hatte man es noch nicht gewagt, sie von dem neuen Unglücksfall, der sie betroffen, in Kenntniß zu setzen; und seltsam, sie, sonst so ängstlich besorgt um die leidende Mutter, hatte während des ganzen Tages nicht ein einziges Mal nach ihr׳ gefragt. Stumm und bleich lag sie da, thränenlos starrten ihre großen dunkeln Augen ins Leere. Als der Sanitätsrath gegen Abend in der Villa eintraf, athmete die ganze Dienerschaft erleichtert auf. Keiner hatte gewußt, was beginnen, denn Herr von Mühler, der bisher für Alles gesorgt, war fort, die Herrin tobt, und deren Tochter, ihre nunmehrige Herrin, schien von dem, was um sie vorging, nichts zu wissen. Und zn den Welschen hatten sie sänmttlich kein Vertrauen. Aber den SanitätSrath kannten sie als den Freund des Merten'schen Hauses, er würde sicher die nothwendigcn Anordnungen treffen. Nachdem er sich über alles Voraestrllene möglichst genau hatte informiren lassen, trat er in das Zimmer der jungen Erbin. Bella hatte seit Empfang jenes unglückseligen Schreibens noch kein Wort gesprochen, noch keine an sie gerichtete Frage auch nur durch ein Zeichen beantwortet. Doch als der SanitätSrath nun zu ihr trat und in seiner freundlich theilnehmenden Weise nach ihrem Befinden fragte, da fuhr sie, wie aus einem Traume erwachend, auf. ״Ah, Herr SanitätSrath," sprach sie und bot ihm mit mattem Lächeln die Hand. ״Gott sei Dank, daß Sic da sind — Mama ist sehr leidend — und ich bin recht besorgt um sie. Aber nun Sie da sind, bin ich schon ruhiger. Mama weiß nicht, daß ich Ihnen telegraphirt habe, bitte, erwähnen Sie es auch nicht. Sie können ja um eines andern Patienten Willen herberufen sein und schenken unS bei dieser Gelegenheit die Freude Ihres Besuches. — Mama wird sich in der Thal freuen." Sie hatte nicht ohne Anstrengung gesprochen und machte nun den Versuch, sich zu erheben. Der alte tbeilnehmende Arzt hielt sie zurück. ״Strengen Sie sich nicht an, liebes Kind. Sie scheinen sich heute nicht ganz frisch zn fühlen, bis morgen wird cs schon besser sein. Und was die Frau Mama betrifft, so habe ich mir bereits erlaubt, ihr meine Aufwartung zu machen." ״Wie? Sie sind schon bei Mama gewesen? — Wie finden Sie sie? — ich bitte, sagen Sie es mir aufrichtig." Der SanitätSrath zog die Dose, nahm eine Priese und indem er sorgfältig einige Körnchen Tabak von dem weißen Busenstreifen abstäubte, sprach er, ohne dem ängstlich fragenden Blick des jungen Mädchens zu begegnen: ״Zu meinem innigsten Bedauern kann ich nicht behaupten, daß ich Frau von Merten wohl getroffen habe." ״Das weiß ich," eutgegnete Bella seufzend, ״Mama leidet sehr." ״Nein, liebes Kind, dem muß ich ganz entschieden widersprechen, Frau von Merten leidet nicht." ״Finden Sie das wirklich? Nun, Gott sei Dank! dann wird sie sich hoffentlich auch bald wieder ^kräftiger fühlen."