Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 19 (13.5.1886)
- Article
- Bemerkungen zu Wiese's Memoiren [Rezension]
- Date
- 1886-05-13
- Page
- 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 und christlich sind ihm zwei eng verbundene Begriffe, deren Verschmelzung in Luthers Person zum reinsten Ausdruck gekommen ist. Der Jude erscheint ihm als ein fremder, der Entwickelung des deutschen und christlichen Bewußtseins hinderlicher Bestandtheil der in Deutschland wohnenden Bevölkerung, der deswegen von jeglichem Einflüsse auf das Volksleben fern zu halten ist. Die Emanzipation der Juden däucht ihm ein verhängnißvoller Fehler. ״Die unbedingte politische Gleichstellung der Juden mit den Christen," sagt er,״ (יhatte ich immer für eine Bestimmung der Vcrfassuugsurkunde angesehen, deren unausbleibliche Folgen die Gesetzgeber sich nicht klar gemacht hatten;" er zählt fie -) zu denjenigen Momenten der Gesetzgebuug, welche zum Verderben geführt und den religiösen Sinn des Volks getrübt haben. Wir haben diese Verirrung bei einem geistig und sittlich so hochstehenden Manne tief zu beklagen. Sie fügt zu den unzähligen Beweisen von der Macht des VorurtheilS, welches auch den klarsten Blick blendet, einen neuen, ebenso überzeugend wie schmerzlich. Wenn Männer wie Wiese am Abend eines achtzigjährigen, an geistiger Arbeit überreichen Lebens, das ihn in vielfältigste Beziehung zu Menschen und Institutionen setzte, noch unter der Herrschaft einer mit der Muttermilch eingesogenen Voreingenommenheit stehen, die sie, sonst unbefangen in der Erkenntniß und gerecht, im Urthei! befangen und ungerecht sein läßt, wie sollte mau dann nicht fast oerzmeiseln an dem endlichen Siege der Wahrheit und der Rechtserkenntniß in dem Gemüthe der breiten Schichten des Volkes'? Die Achtung, welche uns eine Persönlichkeit wie Wiese einflößt, nöthigt uns aber zu einem nähern Eingehen aus seine uns betreffende abfällige Vcurtheilung. Die Anschauung, welche das granitne Fundament seiner Arbeit für.die Schule bildet, ist auch die nnsrige. Wir erkennen in ihr einen Funken jüdischen Geistes. DaS, was ihm als Ideal für die Gestaltung der deutschen Schule vorgeschwebt, dessen Verwirklichung ihm, wie er am Schlüsse seiner Thätigkeit klagt, nicht gelungen ist, ist im Judenthum längst zur Wirklichkeit geworden. Es hat seine Triumphe in grauer Vergangenheit sowohl, wie in dem den Juden so überaus dunklen Mittelalter im jüdischen Kreise gefeiert und gelangt trotz des auch hier nicht spurlos gebliebenen Zersetzungsprozesses moderner Zeitbildung zur Anerkennung und Verwirklichung. Was ist eS Anders als ein jüdisches Vekenntniß und eine jüdische Erkenntniß, welche Wiese in die schönen Satze kleidet:') ״Von Jugend aus schwebte mir als 1 (י. Land, Seite 132. -) 2. Band, Seite 34. a) 1. Band, Seite 162. LebenSglück und Lebensaufgabe immer klarer das Ideal vor, ein Ganzes zn sein, zu einer Einheit des geistigen Lebens zu gelangen. — Eine nicht in der Tiefe wurzelnde, rein auf sich selbst gestellte Hnmanitqtöbildung hielt ich für werthlos und ohnmächtig; sie verleiht dem Geiste Schmuck, aber keine innerliche Lebenskraft. Das Ziel der Erziehung ist nicht der wissende, sondern der freie thätige Mensch. Der ausschließliche IntellcktnalismuS ist unfruchtbar. Kraft und Fähigkeit recht zu handeln erwächst ans ethischen Wurzeln in der Tiefe der Seele. So führt die sittliche Voraussetzung der Bildung mit Nothwendigkeit auf die Religion. Erst durch den hierin angedeuteten Zusammenhang erhält die höhere wie die niedere Schute die Einheit eines lebendigen Organismus und für die Thätigkeit desselben hohe und feste Ziele." Er nennt diese ״einzige und höchste Norm" für seinen Beruf ״die Verbindung der Wissenschaft mit dem christlichen Glaubensleben/' weil er das von dem Jndenthum verkündete Gottesbcwußtsein und die vom Judenthum geforderte Unterftcdung aller menschlichen Verhältnisse unter Gottes Willen Christenthum nennt. Es wird aber unbestritten ebenso richtig sein, von einer Verbindung der Wissenschast mit dem jüdischen Gottesgedanken, von einer Durchdringung der menschlichen Erkenntniß mit dem Geiste der jüdischen Lehre, von einer harmonischen Vereinigung des Wissens mit der durch das Judenthlim der Menschheit verkündeten göttlichen Wahrheit zu reden. Das, was in dem Christenthum jene Giltlichkeit erzeugt, welche er christliches GlaubeuSleben nennt, ist ja nichts Anderes, als die jüdische Wahrheit, welche auch dort zur Anerkennung gelangt. Die nnbegrenzte Hingebung an Gottes Wallung und Gebot und die hieraus sich entfaltende LebenSsreudigkeit und Sicherheit, wo ward sie früher gepflegt und anerzogen: von den Vorfahren der heutigen Westfalen und Pommern oder der gegenwärtig in Deutschland lebenden Inden? Und wenn man eine Meuschengruppe nennen will, die das Ideal des Verfassers in ihrer Gcsammterscheinung zur lebendigsten Verwirklichung unter der bcwußtvollen Arbeit von Jahrtausenden an sich gefördert hat ״ein Ganzes zu sein, zu einer Einheit des geistigen Lebens zn gelangen," — so wird gewiß auch Herr Wiese vielleicht neben der jüdischen Menschengruppe keine zweite ebenbürtige anzugeben wissen. Ein Blick auf die historische Erscheinung des jüdischen Stammes, auf das inuerhalb seines Kreises seit Jahrtausenden gepflegte Geistesleben und auf die daselbst geübte Erziehung muß ihn zur Ueberzeugung führen, daß sein Ideal jüdischem Boden entstammt und hier nicht allein in besonders hervorragenden Geistern und besonders edeln Naturen, sondern fast in den gesammtm Volkökreisen lebt und webt. Im jüdischen Kreise war das bewußte Ziel der Er-