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Jeschurun · 1886-05-06 · Heft 18 (6.5.1886) · p. 280

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 18 (6.5.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-05-06
Page
280 (sequence 3)
Language
German
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280 Sie hoffte indessen, nach den ersten Tagen des Beisammenseins werde diese Ueberreizheit sich verlieren, doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch. Schon in den nächsten Tagen war Müller mit Geschäften aller Art überhäuft. Der Pachtkonlrakt ward rückgängig gemacht, er übernahm den Gasthof ans eigene Hand. Der vor vier Jahren begonnene Ban wurde ungesäumt wieder in Angriff genommen, und so eifrig betrieben, daß er noch vor Eintritt der rauhern Jahreszeit vollendet werden konnte. Bei allen diesen Arbeiten und im Verkehr mit den vielen Menschen, mit denen er dadurch in Berührung kam, zeigte Müller weder Hast noch Ungeduld, sondern stets Besonnenheit und Nutze; nur gegen seine Frau war er zwar stets liebevoll und zärtlich, aber stets so leidenschaftlich, so gereizt, bewachte jede ihrer Bewegungen mit einer solchen, alle Grenzen überschreitenden Eifersucht, die sich bis aus die Liebkosungen des Kindes gegen seine Mutter erstreckten, Tirza wagte cs in seiner Gegenwart kaum, den Kleinen zu umarmem Sie litt unsäglich hierdurch, wo möglich jedoch noch mehr durch die Wandlung, die sich in den religiösen Prinzipien ihres Gatten vollzogen hatte. Wie war ihr Mann ehedem so innig fromm gewesen, mit welcher Gewissen- Hastigkeit hatte er jedes Gesetz beobachtet, und nun? — Er schien während seiner Krankheit die speziell jüdischen Gesetze vollständig vergessen zu haben, kümmerte sich weder um Sabbath noch mn Feiertage, noch um Speisegesetze n. dergl. Und wenn Tirza ihm Vorstellungen wegen seiner Leichtfertigkeit machte, dann war ein spöttisches Achselzucken seine einzige Antwort. Wo war das reine, ungetrübte Glück, das sie ehedem an seiner Seite genossen? In der Nähe des Gasthofeö war eine arme Frau schwer erkrankt. Doktor Werner behandelte sic und besuchte sie tagtäglich. Sein Herz pochte laut, so oft er in die Nähe des Hauses kam, in dem er die glücklichsten Stunden seines Lebens vollbracht — doch nie wandte er den Blick dahin. Eines Abends, die Dämmerung war bereits vorgerückt, als Werner die Wohnung der Kranken verließ. Langsamen Schrittes, in Gedanken vertieft, trat er den Heimweg an. als er plötzlich seine Knie umklammert fühlte. ״Pgpa Wernerl lieber Papa Werner!" rief der kleine Karl, indem er sich an ihn hing und nicht von ihm lassen wollte. ,־; - Werner, mächtig erschüttert durch diese unvermuthete Begegnung mit dem Kinde, das er bereits als sein eigenes betrachtet hatte,. bemühte sich, den Kleinen zum Nachhausegehen zu bewegen. Doch dieser wollte davon nichts hören. ׳ ״Ich gehe mit Dir, lieber Papa Werner, ich will bei Dir bleiben. Warum kommst Du auch gar nicht mehr zu uns?" ״Ich habe nicht Zeit, liebes Kind, und dann ist doch auch jetzt dein anderer lieber Papa —" ״Den andern Papa habe ich gar nicht lieb." fiel ihm das Kind in'S Wort, ״Du bist mein lieber Papa, den andern mag ich nicht." ״Das wäre sehr böse von Dir, Karl. Du mußt Deinen Papa lieb haben." ״Aber er hat mich auch nicht lieb. Er zankt mich immer, und wenn ich Mama küssen will, stößt er mich fort. Ich wollte, er ginge, wieder weg und Du kämst wieder zu uns." ״Still, Karl, so darfst Du nicht reden." ״Aber es war so schön, als der böse Papa nicht da war und Da immer zu uns gekommen bist. Da hat Mama auch immer so viel gelacht, und jetzt lacht sie gar nicht »,ehr, und ist immer traurig, und ihr Gesicht ist ganz weiß." Werner preßte die Hand auf das Herz, es war ihm, als müsse es brechen. Hatte der Kleine Recht? war Tirza in Wirklichkeit nicht glücklich? Gern hätte er mit dem Kinde noch lange geplaudert, gern hätte er ihr einen Gruß an seine Mutter ausgetragen. Doch er unterließ es, er war zu sehr durch und durch Ehrenmann, . und nach wiederholtem Zureden gelang es ihm, den Kleinen zum Hcimgehcn zu bewegen. &־ Wir haben Bella von Merten in dem Moment verlassen, als sie zusammenbrach unter der Wucht des Schmerzes, ihre Liebe einem Unwürdigen geschenkt zu haben. Ihr Herz, ihr volles warmes Herz hatte sie ihm geweiht — und er hatte es von sich gestoßen. — Jahre lang halte er sic betrogen — Jahre hindurch ihr Liede geheuchelt, während all sein Sehnen einer Andern galt. Und nun hatte er sie verlassen — verlassen für immer. — Es war ihr, als wäre die Sonne erloschen und mit ihr alle Wärme alles Leben — als packe der Tod mit grauser Hand ihr blutendes, zuckendes Herz — es stand still. Frau von Merten hatte den .markerschütternden Schmerzensschrei ihres KindeS vernommen, und in Mutterangst, ihrer Schwäche vergessend, hatte sie sich vom Krankenbette aufgerasft und war schwankenden Schrittes m das Zimmer ihrer Tochter geeilt, wo sie ihre Leute bereits um das allem Anscheine nach leblose junge Mädchen beschäftigt fand. (Fortsetzung folgt.) .

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