Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-05-06
- Page
- 279 (sequence 2)
- Language
- German
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279 gehörigen verdrängt, selbst aus dem meiner Mutter, die seine Partei gegen mich nimmt." ״Wie kannst Du so reden, Moritz." ״WaS nennst Du mich beständig Moritz!" fuhr Müller auf. ״Du weißt doch, daß ich Max bin und nicht Moritz." ״Ach vergieb, bat sie sanft, ״ich kann Dich doch nicht sehen. Aber wenn Du sprichst, glaube ich immer Deinen armen Bruder zu hören." ״Mein armer Bruder ist längst vermodert," murmelte Müller. ״Leider! leider! aber ich danke Gott, daß Du mir wieder gegeben bist." Der Sohn hatte indeffcn eingesehen, daß er sich der Mutter gegenüber vergessen hatte. ״Verzeihe mir, Mutter," bat er. ״ach, würdest Du wissen, wie weh es mir im Herzen ist, Du würdest mich gewiß entschuldigen." Er warf sich neben sie auf einen Sessel und neigte sein Haupt auf ihre Schulter. Tastend glitt die Hand der Blinden über sein bleiches kaltes Angesicht. ״Armes Kind — und warum ist Dir's denn so weh, heute, am ersten Abend unseres Beisammenseins?" ״Ach," klagte er, ״es ist Alles anders geworden — so ganz, ganz anders. — Der Vater ist todt — Moritz ist tobt — Du siehst mich nicht — mein Kind nennt einen Andern Vater und — und Tirza," fügte er mit bebender Stimme hinzu, ״weiß ich denn, ob sie sich meiner Heimkehr freut? — ob nicht auch sie den Andern vorziehen würde?" ״Jetzt bist Du ungerecht," fiel die Mutter ein. ״Daß der Vater und Moritz uns entrissen sind, daß ich Dich, mein einziges Kind nimmer schauen kann — wer könnte das schmerzlicher beklagen als ich — doch, was Gott uns auferlegt, das müssen wir in Ergebung ertragen. — Daß Dein Kind Dich noch nicht kennt und zu dem Manne verlangt, den Dein seliger Vater ihm als Vormund bestellt Hat, und der immer so lieb und freundlich gegen uns Alle gewesen ist und für Dein Kind gesorgt hat und mit ihn! gespielt hat, als wenn es sein eigenes Kind gewesen wäre, das ist doch sehr natürlich und das sollte Dir zeigen, wie dankbar Dein Kind ist, und wie bald es Dich lieben wird, wenn Du nur lieb und freundlich zu ihm bist. Aber was Du von Tirza sagst, daß Du an ihr zweifeln kannst, das ist in Wirklichkeit ein Frevel. Denn so wie sie. Dich liebt, so liebt so leicht ' kein Weib den Mann." Müller athmete auf, doch ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. ״Und dennoch traf ich sie an des Andern Seite unter den: Trauhimmel." ״Das kannst Du ihr doch nicht im Ernst zum Vorwurf machen wollen? — Sie hat seinen Antrag angenommen, weil wir, der selige Vater und ich, ihr zugeredet haben, damit sie nicht schutzlos und allein in der Welt dastehe. Aber geliebt hat sie ihn nie, das weiß ich zuversichtlich." ״Das weißt Du zuversichtlich, Mutter?" ״Wie oft hat sie mir'S nicht geklagt, daß sie ihn so gern lieben möchte, weil er so gut gegen sie war, daß sie ihn jedoch nimmer lieben könne." ״Das hat sie oft gesagt? — Und dennoch — dennoch — ich habe mir immer gedacht, Tirza würde sich anders freuen, wenn sie ihren Max nach so langer Zeit wieder sieht. — Wo mag sie jetzt so lange weilen?" ״Sie bringt vermuthlich den Kleinen zu Bett." ״In welchem Zimmer? — ich möchte mit dem Kleinen doch heute noch Frieden schließen." ״Ich glaube, Du thätest besser, bis morgen damit zu warten. Doch wenn Du es gerade noch willst, so findest Du sie vernruthlich in! Erkerstübcheu, links." ' Müller begab sich dorthin, leise öffnete er die Thür und trat geräuschlos ein. Das Zimmer war durch eine Nachtlampe nur matt erhellt, im Hintergründe stand das Bett des Kindes. Der Kleine schlummerte bereits, über sein Bette geneigt lehnte die jugendlich schöne Mutter. Unhörbaren Schrittes war Müller ihr genaht, mit verzehrender Gluth hing sein Blick an ihr — und sie war sein! — sein! Das Blut tobte durch seine Adern, er war kaum im Stande, sich zu mäßigen. Er neigte sich über sie, sein heißer Athem berührte ihre Stirn. ״Tirza!" stammelte er, ״Tirza!" Sie fuhr auf, im ersten Augenblick erschreckt, doch schon im nächsten gefaßt. Sie neigte ihr Haupt an seine Schulter, er preßte sie an sich in wilder Leidenschaft, sie war kaum im Stande zu athmen. .,Tirza! Tirza! liebst Du mich heute noch wie vor vier Jahren?" ״Kannst Du an meiner Liebe zweifeln?" ״Ich weiß eS selbst nicht, — doch gleichviel — ob Du mich liebst oder nicht — ich halte Dich in meinen Armen — Du bist mein! —" Ihr ward unheimlich bei diesem wilden Ausbruch seiner Zärtlichkeit, doch sie wehrte ihm nicht, war er doch in seinem Rechte. Und wilder, noch wilder preßte er sie in seinen Armen und bedeckte ihr Antlitz mit glühenden Küssens Diese wilde Leidenschaftlichkeit hatte Tirza ehedevL nie an ihm wahrgenommen. Doch im Grunde ivä? sie nach so langer Trennung nicht unerklärlich. Und überdies, jene dustere Krankheit, von der er ihr erzählt, daß sie ihn so lange von ihr fern gehalten, sie konnte diese Leidenschaftlichkeit als Folge hinterlassen Hadem