Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 18 (6.5.1886)
- Article
- Die heilige Sprache und der moderne Zionismus
- Date
- 1886-05-06
- Page
- 277 (sequence 2)
- Language
- German
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277 finden, aber über die Knechtung seines Geisteslebens, über die Fesselung seiner Tugendthat so bald nicht Trost finden können. In je einem dieser beiden Fälle, wenn auch im Gegensätze nicht so schroff, befanden sich die Israeliten vor dem Beginn der babylonischen Gefangenschaft, respektive der ägyptischen Knechtschaft. Unb, wenn wir sic recht begreifen, meint dies die oben angeführte Sohar-Notiz: 'מאן דרגיל למסבל צערא אעג דאהי לפום צערא סביל מטלגוי ולא חייש אבל מאן דלא רגיל בצערא ורזות בל ימוי בתפנוקין ועדונין ״ ואתי ליה צערא דא איהו צערא שלים וגרWer an den Schmerz gewöhnt ist, wird immer, wenn ein Schmerz über ihn kommt, dessen Last tragen, ohne daß er es besonders schwer empfindet, wer aber den Schmerz nie gekannt und alle seine Tage in Genuß und Lebensbehaglichkcit zugebracht hat und dann von einen! Leiden heimgcsucht wird, das ihm dieses Alles raubt, daS ist ein herber Schmerz und darüber muß die Thräne stießen. Als die Israeliten nach Aegypten hinunterzogen, war ihnen des Lebens Leid nicht ungewohnt, denn ihr frommer Vater verbrachte alle seine Tage fast in Unruhe und Schmerz, und daher ertrugen sie das Galuth wie es sich geziemt, aber das babytonische Galuth, das war ein voller Schmerz und diesen Schmerz beweinten die höheren und die niederen Wesen, die höheren, denn so verkündet cS Jesaias: ״siehe, die Engel schreien nach außen", und die niederen, denn: ״an den Wassern Babylons saßen wir und weinten"; alle weinten sie über das babylonische Exil, weil cs ein Uebergang von königlichem Schwelgen zu armseligem Lebcnsfrislen war". Das Galuth soll, wie wir es in Iirmijahu 29, 28 deutlich lesen, eine- ארבה, eine Heilung sein, eine Läuterung der in der Freiheit verderbten Seele. Es soll das Bewußtsein des krankhaften HerzenszustandeS erwecken und in dem Geist der Verbannten Raum schaffen für die Vornahme zur Heilung und für das Nachdenken über die Mittel zur Besserung. Dieses Bewußtsein des seelischen Defektes wird um so eher und nachhaltiger rege werden und sich befestigen, je weniger körperliche Leiden und Schmerzen und fühlbarerer Mangel äußeren Wohlstandes das Empfindungsvermögen des Menschen absorbiren und für die Schau nach innen das Auge trüben; und je weniger empfindlich der Wechsel der äußeren Lebcnsverhältnisse im Zustande der Unsreiheit zu Tage tritt, desto leichter wird der ureigentlichc Zweck des Galuth, die ארבה, die Physische Rekreation, erreicht werden. Wird dieser Zweck des Galuth aber erreicht, so brauchen die Engel, die höheren Wesen, die reinen Geister nicht zu weinen, da ja eben durch das Galuth der seelische Theil des Menschen, sein Geist, zur Wiedergenesung gebracht wird; ist aber die Vcrwirklichung dieses Zweckes gefährdet durch die Anforderuugen, welche der Verlust von Reicht hum, Ehre, Brhaglichkeit und sonstigen äußeren Lebensglanz an Empfindung und Bewußtsein stellt, dann müssen auch die Engel weinen, da das körperliche Weh der Seele Krankheit vergessen!nacht und die Heilung des seelischen TheilcS im Menschen, die Besserung seines Geistes, in den Hintergrund drängt und bei Seite schiebt. Als Jakobs Söhne mit ihren Familien Aegyptens Boden betraten, brachten sic aus der Hciinath nicht gerade Erinnerungen an äußeres Lcbensglück mit. Sie konnten noch sehr gut der durch die Ränke ihres GroßvaterS Laban ihrem Vater Jakob gestörten Lebensfreuden gedenken, sic hatten selbst an den unruhigen Wanderzügcn Theil gcnonunen, und sic halten in den letzten- 22 Jahren einen durch von ihnen über ihn gebrachten Gram niedcrgebcugtcn Vater stets vor Augen gehabt. Sic waren nicht verwöhnt durch des Lebens Lust und Genuß. Und in Aegypten war es wieder das beschämende Bewußtsein, daß sie ihr Leben Demjenigen verdankten, dem sic das scinige verbittert hatten,, was sic nicht zu rückhaltloser Lebensfreude kommen lassen konnte, und als dieser lebendige Mahner an ihre Schuld ihrem Blicke entschwunden, als Joseph ins Grab gestiegen war. — da begann das Galuth וע״ד מבלו גלותא בדקא יאות, und da sie so lange schon in verkümmcrtem Genuß dahingelebt, so ward ihnen der Schmer; des Körpers, die Last deS Lebens nicht fühlbar; darüber brauchten sie nicht mehr dumpf und stumpf zu grübeln; und ihre ganze Geisteskraft war frei für die ארבה, für die Heilung der Seele. Als aber die Israeliten gefesselt nach Babylon getrieben wurden, da verließen sie Marmorpaläste, in welchen sie auf goldenen Sesseln von reichbesetzten Tafeln in königlichen Genüssen geschwelgt hatten, da zogen sie aus Jerusalem, der Krone der Schönheit, der Wonne der ganzen Erde, da waren sie Fürsten und Edle gewesen, die in Purpur gehüllt über Teppiche gewandelt; — und jetzt zerriß der Kiesel ihren nackten Fuß, und ihren entblößten Leib hüllte der Wcgstaub ein, jetzt schauten sic nicht mehr auf Marmorpfortcn und Zedernwände, sondern ans Feldsteine und Dorngcstrüpp, jetzt diente der harte Boden ihnen zun! Lager, und an der trockenen Brodrinde bissen sie sich die Zähne wund; ההוא תות צערא שליט, das war ein voller Schmerz, das war ein ungewohntes Leid, das trieb fast zur Verzwcifclung; und der von ihm befallene Mensch hatte zuerst und vor Allem nur einen Gedanken, den Schmerz zu lindern, das Weh zu beseitigen und jede Gelegenheit auözunntzen, um den früheren Zustand annähernd wieder herzustcttcn החוא צערא דעלאין ותתאין בבאן עליה, und über solchen Schmerz thränte auch das Auge der Engel, die sich hierdurch im Menschen in Gefahr gebracht sahen, die für die Seele, den Geist der Ver-