Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-04-29
Page
256 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2932754-2933154-2933171-2965320--21753-2965397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

256 rcgung fein Wort hervorzubringen, aber ihre zitternden Hände glitten durch sein lockiges Haar über seine Stirn und Wangen, als wolle sie sich vergewissern, daß er es wirlich war. Aber die Geisteskräfte der alten Frau mußten gelitten haben, denn obgleich man ihr gesagt hatte, daß ihr ältester Sohn heimgekehrt, nannte sie ihn doch wiederholt mit dem Namen deS jüngern. ״Mein seliger Bruder war von jeher der Mutter Liebling," flüsterte Müller erläuternd dem Arzt zu. - So voll wie an diesem Abend war cS wohl noch selten im ״Löwen" gewesen, die ganze Stadt schien sich hier Rendezvous gegeben zu haben. Das seltsame Ercigniß der Heimkehr deS Todtgeglaubtcn gerade in dem Moment als seine Frau als Verlobte eines Andern unter dem Trauhimmel stand, hatte Alle in Aufregung versetzt. Obgleich die Meisten ihn bereits Mittag in der Synagoge gesehen, so wünschten doch Alle, ihn an diesem Tage nochmals zu sehen, die Einen aus Theilnähme, die Andern aus Neugier. Doch wo war Müller in diesen langen vier Jahren gewesen? — Warum hatte er die Scinigcn ohne Nachricht gelassen? — DaS waren Fragen, die Keiner zu bcantworteu vermochte. — Nur dem Arzt hatte der .Heimgekehrte unter dem Siegel strengster Verschweegenheit milgctheilt, daß er in der Schlacht bei Königgrätz schwer verwundet, und aus diesem Grunde vermuthlich für tobt gehalten worden war. Daß aber eine hochherzige Dame, die in der Nähe des Schlachtfeldes eine Villa besaß, nach beendigtem Kampfe mit ihren Dienern das Schlachtfeld durchstreift und ihn gefunden hätte. Sie habe ihn bis zu seiner vollständigen Genesung pflegen lassen, aber die Kugel müsse sein Gehirn schwer erschüttert haben, denn er habe sein Gedächtniß voll׳ ständig verloren gehabt und wäre nicht im Stande gewesen, seinen Namen anzugeben. Erst nach langer, langer Zeit wäre sein Erinnerungsvermögen ihm allmählich zurückgekehrt, erst jetzt habe er die Heimreise -unternehmen können. Tirza hatte sich nach der übermächtigen Erschütterung noch immer nicht erholt.׳ Bleich und abgespannt lag sie auf dem Sopha, während Müller, vor ihr kniend, seine Arme um sie geschlungen hatte, bald glühende Liebeöworte ihr zuflüsterte, bald Antlitz und Hände mit seinen Küssen ihr bedeckte. Und Tirza? — Wie oft hatte sie in ihren Träumen ׳diese Stunde durchlebt und wie waren dann beim Erwachen ihre Thräuen geflossen — was hätte sie damals darum gegeben, hätte sie auch nur. im Grabe in ihres Gatten Arm ruhen können. — Und nun? — Das Unglaubliche war Wirklichkeit geworden, der׳ Todtgeglaubte war heimgekehrt, frisch und blühend wie er gegangen. — Sie lag in seinem Arm und — seltsam, sie hatte ihren Max so innig geliebt, hatte in jüngster Zeit, seit sie sich als Werner's Braut betrachtet, es so oft beklagt, daß sie diesen nimmer wie ihren ersten Gatten werde lieben können — und nun hielt Max sie in seinem Arm und sie mußte beständig an Werner denken, war nicht im Stande, sein Bild zu bannen. Unten im Gastzimmer war es lebhast. ״Sie trinken auf Dein Wohl," sagte die alte Müller und nickte glücklich lächelnd zu der Seite hin, wo sie ihren Sohn wußte. ״Willst Du nicht hinuntergehen, ihnen zu danken?" fragte Tirza. ״WaS muthest Du mir zu, heute, jetzt sollte ich Dich verlassen?" ״Nur auf ein Weilchen. Meinst Du nicht auch, Mutter?" ״Gewiß, mein Sohn, Du mußt Dich unten zeigen." ״Nun, wenn Ihr es denn durchaus wollet — aber ich bleibe nicht lange, ich bin sofort wieder hier." Er ging hinunter, kam jedoch, wie er es vorausgesagt, nach wenigen Minuten wieder zurück. Er wollte sich wieder zu Tirza setzen, doch der kleine Karl hatte inzwischen seinen Platz eingenommen. Er hatte seine kleinen Arme um den Hals der Mutter geschlungen, sein rosiges Antlitz ruhte an ihrer Brust. Mit finstcren, fast zornigen Blicken schaute Müller zu ihm nieder. ״Du mußt die Mama nicht so quälen, Du bist ihr viel zu schwer." Mit diesen Worten wollte' er den Kleinen cmporheben, doch dieser umklammerte seine Mutter nur um so fester. ״Ich quäle Mama nicht, Mama hat mich ja lieb, nicht wahr Mama, ich bin Dein lieber, lieber Karl?" ״Mein lieber Karl bist Du allerdings," erwiderte Tirza, ihn an sich drückend, ״aber jetzt ist eS Zeit, daß Du zu Bette gehst." ״Bringst Du mich jetzt in die Laugestraße zu meinem lieben Papa Werner?" Dunkle Gluth überzog Tirza'S Antlitz, während Müller erbleichend die Lippen aufeinander preßte. ״Dein lieber Papa ist ja hier," sagte sie, sich erhebend, ״komm, Karl,, sage dem lieben Papa gute Nacht." Der Kleine hatte das Köpfchen auf ihre Schulter gelegt, sie flüsterte ihm einige Worte zu und gehorsam wollte er der Aufforderung der Mutter entsprechen, da begegnete jedoch sein Auge Müllers unheimlich düsteren Blicken und erschreckt barg er wieder das Antlitz an Tirza'S. Hals.- (Forschung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.