Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 16-17 (29.4.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-04-29
- Page
- 255 (sequence 2)
- Language
- German
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255 darf nicht stattfinden! Der todt geglaubte Gatte der Braut lebt!" Ein tumnltartigcr Lärm, ein wirres Durcheinanderschreien folgte diesen Worten. Ein unartiknlirter Schrei entfuhr Tirza's Lippen. Werner stützte sie, an allen Gliedern bebend, mehr todt als lebend, lehnte sic auf seinen Arm. Niemand achtete ihrer, Aller Blicke waren auf Meicr's Begleiter gerichtet, der, durch die Menge gehindert, nur langsam dem Baldachin sich nahen konnte. ..Er ist'S!" ״Müller!" ״Max Müller!" erscholl es von allen Seiten. Endlich hatte er den Trauhimmel erreicht und stand nun hoch aufgerichtct vor dem Brautpaare. ״Tirza!" rief er und breitete die Arme aus. ״Max! Max!" sie wollte zu ihm stürzen, brach jedoch im selben Moment ohnmächtig zusammen. Werner umfing sie mit seinen Armen, der starke, fönst dem Anscheine nach unerschütterliche Mann bebte wie Espen׳- laub. Unwillkürlich drückte er die Ohnmächtige an sich. ״Mein," stammelte er, ״mein!" und sich über sie neigend und vermuthlich, ohne daß er selbst es wußte, berührten seine Lippen ihre Stirn. ״Zurück!" schrie Müller und wollte die Bewußtlose des Andern Armen entreißen. Werner rang mit fast übermenschlicher Anstrengung nach Fassung. ״Ist's denn möglich?" stammelte er, ״sind Sie in Wirklichkeit Tirza's Gatte?" ״Ich bin cs," erwiderte Müller fest, ״alle Anwesenden kennen mich seit meiner srühestcn Jugend." ״Jawohl, er ist's! — Müller, Max Müller!" Werner'S Arme sanken kraftlos nieder, ein Aechzen entrang sich seiner Brust, noch einen Blick unaussprechlicher Liebe heftete er auf die Ohnmächtige, die nun in eines Andern Armen erwachen sollte, daun stürzte er fort. In achtungsvoller Theiluahme machten die Um׳ stehenden ihm Bahn; wohl Mancher hätte ihm gern die Hand gedrückt, doch cs fühlte, ein Jeder, in diesem Moment mußte jeder Beweis von Theiluahme ihm peinlich sein. Tirza lag indessen noch immer in des Heimgekehrten Armen, der in leidenschaftlicher Zärtlichkeit, der Umstehenden nicht achtend, ihr Antlitz mit glühen״ den Küssen bedeckte. ״Tirza! Tirza! erwache, Dein Max ist heim-' gekommen!" Sie regte sich noch immer nicht. ״Großer Gott! wenn die Erregung sie getödtet hätte! — Wasser! Wasser! — ist denn kein Arzt in der Nähe?" Man brachte Wasser, Müller sprengte eS ihr in'- Antlitz, sie fuhr zusammen und öffnete die Augen. ״Tirza! meine Tirza!" er drückte sie noch fester an sich. Sie blickte einen Moment zu ihm aufzuckte und schloß die Augen wieder. Ein Arzt erschien. Es war ein alter Mann,- er hatte Müller gekannt, als dieser noch ein Knabe war und herzlich schüttelte er ihm die Hand. ״Seien Sie mir von Herzen willkommen! aber um Gottes Willen, sagen Sie mir, wie konnten Sie die Ihrigen so lange ohne Nachricht lassen?" ״Eine Verkettung unglückseliger Umstände, die ich Ihnen später erkläre, jetzt helfen Sie mir um des Himmels Witten meine Frau wieder zu Bewußtsein bringen." Der Arzt beobachtete sie einige Augenblicke. ״Seien Sie unbesorgt und bringen Sie sie nur in'S Freie, die Luft hier ist erstickend schwül, draußen wird sie rasch erwachen." Einige der Anwesenden wollten sie hinaustragen; Müller litt es nicht, er selbst hob sie in seinen starken Armen und trug sie hinaus in's Freie, begleitet von dem Arzt und seinen Freunden. Draußen hielten noch die Wagen, die die HochzeitSgäste zur Synagoge geführt. ״Können wir fahren?" fragte Müller. Der Arzt bejahte, und half ihm, die Ohnmächtige in einen Wagen heben und setzte sich selbst ihnen gegenüber. ״Zum ,Löwen*" rief Müller dem Nosselcnker zu und mit lautein Gerassel rollte der Wagen über das Slraßenpflaster dahin. Die Erschütterung brachte Tirza baldwieder zu Bewußtsein. Lange ruhte ihr Blick auf dem Angesicht deö Todtgeglaubten, der sie in leidenschaftlicher Gluth wieder an sich drückte. — Welche Gefühle in ihrem Busen wogten? — wer konnte eS errathen? ״Vergieb mir, Max!" flüsterte sie endlich, ״ich bin unschuldig!" ״Du bist ein Engel," erwiderte eS, sie von Neuem umarmend, ״wenn von Schuld zwischen uns die Rede sein kann, so ist sic auf meiner Seite, doch auch ich bin schuldlos." Der Wagen hielt vor dein Gasthof. Müller ersuchte den Arzt, er möge seine Mutter auf die Heimkehr ihres als todt beweinten Sohnes vorbereiten, doch das Gerücht davon war ihm bereits vorausgecilt, und vor dem Hause stand das sämmtliche Dienstpersonal und harrte in größter Spannung ihres nunmehrigen GebieterS. Er grüßte Alle herzlich, reichte Einigen die Hand, dann eilte er zu seiner Mutter. Es war ein erschütternder Moment, als die blinde alte Frau den seit Jahren todt Geglaubten in ihren Armen hielt. Lange vermochte sie in übergroßer Er-