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Jeschurun · 1886-04-29 · Heft 16-17 (29.4.1886) · p. 254

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 16-17 (29.4.1886)
Article
Pirqe avot
Date
1886-04-29
Page
254 (sequence 3)
Language
German
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254 sondern auch seine auf das Gute gerichteten Grundsätze und Gesinnungen gewinnen eine wesentliche Kräftigung und Stutze in der Gemeinsamkeit mit den Ucbcr> zeugungen nnd Gesinnungen der Gesammtheit eines wahren jüdischen GeineindewesenS, und Keiner, fügt Hillel sofort hinzu, möge in dem Glauben an seine eigene sittliche Vollkommenheit sich überheben und meinen, er bedürfe nie solcher ihn vor Schwäche und Verirrung stützenden Gemeinschaft; denn so lange der Mensch auf Erden athmet, ist er dem Irrthum und der sittlichen Schwachheit auSgesetzt, nnd ebenso überhebe sich Keiner in seinem Urtheil über Andere. ׳(Fortsetzung folgt.) Nsiil-elnngen. von Friedrich Rott. ..... ..... (Nachdruck verboten) (Fortsetzung.) Doch Herr Meier betrachtete ihn noch immer voll Staunen. . ״Also׳ Sie sind'S wirklich, Müller! Sic, dessen Name auf der Liste der Gefallenen sich befand und dem Ihre Familie so lange als tobt beweint. — Merkwürdig! und so ganz und gar nicht haben Sie sich verändert!" ״deicht? ich dächte doch, ich fürchtete beinahe, nicht erkannt zu werden. Aber ich bitte Sic, wie geht cS den Meinen?" Herr Meier fuhr zusammen und blickte ihn plötzlich voll Schrecken an. ״Herr Gott im Himmel! Müller! wo kommen Sie her? — wie konnten Sic Ihre Familie so lange ohne Nachricht lassen?" ״Davon später. Jetzt um Gottes Willen, sagen Sie mir —״ ״WaS soll ich sagen? — es ist entsetzlich! entsetzlich! — Doch nein, cs ist noch nichts geschehen, cö ist noch nicht zu spät. — Kommen Sie zur Synagogc, geschwind! geschwind!" ״Zur Synagoge? — was soll ich da? — so reden Sie doch in's Teufels Namen!" ״Kommen Sic," drängte der Andere, ״kommen Sie. es ist die höchste Zeit, Ihren Koffer können Sie später holen lassen." ״Aber um des Himmels Witten, sagen Sie mir —" ״Also hören Sic, aber lassen Sie uns eilen, es ist die höchste Zeit!" und im Sprechen ihn mit sich ziehend, fuhr er fort: ״Ich habe Ihnen schon gesagt, man hat Sie für todt gehalten und Ihre Frau hat Sie Jahre lang beweint und alle Anträge zurückgewiesen." ״Meine Frau? — Anträge? —״ wiederholte Müller, den Sprechenden mit weit aufgerissenen Augen an starrend. ״Nun freilich. Sie galten für todt, warum sollten ihr da keine Anträge gemacht werden? Aber sie hat alle znrückgcwiescn, bis zuletzt. — Aber Ihr seliger Vater soll selbst in sie gedrungen haben, den Doktor nicht auszuschlagcn. Und keinerlei Einsprache ist nach ihrem Aufgebot erfolgt, Frau Tirza Müller und Doktor Arnold Werner." Ein Schrei dcS Entsetzens entfuhr Müllers Lippen. ״Tirza! Tirza!" er rang verzweiflungsvoll die Hände. ״ ׳Aber so fassen Sie sich doch," drängte der Andere, ״ich sage Ihnen, es ist noch nicht zu spät. Auf heute, auf diese Stunde ist die Trauung bestinnnt, sie kann noch nicht vorüber sein, lassen Sie uns zur Synagoge eilen." ״Zur Synagoge? ich sollte gegenwärtig sein? — Unmöglich! -- ich will sie nicht sehen! ich will wieder fort!" Er wollte sich loöreißen, Herr Meier hielt ihn mit Gewalt zurück. ..Müller! um des Himmels Willen! sind Sie denn ganz und gar wahnsinnig geworden? — Sie haben doch nichts verloren, mag nun die Trauung vollzogen sein oder nicht, sobald Sie sich zeigen, ist sie null und nichtig. Aber lassen Sie uns eilen, vielleicht hat sie noch nicht einmal den Ring empfangen." Mütter schien nicht im Stande, den Sinn dieser einfachen Worte zu fassen; wie geistesabwesend starrte er einige Argcnblicke in's Leere, plötzlich schien eS ihm klar zu werden. Er athmete hoch auf, ein heftiges Zittern überfiel ihn. doch er drängte nun selbst zur Eile. ״Sie haben Recht," stammelte er, ״cS ist vielleicht noch nicht zu spät. Dort steht ein Wagen, kommen Sie rasch." Sie eilten zu der bezcichnetcn Droschke. ״Zur Synagoge!" ries Müller, sich hincinschwingend, ״ich zahle dreifache Taxe, wenn wir in zehn Minuten dort sind? Herr Meier folgte ihm. und in rasendem Lauf jagten die Rosse dahin. Die Synagoge war gedrängt voll, das Brautpaar befand sich unter dem Baldachin. Tirza war entzückend schön in ihrer einfachen Brauttoilctte, Aller Augen hasteten bewundernd an ihr. Die Zeremonie hatte begonnen. Der Prediger hatte eben eine herzliche Ansprache an die Verlobten gehalten. Da ward am Eingang der Synagoge ein lebhafter Wortwechsel laut. Im Nu hatten Aller Blicke sich dorthin gewandt. Zwei Herren erzwangen sich den Durchgang durch die Menge. ..Halt! Halt!" rief Herr Meier mit Stentorstimme. ״Hochwürdiger, halten Sie ein! Die Trauung

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