Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 15-16 (15.4.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-04-15
- Page
- 231 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2932754-2933154-2933170-2965203--21667-2965272- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
231 In diesem Augenblick kam der kleine Karl in! das Zimmer. Erstaunt blickte er zu seiner Mutter! auf, die er in dieser Haltung noch nie gesehen. Werner . neigte sich zu ihm und nahm ihn in seine Arme. 1 ״Kennst Du mich, Karl?" fragte er.! Lächelnd bejahte der Kleine und reichte ihm sein rosiges Mundchen zum Kusie. ״Weißt Du auch, wie ich hcitze?" ״O ja, Herr Doktor Werner." ״Nein, Kart, so mußt Du mich nicht mehr nennen. Möchtest Du wohl Papa zu mir sagen?" ״So wie Paul zu Herrn Meier sagt?" fragte das Kind, das seinen Vater nie gekannt hatte. ״Ebenso," siel Tirza ein. ״Herr Doktor Werner wird jetzt Dein Papa sein. Dein lieber Papa," fügte sie innig hinzu. ״Freut Dich das, Karl?" ״O ja! o ja!" rief der Kleine und schlug seine Arme um den Hals des Doktors, der ihn innig an sich drückte'. ״Wir müssen zu meiner Schwiegermutter, Werner," sagte Tirza. ״Die gute alte Frau hat mir längst zugeredct, Deinen Antrag anzunchmen. Aber Du hast doch nichts dagegen, daß sie bei nnS bleibt, denn ich könnte mich nimmer entschließen, mich ron ihr zu trennen." Der Doktor hatte nichts dagegen, er hatte diese Bedingung sogar erwartet. Er. fühlte sich so glücklich, so überglücklich, daß er, wenn es daraus angekommen wäre, da« ganze Dienstpersonal des GasthofcS als Hausgenossen ausgenommen hätte. Doch darum handelte cS sich nicht. Mit außerordentlicher Fürsorge hatte der Löwenwirth seine testamentarischen Verfügungen getroffen. In der Voraussetzung, daß Tirza sich wieder verehelichen werde, hatte er sie ersucht, seine blinde Frau, der er ein ansehnliches Kapital auSgcsetzt hatte, mit deren langjährigen Dienerin stets bei sich zu behalten. Das ganze übrige Vermögen, sowie auch der Gasthof, siel seinem Enke! zu, als dessen Vormund, wie bereits erwähnt, Doktor Werner bestimmt war. Vis zur Mündigkeit des Kleinen sollte der Gasthos verpachtet werden. Von Tag zu Tag nahm die Innigkeit des VerhaltnisseS zwischen den Verlobten zu. Der Doktor nahm wieder, wie früher, Mittag- und Abendessen im ״Löwen". Doch nicht wie früher, am Tadle d'hotc, sondern, ans ausdrücklichen Wunsch der alten Frau Müller, am Familientisch, wo der kleine Karl sich den Platz an seiner Seite nie nehmen Ließ. Der Doktor war ein äußerst angenehmer Gesellschafter, das haLtcn beide Frauen laugst gewußt, doch daß er so heiter, so liebenswürdig sein konnte, wie er sich jetzt zeigte, das hatten sie nie geahnt. Und dabei war er so voll Güte, so voll Zartgefühl. Die alte Frau Müller hatte ihn ln ihr Herz geschlossen, als wäre er ihr eigener Sohn. Tirza jedoch — sic klagte oft ihrer Schwiegermutter, daß sie Werner nimmer so werde lieben können, wie er es doch in so hohem Grade verdiene. Aber trotz dieser Klage und vielleicht ohne daß sie selbst sich darüber klar wurde, ward ihr Verlobter ihr mit jedem Tage thenercr. Sie zählte die Stunden bis zu derjenigen, in der sie ihn erwarten konnte, und wenn er, was bei seinem Berufe unausweichlich, sich zuweilen verspätete, so war sie kaum im Stande, ihre Ungeduld, ja selbst ihre Unruhe zu verbergen. Und ihr Aussehen war blühend, wie nie zuvor; ihr Auge war noch strahlender, ihr Schritt noch elastischer geworden. Mit innigem Entzücken gewahrte Werner diese Veränderung. Und wenn sie zuweilen auch ihm gegenüber klagte, nie im Stande zu seien, seine Liebe und Güte in dem Maße zu erwidern, wie er es verdiene, und wie sie so sehnlich cs wünsche, dann glitt ein ganz eigenthümIicheS, selbstzufriedenes Lächeln über sein schönes, ansdruckoolles Gesicht, und er versicherte, daß er sich so glücklich fühle, wie zu werden er nie zu hoffen gewagt. Der zilr Vermählung bestimmte Tag rückte heran. Der Doktor hatte bereits eine Wohnung gemiethet, der Gasthos war nach der Bestimmung seines frühern Besitzers verpachtet, doch sollten Tirza und ihre Schwiegermutter ihn erst am Hochzeitstag der Ersteren verlassen. Die ganze Stadt nahm herzlichen Antheil an dieser Verbindung. Werner war der beliebteste Arzt, und Tirza hatte durch das tragische Geschick ihrer Augehörigen und durch ihr eigenes, so wie durch die Art und Weise, wie sie eS ertragen, das allgemeine Interesse erregt. ES war ein sonnig heiterer Morgen, kein Wölkchen trübte den Azur des Firmaments, zu dem die bleiche Braut in wortlosem Gebet cmporschaute. Tirza war bleich, ausfallend bleich, doch ihr Auge strahlte in schimmerndem Glanze. Die Bedeutung des TageS, eS war ihr Hochzeitstag, ergriff sie mächtig, und mannigfache, einander widersprechende Gefühle durchzitterten ihre Brust. ES war ihr ein unaussprechlich wohlthuender Gedanke, daß die Eltern ihres verstorbenen Gatten diese ihre zweite Verbindung so warm befürwortet hatten; sie glaubte, daß sic ohne dieses sich nimmer dazu Hütte entschließen können, und dennoch blickte sic voll innigem Vertrauen in die Zukunst, denn der Mann, dem sie ihre Hand zu reichen im Begriffe war, flößte ihr die aufrichtigste Hochachtung ein, und — wer daö unruhige Pochen ihres Herzens hätte deuten wollen, hätte doch auch wohl auf ein wärmeres Gefühl geschlossen. Der Tag schritt vor. In dem Gasthofe herrschte hsttte noch regeres Leben als gewöhnlich, denn das Hochzeitsmahl sollte hier eingenommen werden. Die