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Jeschurun · 1886-04-15 · Heft 15-16 (15.4.1886) · p. 230

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 15-16 (15.4.1886)
Article
Stöcker, die Juden und die Anarchie
Date
1886-04-15
Page
230 (sequence 3)
Language
German
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230 Ueberfluß vielleicht auch dem Bedürftigen mittheilt. Und in dem Wettbewerb dcS Verkehrs denkt er zunächst nur an den eigenen Vorth?il, an die Mehrung seines Gutes. Er ״beutet" dieMelegenhcit ebenso wohl aus, wie jeder Ändere. Der hochkonscrvative Kaufherr Rudolph Herzog zu Berlin benutzt die Reklame ebcnfo wohl wie der ״hosenverkaufende" Jude am Mühlendämm; er sucht in dem ״Wettbewerb dcS BerkehrS" durch Nieseninserate nicht nur in Berlin Käufer für seine Maaren, um durch deren Absatz seinen Verdienst zu mehren, sondern tritt auch mit dem kleinen Kauf׳ mann der kleinen Provinzialstadt in ״Wettbewerb" um die Elle Leinwand, die die Hausfrau der kleinen Provinzialstadt gebraucht, ohne zn berücksichtigen, daß er dem provinziellen Genossen die Kundschaft abspenstig macht, auf welche dieser naturgemäß angewiesen ist, und, wenn man von einem Anrechte sprechen wollte, einen nähern legitimen Anspruch hat als er. Der kleine ׳Kaufmann der Provinz vermag den! großen Kaufherrn der Millionenstadt keine Konkurrenz in Berlin zu machen, dieser aber besinnt sich gar nicht, gegen den Kleinern und Schwächer« siegreich den ״Wettbewerb des Verkehrs״ zu unternehmen. Es fällt uns nicht ein, dem Berliner Handelsherrn hieraus irgend einen Borwurf zu machen. Wir glauben aber, daß der konservatwe Abgeordnete Stöcker den konservativen Kaufmann Herzog als einen würdigen konservativen Genossen anschen will, deshalb möchten wir ihn nur fragen, wo da der von ihm ans der Tribüne behauptete konscrvative ideale Wettbewerb des Verkehrs bleibt? Ob dieser nicht eitel Chimäre und nichtige Utopie ist?? Wir sind auch weit entfernt, in dem von uns herangezogenen Beispiel eine Ausnahme zu erblicken. Alle — konservativ oder nichtkouservativ, Christ oder Jude—, welche in den Wettbewerb dcS BerkehrS cintreten, verfahren nach dem gleichen Prinzipe. Herr Stöcker zeige doch einmal das Gegentheil. Und Hand auf's Herz, würde er selbst in dem Wettbewerb des Verkehrs nach andern Grundsätzen handeln? Würde er z. B. in dem Wettbewerb um einen Parlamentssitz oder eine Hofpredigerstclle znrücktreteu, wenn ein Mitbewerber, dem vielleicht besser bamit gedient wäre, sich einstellt? Wahrlich, es ist nicht wohlgelhan, sich uub die Geuoffen mit der Gloriole einer Idealität zu umgeben, um Andere in den Schatten zn stellen. WaS aber die Liebe und Brüderlichkeit, wie sie in Wahrheit von jedem Menschen gefordert werden kann, anbctrisft, so wagen wir noch die jüdische Liebe und Brüderlichkeit mit der von Christen und Konscrvativen bcthätigten zn vergleichen, wagen cs noch, da Herr Stöcker auch vom Judenthum spricht, dieses neben das Christenthum zu stellen. (Schluß folgt.) Mandelilngen. von Friedrich Nolt. (Nachdruck'verboten.) (Fortsetzung.) ״Sie haben Recht," erwiderte der Doktor nach einigen Minuten Schweigens, ״ich theile Ihre.Ansicht, daß jeder Mensch nur einmal zu lieben vermag. Aber ich liebe Sic, Tirza, mit aller Glnth eines aufrichtigen Herzens, wie ich nie zuvor einen Menschen geliebt habe, und wie ich nie einen andern lieben werde. — Wenn ich daher auch innig beklagen würde, daß Sie diese Gefühle nie erwidern können, so würde ich mich doch freudig mit Ihrer Achtung begnügen, wenn Sie mir dadurch ein Recht geben wollen, Ihnen meine Liebe widmen zu dürfen." ״Und glauben Sic denn in Wirklichkeit, durch eine Verbindung, bei der Sie so unendlich viel, und ich im Verhältnis leider so wenig ciltzusetzen vermöchte, glauben Sie Ihr Glück auch für die Dauer dadurch gesichert'?" ״Ich glaube es, Tirza, ich bin überzeugt davon. Denn eben Ihre ausrichtige Zärtlichkeit für Ihren ver- .storbenen Gatten hat mir zuerst einen Einblick gewährt in Ihr reines, cdeles Herz. — Würden Ihre Gefühle einem Lebenden gelten — und würde das Weltmeer Sie von ihm trennen, ich würde nicht um Ihre Hand werben — doch gegen den Verstorbenen empfinde ich keinerlei Eifersucht. — Ihre. Erinnerung an ihn wird mir heilig sein, nie werde ich Sie in derselben stören. — Darf ich hoffen. Tirza?" Noch einem Augenblick zögerte sie, dann aber reichte sie ihm vertrauensvoll ihre Hand. ״Wenn Sie denn in Wirklichkeit glauben, Ihr Glück dadurch zu begründen, so will ich mit allen meinen Kräften streben, es ausrecht zu erhalten." Mit leidenschaftlicher Glnth preßte Werner die schmale weiße Hand an seine Lippen. ״Dank, Tirza, D.rnk! Sie machen mich zum glücklichsten Menschen, aber Sie werden cS nimmer bereuen." ״DaS fürchte ich auch nicht," erwiderte sie leicht erröthcnd, ״aber möchten nun auch Sie es nimmer bereuen." Er schlang seinen Arm um sic und zog sie näher an sich, sie widerstrebte nicht, zuckte jedoch leicht zusammcn. Fast erschrocken zog er seine Hand zurück. Sic lehnte den Kopf an seine Schulter und ergriff seine Hand. ״Sie müssen Nachsicht mit mir haben, Werner, nnd müssen nicht jede Bewegung deuten wollen und eben dadurch mißdeuten. Ich habe Ihren Antrag gern nnd freudig angenommen und das Bedenken, dessen i ich vorhin erwähnte, war das einzige."

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