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Jeschurun · 1886-04-15 · Heft 15-16 (15.4.1886) · p. 229

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 15-16 (15.4.1886)
Article
Stöcker, die Juden und die Anarchie
Date
1886-04-15
Page
229 (sequence 2)
Language
German
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229 die Gewalt endlich zu überwinden, der die Wahrheit endlich über die Lüge trinmphiren läßt, der der schwachen Unschuld starker Hort ist. Weder Stöcker und Hammerstein, noch die Antisemiten der verschiedenen Schattirungcn werden sich durch uns in ihrem erbitterten Kampfe umstinlmcn lassen. (Line Studie über die Stöcker'sche Kundgebung kann darum nur den Zweck haben, diesen Kamps in seinen Motiven und seiner Taktik zu be leuchten. Der erste Stöcker'sche Satz stellt den Konservativen die Juden gegenüber, Jene in dem Heiligenschein der selbstlosesten Liebe und der aufopferungsvollsten Brüderlichkcit, dem Grundsätze ״Einer für,Alle und Alle für Einen" huldigend, Diese zu dieser Lichterscheinnng die dunkle Folie bildend. Und weil dem also ist, darum einzig und allein steht Herr Stöcker in der antijüdischen Bewegung; ״aus keinem andern Grunde", fügt er in nachdrücklichster Betonung hinzu. Wir könnten Herrn Stöcker die Bewcislast zuschieben für den Vordersatz, er hätte nachznweiscn, wo, wann und wie die Konservativen sich als so ausbündige Tngcudhcldcn bewährt, wo, waitn und wie sie der Welt den erhebenden Anblick dieser engelhaften Liebe und unvergleichlichen Brüderlichkeit dargcboten? Wir könnten ihn inSbcsondcrS auffordern, doch des Nähern darzuthun, wo, wann und wie sic diese erhabene Tugend ״in dem Wettbewerb des Verkehrs״, für welchen er sic ganz speziell Namens der Konservativen in Anspruch nimmt, mustergültig bis jetzt bcthätigt haben? Es ist jedoch nicht unsere Sache, an dem durch Herrn Stöcker lorberqcschmückten Haupte der Konservativen ein Blatt-- chen zu knicken; wir können uns darauf beschränken, unsere bedauerliche Unwissenheit im Punkte der Kenntnis; dieser den Konservativen zugcschriebenen nachahmungSwürdige» Tugenden cinzngesteheu und zu bekennen, daß wir in der Haltung, welche Herr Stöcker gegen die Juden beobachtet, von denselben viel eher das Gegentheil zu entdecken bcdauerlichst Beranlassung haben. Sollten aber in der That die Koliservativen eine so bewunderungswürdige Eharaktcrgröße besitzen, daß sic auch im Wettbewerb des Verkehrs lediglich an des Andern und der Gcsammtheit Vorthcil denken und den eigenen hintcnansctzen, so neigen wir in Ehrfurcht vor solcher imponirendcn Selbstlosigkeit daö Haupt. Wir wollen uns demgemäß auch bescheiden und Herr» Stöcker, der solch hohes Lob von der konservativen Partei so laut verkündet, auf's Wort glauben, ׳denn er behauptet cS ja, und er ist ein chrenwerther Mann, der, selbst ein Konservativer, cS genau wissen muß. Welch ein entzückendes Bild tritt vor unser Auge! DaS hehre Ideal einer fast überirdischen Vollkommenheit ist bereits verwirklicht, und wir erblicken diese Verkörperung nicht in einer einzelnen Persönlichkeit, — etwa in dem obersten Haupte der Konservativen, dem vom Heiligenschein umgebenen Stöcker, — nein, die ganze, große, ansehnliche und einflußreiche Partei der Konservativen in allen ihren Gliedern ist nichts Anderes als eine heilige Gcincindesidealcr Menschen, welche, frei von allen irdischen Gelüsten, ihr ganzes Dasein in allen seinen Acußcrungcn ausschließlich in den Dienst der selbstvergessenster Menschenliebe stellen. ״Alle für Einen und Einer fün Alle", das ist ihre Devise auch für dcn ״Wettbewerb des Verkehrs״. Der konservative Grundbesitzer läßt seine Aecker nicht für sich bestellen, bewahre, er weiht den reichen Erntcscgcn allen seinen Mitmenschen und gestattet dann sich selbst nur das Nothdürftigste, gerade hillreichend, um der schönen Seele irdische Hülle zu erhalten, aber bei Leibe nicht mehr. Sein Biehstand, seine WaldcSgründe, seine Teiche, seine Schlösser — nicht ihm dienen sie, nein, den. Menschenbrüdern stellt er Alles, Alles zur Verfügung. Er kleidet sich und die Seinen nicht in kostbare Gewänder, fährt nicht in Karossen, wohnt nicht in Palästen, ergötzt sich nicht an Gelagen, nein, er ist über jegliche selbstsüchtige Regung erhaben, er trägt dasselbe Gewand wie der; Arbeiter, wohnt in derselben Hütte, nährt sich von der-! selben Kost wie dieser. Der konservative Kaufmann i lind GewcrbSniann arbeitet nicht für sich. Kommt am Morgen Jemand in seine Verkaufs- oder Arbeitsstätte, um bei ihnl etwas zu kaufen oder zu bestellen, so spricht.er: ich habe gestern bereits einen kleinen Uebcrschliß am nothwcndigen täglichen Bedarf erworben, der noch für den heutigen Tag genügt, aber mein Nachbar war nicht so glücklich; Lieber, gehe doch zu meinem Nachbar nlld Menschenbrnder und trage ihm ben Verdienst zu. denn das Prinzip meines Lebens auch im Wettbewerb des Verkehrs ist ״Einer für dcn Andern." So wäre denn das Paradies auf Erden zurückgekehrt, kein Neid, keine Mißgunst, kein Hader, keine Lieblosigkeit, sondern die lauterste Liebe und die innigste Brüderlichkeit herrschen in dem Wettbewerb des BetkchrS der Konservativen, iinb cS branchlcn mit Alle sich zur konservativen Partei zu bekennen, so würde das goldene Zeitalter auf Erden au brechen. Da wären cs vor Allem die verstockten, Habgierigeil, eigensüchtigen Inden, welche einer solchen Glückseligkeit widerstrebten lind deshalb die antijüdische Bewegung, und einzig und allein deshalb Herr Stöcker in der Mitte dieser antijüdischen Bewegung?? Nein, und aberinals nein! Der konservative Grundbesitzer, Kaufmann und Handwerker ist ein Menschwie jeder Ändere. Er arbeitet und erwirbt wie jeder Andere zunächst für sich und die Seinen, und seine Liebe erstreckt sich nicht weiter, als daß er von dem

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