Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1886)
- Article
- Stöcker, die Juden und die Anarchie
- Date
- 1886-04-08
- Page
- 210 (sequence 2)
- Language
- German
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deutscher Nation vor dein Angesichte der Wett ein Zeugnis; wider uns abgelegt wird, welches das Todesurtheil über uuscre Ehre und Existenzberechtigung ausspricht, daun dürfen wir ein solches Zeuguiß nicht in die Annalen der Geschichte eintragen lassen, ohne dagegen öffentlich feierlich und förmlich Verwahrung einzulegen. Der deutsche Reichstag ist ein anderes Forum als die Bierbank der Vockbraucrci, und wenn auch der Redner derselbe ist, so haben doch die von der Reichstagstribnuc zu den Vertretern des deutschen Volkes gesprochcnen Worte eine andere Vedcniung als die Aposlrophirung einer bierdustcnden antisemitischen Abendgcsellschaft. Nicht der Hofprediger 1111b nicht der Faiseur der jndenfeindtichcn Bewegung sprach am 30. März in der sicbcnundsiebzigstcn Plenarsitzung des deutschen Reichstags, — einer der Erkorenen dcS deutschen Volkes, der Vertreter der deutschen Stadt Siegen, der Reichs-- tag Sab geordnete St öckcr war es, welcher in seiner laugen Rede auch der Juden und deS JudenthumS gedachte und über sie sein verfallendes Urtheil abgab. Herr Stöcker erachtete nämlich die Tribüne deS deutschen Reichstags gerade für würdig genug, um der Welt kund und zu wissen zu geben, anö welchem Grunde er ״in der antisemitischen Bewegung stehe." Und gewiß konnte daS von den Seiuigen verehrte und augejubclte Oberhaupt der AutiscinitischEhristlich- Sozialen keine erhabenere Stätte für diese, nächtige Enthüllung wählen. Denn das hier verkündete Wort reicht weiter und ist viel gewichtiger, als das in den Schenklokalcu gesprochene, und in bcm Votlbewnßtscin seiner Persönlichkeit, die in der Zeitgeschichte gewiß nicht der Vergessenheit auheimfalleu wird, mußte cS ihm darum zu thun sein, für diese Erklärung, die seilte Wirksamkeit in ihrem Beweggründe rechtfertigen sollte, den allerwürdigsteu Ort im Reiche zn erkiesen, von welchem aus er in der Tribuneuwürde und unter der Weihe der Uitverletzlichkeit seines Herzens tiefste Gründe aller Welt osseubaren wollte. Und eö war auch ein dedeutender, ernster Moment 'in der Geschichte des dentscheu Reichstags und unserer Zeit überhaupt, den er für diese Kundgebung erwählte. In dem Augenblicke, in welchem daS entsetzliche Schauspiel auf belgischem Boden sich darbietet, daß die anarchistischen Wühlereien eine Arbeiterbevölkerung zur offenen Empörung aufgcstachclt, und der Gluthschein in Rauch ausgehender Stätten menschlichen Fleißes und der Dampf der die Aufrührer niederstrcckeudeu Gewehre über die Grenze hinaus den Horizont färben, ist das Parlament in ernster Berathnng begriffen, ob und welche Mittel in Anwendung zu bringen wären, um bcm Geist der Anarchie in deutschen Landen ein starkes Bollwerk cutgegeuzustellen. Da erhebt sich der AbgeorvnetL Stöcker und spricht zu der erregten Volks- Vertretung von den Inden und dem Iudenthum: ״Wir wollen die Ueberspannung deS EigcnthnntSbegriffS nicht; wir wollen, daß wieder mehr der Grundsatz ,Einer für Alle* und ,Alle für Einen* auch in den Wettberverb des Verkehrs übergeht. Deshalb stehe ich in der antijüdischcn Bewegung; anö keinem andern Grunde." lind er fährt weiter auSsührcnd fort: ״Auf der Seite deS JudenthumS ist der Kapitalismus bis zur absoluten Unerträglichkeit gewachsen, die Millionäre und Milliardäre, die eS im Iudenthum giebt, sind besonders bei der religiösen Verschiedenheit, bei der Minorität der Juden, ungesunde Erschcinungen für daS öffentliche Leben. Aber, meine Herren, dagegen würde ich nie ausgetreten sein, eS liegt daö gar nicht in meiner Art zu denken. Aber wenn nun zugleich aus dem Judenthume diese s ch ü rc u de u, a u f h e tz e n d e u, rev o l u t i o u ä r e n Kräfte kommen, die in der einen Hand den Kapitalismus, in der andern den Umsturz, durch beides daö Volk verwüsten, daS ist etwas, was keine Nation ertragen kann, daü ist eine Perfi die deS öffentlichen Lebens, die gen Himmel schreit." Hub ferner: ״Die Juden haben überall in starkem Verhältniß eine Position eingenommen, daß sic die G r u n d l a g e 11 d e s B e st e h e u den beb r.0 h c n, sei es in der Sozialdemokratie, wo die Juden immer am radikalsten waren, sei eS in anderen Parteien, weiche die Grundlagen deS Staates, wenn auch nicht zerstören, doch erschüttern." So der NeichStagSabgcordnete Stöcker in dem Augenblicke, wo es sich darum handelte, den Gefahren des Anarchismus zu begegnen. Als vor achthundert Jahren das Volk zum Kampfe gegen die Musclmauneu, zur Befreiung des heiligen Landes entstammt werden sollten, da traten Priester und Ritter als Führer und Leiter der Kreuzzügler auf, aber bevor sic nach Palästina zogen, fielen sie im Namen des Glaubens über die Juden ihrer Hcimath her, welche sic als die ersten und ältesten Feinde dcS Glaubens in die Acht erklärten, sengten deren Häuser nieder, plünderten deren Habe und metzelten Männer, Frauen und Kinder. Heute gilt eS den Kampf gegen die Anarchie. Soll sich daS Schauspiel wiederholen, daß man die Juden als die eigentlichsten und vornehmsten Anarchisten auSgiebt und sie zunächst in die Acht erklär!? Waö ist es anders als eine solche Achterklärung, wenn von der Tribüne des Reichstags ״die Juden" zu Anarchisten gestempelt werden, wenn mau das Iudenthum als die Brutstätte der ״schürenden, aufhctzcuden, revolutionären Kräfte" bezeichnet, die ״das Volk verwüsten", die ״die