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Jeschurun · 1886-04-01 · Heft 13 (1.4.1886) · p. 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 13 (1.4.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-04-01
Page
200 (sequence 3)
Language
German
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200 nicht auf die nackte Erde, sondern aus einen menschj lichen Körper. ״Herr du mein Gott!" schrie er, indem er sich - auszuraffen bemühte. Die Andern eilten herbei und der Schein der ' Laterne fiel auf daS furchtbar entstellic, mit bereits getrocknetem Blut bedeckte Antlitz des Löwcnwirthcs, dessen allem Anscheine nach lebloser Körper au der Seite der Mauer lag. Ein Balken, den vermuthlich der am )Nachmittag wüthende Sturm losgelöst hatte, lag aus seinem rechten Arm und schien denselben zcrschmettert zn haben. Doch hatte der fallende Balken auch das Haupt des Unglücklichen gestreift, aus einer Stiruwundc war Blut geflossen, das bereits vertrocknet, das Antlitz bedeckte. Im ersten Moment starr vor Entsetzen, doch schon im nächsten mit voller Ueberleguug handelnd, bemühte sich Tirza vor Allem, mit ihren Leuten möglichft be-- hutsain den Balken von dem Unglücklichen zn entfernen. Dann sandte sie schleunigst zum Arzt, ließ gleichzeitig ein Ruhebett in den Hof bringen, um auf demselben den Verwundeten in das HauS zn tranSportircn. Mit größter Vorsicht, Tirza selbst hielt den mehrfach gebrochcnen Arm, hoben sic ihn auf das Bett und ein leises Stöhnen, das bei dieser Gelegenheit seiner Brust j sich entrang, war das einzige Zeichen, daß das Leben! noch nicht entflohen. | Tirza gebot ihren Leuten die größte Behutsamkeit,! damit die unglückliche Frau des Wirthes wenigstens , in dieser einen Nacht von dem neuen Unglück, daß sie betroffen, in Unkeuntniß bliebe. Ihn selbst ließ sie in ein Zinnuer. tragen, das von dem ihrer Schwiegermutter möglichst entfernt war. Der Arzt war erschienen. Er hatte die Vcrletznngcn untersucht, hatte die Stiruwundc verbunden und das geronnene Blut von dem Antlitze entfernt-, Tirza erschien cS jetzt weit weniger entstellt, angstvoll fragend schaute sie auf den Arzt, doch dieser vermied cs, ihren: Blick zu begegnen. ״Herr Doktor," flüsterte sie endlich, ״wie finden Sie den Vater?" Der Arzt zuckte die Achseln, indcin er einige unverständliche Worte murmelte.! ״Um Gotteswillen, Herr Doktor! — Verschweigen Sie mir nichts — was —" Die Sprache versagte ihr, wie im Ficbcrsrost schlugen ihre Zähne aneinander, sie schien einer Ohnmacht nahe. Erschreckt eilte Doktor Werner, sic zu stützen. Sic muffen sich niederlegen, Frau Müllcr, Sic dürfen Ihre Erschöpfung nicht noch vergrößern, — Sie werden Ihre strafte in den nächsten Tagen gebrauchen." ״Ist denn keine Hülfe möglich?" stannnclte sie, keine?" Er schüttelte traurig den Kopf. ״Die edelsten Thcilc sind verletzt — ich glaube kaum, daß das Bewnßtscin zurückkchrcn wird." Ein halbunterdrückter Schrei entfuhr ihren Lippen, kraftlos sank sie in einen Sessel und barg das zuckende Antlitz in den Händen. Doch bald raffte sie sich wieder empor, neigte sich über den Verwundeten und harrte in heißep: brünstigen Gebet an seinem Bette. Lautlose Stille herrschte im Zimmer, eine Stunde mochte vergangen sein, der Doktor hatte cs nicht gewagt, die Betende auch nur mit einem Worte zu unterbrechen. Beobachtend weilte sein Blick auf dem Antlitze des Kranken, doch von Zeit zn Zeit glitt er auch über die herrliche Gestalt der jungen Frau, die, das Angesicht in den Händen bergend, das schön geformte Haupt an die Bcttwand lehnte. WaS hätte er darum gegeben, hätte er das Recht gehabt, rathend und stützend ihr zur Seite zu stehen. — Doch was tonnte er für sie thnn? — sie hatte ihn zurückgewiesen. Ein Seufzer entrang sich hörbar seiner Brust. Sie stihr ans, was war geschehen? — mit verstörten Blicken schaute sie um sich. ״Beruhigen Sie sich," bat der Arzt, ״es ist noch keine Veränderung cingetreten." j Sie neigte sich über das Bett. ״Doch," flüsterte! sie, ״doch — die Augenlider zucken." | Auch der Arzt nahm dieses jetzt wahr. Mit ge-! spannten Blicken, mit angchaltcncm Athen: harrten , Beide des Konnnendcn. Das Zucken der Augenlider dauerte fort und auch die Finger der linken Hand bewegten sich. ..Herr Müller!" rief - der Doktor, sich zu ihm beugend. Die Augen des Verwundeten öffneten sich langsam, sein Blick siel ans die au seinem Bette Stehenden. ״Vater, lieber Vater," flüsterte Tirza und zog die :!!:verletzte Hand desselben an ihre Lippen. Ein Blick unaussprechlicher Liebe lohnte ihr. ״Gottes Segen!" — stannnclte er. Dann blickte er auf den Arzt unverwandt mehrere Minuten, als wolle er eine Bitte an ihn richten. ״Beistehcn!" nuirmelte er endlich mit sichtlicher Anstrengung, ״heirathen!" Das Blut schoß dem Doktor in das Angesicht, das Herz pochte hörbar in seiner Brust, 'doch er wandte sich nicht zn der jungen Frau, die der Sterbende seinem Schutze besohlen, seine ganze Ansn:erksan:keit blieb diesem zngewcndet. (Fortsetzung folgt.)

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