Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-04-01
- Page
- 199 (sequence 2)
- Language
- German
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199 Mannigfache Anträge waren der jungen noch immer bildschönen Wittwe geworden, doch ohne sich zn besinnen, hatte sie einen Jeden zurückgewicsen. Allen Ansprüchen auf persönliches Gluck hatte sic entsagt, und sie wollte sich nicht trennen von Denen, für die zu sorgen sie als die Aufgabe ihres Lebens betrachtete. Nach solchen Gelegenheiten pflegte der Löwenwirth ihr die Wangen zu streicheln, sie sein Eines und sein Alles zu nennen, und dann fühlte Tirza sich überreich delohnt. Auch Doktor Werner, jener Arzt, der sie während ihrer Krankheit behandelt, und der seit jener Zeit ein täglicher Besucher des Gasthofes geworden war, hatte der schönen Frau zn tief in die dnnkelen Augen geschaut und hatte ihr erst in jüngster Zeit Herz und Hand angebotcn. Bei diesem Anträge war cs zum ersten Mal, daß ihr Schwiegervater sic dringend gebeten hatte, an ihr Glück, an ihre Zukunft zu denken und nicht nur fort und fort an die Pflege der alten Leute. Doktor Werner wäre ein so braver und Pflichtgetreuer Mann, und liebe sie so aufrichtig, daß er in ihm einen würdigen Nachfolger seines Sohnes erblicken würde. Doch Tirza schüttelte den Kopf, so wie sie ihren Max geliebt hatte, konnte sic nimmer wieder lieben, nur für sein Kind und sür seine Eltern wollte sie auch ferner leben. Im Herzen froh, doch mit mißbilligenden Kopfschütteln vernahm der Löwenwirth diese Antwort, doch der Doktor mied seit jenem Tage das HanS. ES war an einem Sabbathnachmittage im April dcS JahreS 1870. Bor vier Jahren um diese Zeit hatte der Löwenwirth den erwähnten Neubau begonnen. In schmerzlicher Erinnerung versunken durchschritt der unglückselige Mann den inncrn Hof, längs der nnvollendeten Mauern auf- und niederwandelnd. ES war ein rauher, stürmischer Tag, hänlend fuhr der Wind durch die Bäume dcS nahen Gartens, tief zur Erde beugten sich ihre Kronen, um im nächsten Moment wieder empor zu schnellen. -Hin und wieder löste sich ein Stein von dem unvollmdeten Maucrwerk und siel prasselnd zu den Füßen des alten Mannes nieder, der jedoch weder dieses noch das Toben der Elemente zu gewahren schien. Tirza weilte indessen in dem Stübchen der alten Frau. Sie nutzte die Sabbathrnhe, um der Blinden ans deren Lieblingsbüchern, den Psalmen und ״der leuchtenden Lampe" vorzulesen. Der kleine Karl saß zn den Füßen seiner Großmutter, die, den Worten der jungen Frau aufmerksam lauschend, ihre zitternden Finger liebkosend durch die lockigen Haare des Kindes gleiten ließ. Dämmerung brach herein, Tirza mußte ihre Lektüre unterbrochen. ״Dank Dir, meine liebe Tochter," sprach die alte Frau, der sanften Vorleserin freundlich zunickend, ״Du wirst gewiß viele Freuden an Deinem Kinde erleben für all das Gute, das Du uns Alten erweisest. Aber schau doch einmal her, wie seltsam!" ״Was findest Du seltsam, liebe Mutter?" sprach Tirza, näher tretend. ״WaS hat das Kind da ini Nacken? Da — hier — unmittelbar unter den Haaren?" ״DaS ist ein braunes, ungefähr bohnengroßeö Muttermal, hast Du daS noch nie an ihm wahrgenommen?" ״Nie," cntgegnete die Blinde. ״Aber seltsam ist cS, der Batcr hat an derselben Stelle ganz dasselbe Mal und Moritz hatte es ebenfalls. Aber Max hatte nie etwas AehuticheS." ״So hat Karl cs direkt von seinem Großvater geerbt," erwiderte Tirza. ״Aber er ist schläfrig, der kleine Kerl, ich will ihn zn Bette bringen, inzwischen wird eS wohl Nacht geworden sein." Sie nahm den in Wirklichkeit müden Kleinen in ihre Arme und trug ihn in ein anstoßendes Zimmer, ihn dort zn entkleiden und in's Bett zn legen. Als sie wieder zurück kam, war eS bereits vollständig dunkel geworden. ״Ist der Vater noch nicht ans der Synagoge gekommen?" fragte sie. ״Ich weiß es nicht," erwiderte die Blinde, ״hier herein ist er nicht gekommen." Tirza begab sich hinaus, die Hanslente nach ihrem Schwiegervater zn fragen, Niemand hatte ihn gesehen, schon seit vielen Stunden nicht. Nur Einer erinnerte sich, ihn im Vaufc dcS Nachmittags in den! inner» Hofraum auf- und niedcrwandeln gesehen zn haben. ״Bei diese!» stürmischen Wetter!" rief Tirza erschreckt. Eine unheimliche Ahnung durchzuckte ihr Herz. Nasch zündete sie eine Laterne an, befahl einigen der Kellner, ihr zu folgen und eilte hinunter in den Hof, den Lieblingsanfenthalt ihres Schwiegervaters. Laut rief sic dessen Namen, doch ihr ward keine Antwort. Das Heulen dcS Windes nbertönte ihre Stimme, das flackernde Licht in der Laterne erlosch. Einer der Leute begab sich zurück in daS Hans, cs auf's Nene zn entzünden, und nun durchschritten sie forschend den weiten, winkeligen Hofraum, die unfertigen Mauern entlang zwischen den Sand- und Steinhaufen. Tirza athinete erleichtert ans, sie hatte das Entsetzlichste gefürchtet. ״Gott sei Dank, daß ich mich getäuscht." Daeben im Begriff in daS-HanS znrückzukehrcn, stolperte einer der Kellner über einen Balken und fiel,