Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1886)
- Article
- Die Vorbereitung zum Feste der Erlösung
- Date
- 1886-04-01
- Page
- 195 (sequence 3)
- Language
- German
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195 Das ist die Vorbereitung für das Fest unserer j Befreiung, das mit jedem Lenze uuS grüßt. Wie! trübe auch immer daS äußere Geschick war, das Israel zu tragen hatte, wie sehr cS auch gesunken sein mochte; von der Höhe seiner sittlichen Vollendung, wie weit cS auch auf seiner Bahn sich entfernt hatte von seinem Gotte, wie dunkel und düster eS in seinen inneren und äußeren Beziehungen auch immer erschien — der dritte und der vierte Adar-Sabbath haben in ihm stets auf's Neue das Bewußtsein der ט הרה und בפרה belebt und es vorbereitet, daS Pcßach zu ׳begehen. Es hat sich stets wiederum zur Reinheit, zum Lichte und zum Lenze cmporgerungcu und ist der freieste und glücklichste MenschenkreiS geblieben, weil eS immer wiederum sich gefühlt hat als daS .,Lamm der GotteSweide". Wie trübe darum in der Gegenwart auch immer sich unsere äußeren und inneren Berhültnissc darstelleu mögen, wir schauen freudigen Herzens dem Lenze entgegen, der in uns den Lenz erneuert, der uns das Fest der Freiheit bringt. Wir wissen, daß nicht uns allein der Lenz grüßt, wissen, daß dereinst der Lenz allen Menschenkreisen cntgegenlücheln wird, daß einst der Morgen anbrcchcn wird für die gcsammtc Menschheit, die mit uns sich frei gemacht haben wird aus den Banden der טומאה, und בפרה erlangt hat für die Vergangenheit, die sich mit unS begreifen wird als ,צאן מרעיתו ״als die GottcSheerdc", und dann mit unS der endlichen גאולה, der endlichen Erlösung und wahrhaftigen Freiheit theilhastig werden wird. Das uom ll.Mch 1812 (Fortsetzung.) Nach dieser Arbeit ruhte die Angelegenheit still in der Registratur. Der Staatskanzler hatte zu viel andere Dinge zu erledigen, als daß die Inden nicht warten sollten. Ist doch nicht nur vor siebzig Jahren, sondern auch später gewohnte Praxis, ״Judensacheu" zuletzt, zu allerletzt, wenn sonst gar nichts vorliegt, zu behandeln. Gehören doch diese meistens zum Dezernat des jeweilig jüngsten Raths und werden auch hier als daS Aschenbrödel Gehandelt, so daß er deren Erledigung bei einem baldigst ersehnten Aufrücken gern als Erbschaft seinem Nachfolger hinterläßt. So bildet eine ״Indensache" häufig ein altes verdrießliches Inveutarstück in dein NegierungSbürcau, das hin-- und hcrgeschoben, aber nur langsam von der Stelle kommt. Es gab nun allerdings vor siebzig Jahren in Preußen viel zu thun, und mau würde Hardenberg wirklich Unrecht thun, wollte mau i hm die Verschleppung der auf's Neue angeregten Frage zum Vorwurf machen. Es bedurfte wiederum äußerer Anregungen, um die Sache in Fluß zu bringen. Diese kamen von vcrschicdcncu Seiten. Da waren die ehrenfesten Stünde des LcbuS'schcn, Starkow'schen und BceSkow'schcn Kreises, welche für den Staat die schwersten Befürchtungen hegten, falls den Juden das Joch gelockert werden würde. Sic beklagten, daß ״das ehrliche, brandcnburgijche Preußen ein neumodischer Iudcustaat werden solle." Da frug das OberlandcSgcricht zu Stettin an, ob Juden jetzt bäuerliche Grnndstückc ohne besonderu Konsens erwerben dürften. Außerdem häuften sich die Beschwerden und Klagen von jüdischer Seite. Der Magistrat von Grüuebcrg machte dem Jakob Hertz Beer daS EigenthnmSrecht eines ihm gerichtlich zugesprochcncn Hauses streitig, weil er Jude war, und vermiethetc eS eigenmächtig. Abraham Schlesinger in Glogau beschwerte sich darüber, daß der Magistrat ihm verboten habe, sich eine Wohnung nach seinem eigenen Ermessen zu wählen und zwar aus dem Grunde, ״um den christlichen Einwohnern ihre Rechte zu erhalten (!)" Jüdische Gemeinden klagten über die Ünerschwinglichkeitcn der Abgaben. ״ES gab in der schweren Zeit," schreibt Stcrn, ״Rückstände von Schutz-, Silber-, Kalender-, Nckrutengeldcrn 1t. s. w.; konnte nicht gezahlt werden, so drohten Exekution und Aus- Pfändung." Die Gemeinde in Frankfurt a. d. O. stellte in rührender Wehmnth vor, wie sic ״vielleicht die unglücklichste Iudenschaft in dem preußischen Staate sei." ״Von einigen und 60 Familien leben 14 von der Almosen lasse und nur 25 derselben sind int Stande, Abgaben zu tragen." Die Gemeinde zu Königsberg trug vor: ״die dringende Noth erlaubt uns nicht zu warten, bis die so sehnlich erbetene und so gewiß versprochene Reform ciutrilt." Die Berliner Juden beriefen sich auf ״die eiserne Nothwendigkcit", die eS ihnen unmöglich mache, die geforderten Leistungen zu entrichten, welche sie ״bloß als I nden" neben ״den bürgerlichen Abgaben" zu tragen hätten. In beweglichstcr Weise baten sic um Einstellung der von der kurmürkischcn Negierung augedrohtcn Exekution unb hofften ״für die schmachtenden jüdischen Untcrthanen" auf baldige Veröffentlichung des sehnlichst erwarteten neuen Ediktes. Die Gemeinde zu Brieg führte Klage über die ״ebenso bedeutende wie hcrabwürdigcude Abgäbe" des Leibzolls, den jeder von Bricg nach Breölan reisende Jude zu erlegen hatte. Da raffte sich endlich Hardenberg auf und schrieb am 13. Dezember 1611 an den Justizminister Kircheisen, er sei wegen GeschäftSüberhäufnng erst jetzt in der Lage, auf seine gewichtigen Bedenken vom 4. Februar zurückzukommen. Er halte cS für zweckmäßig, dieselben durch eine Besprechung zwischen zwei Vortragenden Rathen aus der Staatökanzlci und dem Justizministerium zur