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Jeschurun · 1886-03-25 · Heft 12 (25.3.1886) · p. 190

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 12 (25.3.1886)
Article
Erkannte Irrungen
Date
1886-03-25
Page
190 (sequence 1)
Language
German
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190 Er!!.!m!ltk Irrungen. Von Samuel Bert hold Rosner. (Alle Rechte vorbei dltc».) (Fortsetzung.) Obwohl nun Herr Doktor Friede lauter sehr fragwürdige und nichts weniger als ehrbare Interessen zu vertreten hatte, war er doch der meist beschäftigte Auwalt der Stadt. Worin dieser Umstand seine Erkläruug findet, das wird wohl Jeder bald einschen. So. viel aber erhellt aus dem Vorhergehenden zur Genüge, daß Herr Doktor Friede sich in die angenehme Lage versetzt sah, wegen stetigen UcberhauftseinS mit Arbeit, das Vergnügen der Billegiatur auf die zwei sengendsten Momente des Jahres, Juli, und August, beschränken zu müssen, und auch dann mußte er nur zu oft die schwüle Atmosphäre der Kanzlei aufsuchen, wenn besonders heikle Fälle vorkamen, die -seine persönliche Anwesenheit erforderten. Vorderhand ließ er cS sich ein Genüge sein, die Nächte auf seiner Villa zu verbringen. Im Abendschatten fuhr er in seiner eleganten Equipage hinaus, und in den Morgenstunden kam er wieder herein; TagS über aber lebte er ganz z seinen philantropischcn Lebenszielen: er verhalf den ן Betrügern zu ihren Forderungen, befreite die Diebe > aus den Gefängnissen und betrog den -Henker um! manchen Galgenvogel. ES gehörte aber kein geringer - Grad von Selbstbeherrschung dazu, sich freiwillig von! dem Genüsse eines solchen Eldorados auSzuschließcn, wie die Friedc'sche Villa eines darbot; sie war eine der schönsten Villen im ganzen ״Gebirge". Auf dem Gipfel eines langgestreckten, einige hundert Schuh hohen Hügels ragte sie stolz mit ihren von schlanken Säulen getragenen Giebeln in die Höhe. Ein sehr breiter, von Nadclhotzbäumcn eingefaßter KicSweg fiel von der imposanten marmornen Freitreppe bis an den Fuß des Hügels hinab, wo ein vergoldetes Eiscngittcr daö Terrain der Villa vom Wege absperrtc. Große Blumenanlagen, cingcrahmt mit Olcanderbänmeu und hohen Nosepsträtichen, aus denen glänzende Glaskugeln in allen Farben hiuauSragtcn, befanden sich vor der Villa auf der Frontseite, während an den Seiten und rückwärts ein weitläufiger Park mit - natürlichen Grotten und kleinen Wasserfällen sich auSdchute. In einer dieser Grotten lag auf einem blau-- seidenen Ruhebett hingcstreckt Hedwig Friede, die Tochter dcS HauscS. Es war um die zehnte VormittagSsrundc. Eine angenehnic ״Götterdämmerung" herrschte in der Grotte, und wenn man von draußen hcreiukam, wehte Einem sehr wohlthuend eine erfrischende Kühle entgegen. Ein leichtes crömcfarbigcS Morgenkleid schmiegte sich eng an ihre prächtigen Formen und ließ ihre Fülle in plastischen Umrissen hervortreten; auf einem nebenanstehenden Mosaiktischchen lag ein gelber Stroh- Hut mit einer unermeßlich breiten Krampe und auf einer Silbcrtassc befanden sich die irdischen Ucberreste eines Mahls. Fräulein Hedwig Friede laS in der AbendanSgabe dcS Lokalblattes. Plötzlich knirschten draußen elastische Schritte imKieS, und bald darauf erschien die hohe, edle Gestalt Nafacl's im Eingänge der Grotte. Er verneigte sich höflich, aber ohne die feierliche Steifheit der strengen Etikette; sein ganzes Auftreten verrieth, daß er zu dem noblen Hause in einem intim freundschaftlichen Verhältnisse stand. ״Bitte — bleiben Sie, bleiben Sic, Fräulein Hedwig," rief er, als das Fräulein zu seinem Empfange sich aufrichtcn wollte..... ״Jetzt fange ich an eS zu begreifen, warum die Künstler die Venus mit Vorliebe in liegender Stellung darstcllcn ... ״Ah — Sie fangen das Schmeicheln heute früh an." lachte Hedwig und streckte de!n Kommenden die Hand entgegen. Rafael bückte sich und küßte die zarte weiße Hand; er ließ die Lippen ziemlich lange auf derselben ruhen, und als er sich aufrichtete, lag ans seinen Wangen ein leichtes Roth. Er zog einen der kleinen blauseidencn Fauteuils, welche um daS Tischchen hcrnmstandcn, in die Nähe des Ruhebetts und setzte sich. ״Wissen Sie, mein Fräulein, was diese lauschige Grotte mir in den Sinn bringt?" ״Wer kann das wissen," sagte Hedwig, kokett mit einem ihrer glänzend schwarzen Zöpjc spielend. ״Bei einer so lebhaften Phantasie, wie der Ihrigen, pflegen die Gedanken so große Sprünge zu machen, daß eS dem Zuschauer recht schwindelig wird. Wenn ich Sie an die VennS erinnere. dazu ist doch jeder Kommentar überflüssig. ׳ Ich möchte wetten, daß dieses ar'ntsclige Loch sie an die großartigen Tcmpelgrotten zu Delhi gemahnt." ״Nicht errathen. Ich denke au das immense Glück der Alten und au ihre bärenhafte Unbcholfcnheit ihm gegenüber. O, wenn ich eine so einflußreiche Gönuerin am Olymp hätte, wie der hölzerne AeucaS, die ihm erst zu einem traulichen tüte-u-tote mit Dido in einer entlegenen Grotte verhalf und dann Papa ZeuS ersuchte, ein verjüngtes jüngstes Gericht von Blitz und Hagel zu beschecren, damit die Furcht sie recht nahe an einander bringe. Ach — wenn eS jetzt fürchterlich zu wettern anfangcn wollte.!" Hedwig lachte, und ihre Zähne blitzten, einganzcS Arsenal von den Bajonetten Amors, Rafael in die Augen. ״Und wenn die Rollen umgetauscht wären — wenn diesmal Dido so hölzern wäre, wie damals AeneaS —? Doch, was gehen uns die mythologischen Zeiten an — glauben Sie mir, wir finden genug des Unverständlichen und Unverständigen in unserer unmittelbaren Nähe. Da, sehen Sie einmal."

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