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Jeschurun · 1886-03-25 · Heft 12 (25.3.1886) · p. 184

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Journal
Jeschurun
Volume
19 (1886)
Issue
Heft 12 (25.3.1886)
Article
Wandelungen
Date
1886-03-25
Page
184 (sequence 3)
Language
German
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^184 und mit nie geeinter Macht ist diese unglückselige! Leidenschaft auf's Neue in mir erwacht.! Ich habe gekämpft, ich habe gerungen —! umsonst — ich kann nicht widerstehen. — Wollte ich es dennoch, ich würde nicht nur selbst unsäglich unglücklich werden — ich würde, was weit entsetzlichcr ist, ich würde Dich unsäglich elend machen. Darum lebe wohl, Bella! — Mögest Du recht bald so glücklich werden wie Du eS verdienst. Verachte mich, ich verdiene es — aber wenn cS Dir möglich ist, so verzeihe mir. M. M." Sie hatte das Schreiben längst zu Ende gelesen, aber noch immer starrte sie auf das unglückselige Blatt. -- War es denn wahr'? — konnte es wahr sein? — War cS denn in Wirklichkeit Martin's Hand, die das Entsetzliche geschrieben? — Und nochmals und aber׳ mals las sie die Zeilen. — Sic konnte nicht länger zweifeln — es war seine Schrift. — Sie war betrogen! — verschmäht von dem Manne ihrer Wahl, den sie so glühend, so unaussprechlich liebte. Noch immer starrte sie auf das S.yreibcn in ihrer׳ Hand, da begannen die Schristzcichcn auf demselben vor ihren Augen sich zu drehen — rascher, immer rascher, wie vom Wirbelwind gepcischt. — Und mit den Schriftzeichen drehte sich auch das Blatt — und das ganze Zimmer unaufhörlich im Kreise. Ein donnerndes Tosen wie das Brausen des wogenden Meeres tönte vor ihren Ohren, ein markerschütternder Schrei entfuhr ihren kippen und be■־ wnßtlos brach sie zusammen. * In dem Gasthof ״Zun! Löwen" in denn preußischen Städtchen O.... hatte sich in den verflossenen vier Jahren gar Manches geändert. Der Löwcnwirth, so nannte man den Besitzer des Gasthofes allgemein, hatte den Verlust seiner beiden Söhne nimmer verschmerzen können. Lange, lauge nach Beendigung des Krieges hatte er zwar noch auf die Wiederkehr seines zweiten Sohnes gehofft, dessen Tod nicht konstatirt war, hatte sich selbst zu überreden gesucht, die Wunderlust des scnrigcn, in jüngster Zeit jedoch häufig schwermüthigcn Jünglings habe ihn Hinausgetrieben in die weite Welt, und eines Tages werde er zurückkehreu frisch und wohlgcmuth. Doch als Jahr und Tag verging, ohne daß die geringste Nachricht von ihn! eintraf, da schwand seine Hoffnung mehr, und endlich thcilte auch er die Uebcrzeugung der Uebrigeu, daß and) Moritz in einer der Schlachten gefallen. — Der ehedem so frische, lcbensfrohe Mann brach mit dieser Ueberzeugung mehr und mehr zusammen. In gewisser Beziehung hatte allerdings das schwere Unglück, das ihn getroffen, einen wohlthätigen Einfluß auf ihn geübt. Der Löwenwirth hatte zwar stets als religiöser Mann gegolten, selbst die Gesctzestreuen konnten mit voller Beruhigung au seinem Tische speisen, denn seine Frau war in Wirklichkeit eine ernst fronime Jüdin. Trotzdein war es nie gelungen, ihn zur wirklichcu Heiligung des Sabbaths zu bewegen. Zwar persönlich erlaubte er sich am Sabbath keinerlei verbotcne Thätigkeit, doch seine, allerdings nichtjüdischen Dienst!ente, arbeiteten wie gewöhnlich, nahmen Geld ein wie gewöhnlich re. Vergebens hatte auch sein ältester Sohn, ein streng religiöser junger Mann, ihn wiederholt zu veranlassen sich bemüht, er möge mit dem nichtjüdischen Oberkellner einen Vertrag schließen in der Weise, daß demselben der volle Verdienst der Sabbatheinnahmc anheimfalle. Der Löwenwirth hatte nichts davon hören wollen, hatte behauptet, das wäre der gerade Weg zum Ruin. Gott würde ihm die kleine Sünde schon verzeihen um der vielen Almosen willen, die er Jahr ein Jahr aus gebe. Doch als nun die Kunde von seines ältesten Sohnes Tod gerade an einen Sabbath ihn getroffen, da hatte zu dem quälenden Schmerz um bcu Verlust des besten Sohnes, die noch qualvollere Nene um seine bisherige Sabbalhentweihnng sich gesellt, denn er lebte der festen Ueberzeugung, daß er selbst durch seinen langjährigen Frevel das entsetzliche Unglück heraufbcschworcn hatte. Gleich nach den sieben Trauertagcn schloß er mit dem Oberkellner einen Vertrag, wie der Verstorbene cs so oft gewünscht hatte. Und seltsam, statt, wie er ehedem behauptet hatte, den Weg zum Nnin dadurch anzubahnen, blühte sein Geschäft nur um so mehr. Aber der unglückliche Mann hatte keine Freude daran, im Gegcntheil, seine Nene ward dadurch nur um so nagender. Anfang Frühling des Jahres!866 hatte er einen Neubau, einen Seitenflügel zum Hauptgebäude bildend, in Angriff genommen. Wieder hatte sein ältester Sohn ihn wiederholt gebeten, er möge die Arbeit am Sabbath einstcllen. Lachend hatte der Vater ihn einen unpraktischen Narren geheißen und hatte sich gefreut an dein raschen Wachsen seiner Mauern. Bei Beginn des Krieges hatte der Bau ans Mangel an Arbeitskräften sistirt werden müssen. Doch als nun nach dein Friedensschlnß Alles heimkehrte, nur seine Söhne nicht, da hatte der ehedem so unternehmungssrcudige Mann alle Lust zum Bauen verloren. ״Wenn der Moritz heimkommt, mag er'S vollenden." Doch der Moritz kam nicht. (Forschung folgt.)

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