Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 12 (25.3.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-03-25
- Page
- 183 (sequence 2)
- Language
- German
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183 ..Das freut mich — das ist mir lieb — daS wird ein großer Trost für Dich sein." Er blickte sie seltsam an. ,.Aber Bella, warum bist Du hier heraus gekommen? — Was werden die Leute denken, wenn man Dich um diese Zeit aus meinem Zimmer kommen sieht?" ״Was kümmert das mich?" ״Aber mich muß es kümmern. Bella, liebe Bella," fuhr er fort, und seine Stimme bebte, ״geh' hinunter — ich kann es nicht verantworten, Dich hier anszu halten." Er bot ihr die Hand, sie ergriff sie und blickte mit ihren großen, wunderbar schönen Augen zu ihm ans, als wolle sie bis in das Innerste seiner Seele schauen; er war nicht im Stande, diesen Blick zu ertragen. ״Gute Nacht, Bella — meine liebe, liebe Bella, gute Nacht!" Es lag etwas in dem Ton seiner Stimme, das sie bis in das Innerste ihres Herzens ergriff, es war ihr, als sollte sie diese Stimme nimmer wieder vernehmen, und in Thränen ansbrechend warf sie sich an seine Brust. Er fragte nicht, warum sie weinte, that jedoch sein Möglichstes, sie zu beschwichtigen, wie man ein Kind zu beschwichtigen sucht. Er strich ihr die schweren Locken ans der klaren Stiirn und küßte die Thränen von den blassen Wangen- Aber seine Hände und seine Lippen waren kalt, eiskalt — ihr schauderte. ״Ich will Dich hinunter führen, Bella, Du darfst hier nicht länger weilen." Er zog ihren Arm in den seinen und geleitete sie die Stiegen hinunter bis zu dem Zimmer-ihrer Mutter. ״Gute Nacht, Bella, schlafe wohl!" ״Gute Nacht, Martin! suche auch Du zu ruhen. Wirst Du schlafen können?" ״Ich hoffe es," erwiderte er, den Blick zu Boden senkend. Dann neigte er sich zu ihr, berührte mit seinen kalten Lippen ihre Stirn und schritt hastig die Stiegen wieder hinan. In der Mitte derselben hielt er an und wandte sich nochmals nach ihr um. Da stand sie noch und schaute zu ihm hinauf in unaussprechlicher Liebe und Besorgniß. Er winkte ihr grüßend mit erzivniigenem Lächeln, dann eilte er in sein Zimmer. ״Elender!" murmelte er, die gebgll.te Faust an die Stirn pressend. ״Elender! — sie ist ein Engel. — Aber ich kann nicht anders — ich kann nicht! —" Frau von Merten war während der Abwesenheit ihrer Tochter nicht erwacht, ruhig schlummerte sie fort, und auch Bella begab sich zur Ruhe. Sie sehnte sich zu schlafen, sie drückte die Hand an die Schläfen, als könne sie so die sie quälenden Gedanken verscheuchen. ״Nur nicht denken — " flüsterte sie, ״nur nicht denken." Doch Martin's Zimmer lag unmittelbar über dem ihren, und in der Stille der Nacht vernahm sie, wie er mit unruhigen, hastigen Schritten in seinem Zimmer auf und nieder wandelte. — Stunden vergingen, der Schlummer floh ihr heißes, müdes Auge, unaufhörlich vernahm sie die Schritte über sich; und banger, immer banger zog sich ihr das Herz zusammen. Endlich gegen Morgen siegte ihre Erschöpfung, sie schlief ein. Sie schlief unruhig, aber lange, die Sonne war schon hoch am Himmel, als sie erwachte. Erschrocken, als habe sie durch die verlängerte Morgenruhe eine Pflicht verabsäumt, sprang sie auf, hastig kleidete sie sich an, um sich in das gegenüberliegende Zimmer zu begeben. Als sie den Korridor erreichte, trat ihr der alte Jean, der langjährige Diener ihrer Familie, entgegen und überreichte ihr ein kouvertirles Schreiben. ״Herr von Mnhler hat mir befohlen, dem gnädigen Fräulein dieses zu übergeben, doch nicht in Gegenwart der gnädigen Frau." ״Herr von Mühler?" wiederholte Bella erstaunt, ״wo ist er denn?" ״Wissen das gnädige Fräulein nicht, daß -er heute Morgen mit dem Frühzuge abgereisl ist?" Bella fuhr mit der Hand nach dem Herzen, sie glaubte, es müßte stille stehen, Leichenblässe bedeckte ihr Angesicht. Erschreckt sprang der alte Jean ihr zur Seite, er fürchtete, sie würde ohnmächtig uiederstürzen. Doch mit übermäßiger Anstrengung hatte sie den Anfall überwunden und begab sich wieder zurück in ihr Zimmer. Hier erst erbrach sie mit zitternder Hand das Siegel und las: ״Wenn diese Zeilen an ihre Bestimmung gelangen, so liegen bereits Meilen zwischen dem edelsten, den: holdesten Wesen und jenem Elenden, der es gewagt hat, sein Auge zu ihr zu erheben. O, Bella! Bella! verzeihe den Schmerz, den ich Dir verursache, aber sei überzeugt, Du ertrügst ihn jetzt leichter, als wenn Du ihn erst später empfunden haben würdest. Denn ich habe Dich betrogen, Bella — ich habe Dich belogen. — Das Bild, das Du wiederholt in meinen Händen gesehen und das ich Dir als das Bild meiner Schwester bezeichnet — hasse, verachte den elenden Lügner, Bella — es ist daS Bild derjenigen Frau, die ich liebe, seit ich denken kann. Aber sie war vermählt, sie war mir unerreichbar, und ich hoffte, in Deinem Besitz sie dereinst vergessen zu können und wieder glücklich zu werden. Vielleicht wäre es mir gelungen. Doch seit gestern weiß ich, daß sie Wittwe, daß sie frei ist —-