Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 19 (1886)
- Issue
- Heft 11 (18.3.1886)
- Article
- Wandelungen
- Date
- 1886-03-18
- Page
- 168 (sequence 3)
- Language
- German
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168 ihn doch auch, den Zweck seiner Herreise in der Hcimath geheim Zll hatten. Es könnte sehr unangenehm werden, wenn mein Vormund oder dessen Familie erfahren würde, daß Mama leidend ist. Die Leute waren früher so sehr zudringlich." ״Wenn es Dir gefällig wäre, selbst das Konzept zur Depesche zu entwerfen —" - Sie setzten sich ans eine Bank, Herr von Mühler zog sein Portcsenille hervor, öffnete eS uub reichte cS seiner Braut, bei dieser Bewegung glitt ein deutsches Zeitungsblatt aus seiner Tasche. ״WaS ist das?" fragte Bella. ״Die Breslauer Zeitung." ״Giebt's etwas Neues in der Hcimath?" ״Ich habe sie noch nicht gelesen, während Du schreibst, will ich einen Blick hineinwcrfen." Die Bank, auf die sie sich niedergelassen, lehnte an einen kleinen Pavillon, der diesem Ruheplatz den angenehmsten Schatten lieh. Bella benutzte dieses, den breitrandigen Sonnenhut abznnchmen. Der frische Seewind streifte durch die langen blonden Locken und färbte auch die rosigen Wangen des jungen Mädchens höher. Anmnthig leicht nach vorn gebeugt, hielt sie das Portefeuille auf den Knien, das goldene Crayon in der Hand. Ihr Verlobter neben ihr schien den Zauber dieses reizenden Anblickes wenig zu empfuibcn. Ruhig, fast kalt glitt sein Auge über die klassisch schönen Formen seiner holden Braut, dann vertiefte er sich in seine Lektüre. Schon zwei Mal hatte Bella den Aufsatz entworfen, immer hatte sic jedoch daran auszusetzen. Etwas unmuthig machte sie sich zum dritten Mal daran, doch auch hiervon nicht ganz befriedigt, ersuchte sie Herrn von Mühler, was sie geschrieben, zu dnrchlesen. ״Wolltest Du so freundlich sein, Martin," bat sie, indem sie ihm das Blatt darbot. ' Doch Herr von Mühler schien sie nicht zu hören. Leichenblaß, mit weit aufgerisscnen Augen, starrte er ans das Zeitungsblatt in seiner Hand. ״Um des Himmelswillen, Martin, was ist Dir? — Martin! Martin! ich beschwöre Dich! — um Gotteswillen, sprich zu mir!" Sic schlang ihre Arme um seinen Hals unb wollte ihn an sich ziehen, doch er schrak zusammen, blickte verwirrt zu ihr auf und dann wieder ans die Zeitung, in der er einige Zeilen zn lesen schien — ein Acchzen entrang sich seiner Brust. In unaussprechlicher Angst-umklammerte ihn Bella. ״Martin! Martin! um Gottcswillen, was ist geschehen? — Du hast eine schmerzliche Nachricht erhalten — ich sehe Dir's an — 0, sprich zu mir — sprich!" sichte sie, ״laß mich das Schreckliche mit Dir tragen, ich habe ein Anrecht darauf — ich bin ja Deine Braut." Sic wollte das Blatt seiner Hand entwinden, seine Finger hielten cs krampfhaft umschlossen, mit übergroßer Anstrengung rang er nach Fassung. ״Verzeih!" stammelte er endlich, ״daß ich Dich erschreckt." ״Aber was ist Dir? — Ich beschwöre Dich! — Martin, um unserer Liebe willen, sage mir, was ist geschehen?" Die Sprache schien ihm zu versagen, doch sie blickte so flehentlich zu ihm auf. ״Meine Schwester —״ stieß er endlich hervor. ״Deine Schwester ist krank?"' Er schüttelte verneinend den Kopf. ״Wittwe", flüsterte er. ״Armer, lieber, guter Martin!" sie schlug von 'Neuem ihre Arme um seinen Hals, ..wie bist Du so gut. so unendlich gut. Wiederholt hast Du mir gesagt, daß der Gatte Deiner Schwester Dir zuwider, daß Du ihn hassest — und nun erfüllt Dich sein Tod mit solchem Entsetzen." ״Der Tod sühnt Alles," cntgegnete er mit heiserer Stimme, ״er muß schon seit vier-Jahren tobt sein — jetzt las ich die 'Nachricht vom Tode seines Vaters." ״Und daS hat Dich so sehr erschüttert?" ״Er war auch mir ein Vater." ״Armer, armer Martin! — Wie sind die Verhültnisse Deiner Schwester? -- Wenn Du sie unterstützen willst, mein Vermögen steht zn Deiner Dis- Position. — Doch augenblicklich bist Du zu sehr ergriffen. Laß uns hiueingehen, lege Dich ein wenig nieder und versuche zn ruhen. — Komm, stütze Dich ans mich." ״Danke — danke — Du bist so gut — so gut." Er erhob sich mühsam, sie zog seinen Arm in den ihren, langsam schritten sie dem Wohnhansc zu. ״Es wird Dir lieber und für Mama besser sein, wenn Du heute nicht zu ihr kommst. Dein verstörtes Aussehen. Deine Trauer könnten sie erregen und sie -ist so sehr schwach." Er murmcllc einige zuslinunende Worte und wollte sich entfernen, besann sich jedoch. ״Willst Du mir das Konzept zur Depesche au den Sanitntsrath geben, so will ich ihm telcgraphiren lassen." ״Ich danke Dir, ich werde cs durch Jean besorgen lassen, Du bis! zn sehr ergriffen. Wolltest Du Dich nicht ein wenig nicderlcgcn?" Er versprach cs und begab sich hinauf in die obere Etage, in der sein Zimmer sich befand. Besorgt schaute Bella ihm nach, so hatte sie ihn noch nie gcscheu. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. (Fortsetzung folgt.)